http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_07/0097
Das Bild gehört zu den bewundertsten und anziehendsten "Werken
des Künstlers. In der düsteren Gruft, umrahmt von der Fülle
schwarzen Haares, leuchtet das schöne Gesicht der Heiligen
wie in überirdischem Glänze stiller Verklärung. Die Farben-
und Lichtkontraste sind zu einem warmen, goldig-klaren Tone
zusammengestimmt, wie durch einen Sonnenstrahl, der in dies
Dunkel hineingedrungen ist. Ebenso bewunderungswürdig ist
die malerische Wiedergabe des Stofflichen, besonders der zarten
Haut der knospenhaften Gestalt.
106. Ribera: Klumpfuss. Vor dem XVII. Jahrhundert, vor der
ersten Epoche des Naturalismus im modernen Sinne hätte man
Kaum gewagt, einen so abstossenden Gegenstand, eine Studie
nach einem hässlichen, klumpfussigen, taubstummen, halb blödsinnig
grinsenden Betteljungen in Lebensgrösse und in ganz
undmässiger Ausführung mit aller Sorgfalt und Kunst auf die
^einwand zu bringen, üeber eine Skizze wären selbst die
unnsten Realisten der Vergangenheit nicht hinausgegangen.
f ist dabei nicht etwa die Arbeit eines neuerungssüchtigen
• unghngs, die wir vor uns haben, sondern das wohlbedachte,
mit aller Ruhe der Beobachtung und mit voller Meisterschaft
er lechnik ausgeführte Werk des in der Vollkraft des Könnens
u?u auf 4er Höhe seines Ruhmes stehenden Meisters, der auch
nicht versäumt hat, es mit seinem vollen Namen und der Jahres-
107 i-L1642) zu Zeichnen.
/• Ribera: Anbetung der Hirten. Die „Anbetung der Hirten"
ann als Beweis dienen, wie wenig die düsteren Extravaganzen
es Asketismus, die er oft zu schildern gezwungen war, den
ülSeitlichen Kunstcharakter Riberas erschöpfen. Gerade bei
S°.Vi iU "^^^ern ^es stillen, beschaulichen Daseins, solchen
enilderungen des inneren Lebens der Menschen verweilt er
mit der grössten Liebe. Kurz nachdem ein schwerer Schick-
?alsschlag ihn getroffen, hat der alternde Meister — das Bild
ist 1650 gemalt — dies lebensfrische Idyll stiller und inniger
reude mit aller Hingebung und künstlerischer Vollendung
auszuführen vermocht. Das reizende, für ein Neugeborenes
allerdings recht stattliche Christkind beleuchtet die Mutter und
die Hirten mit dem Glänze, der von ihm ausgeht. Ribera folgt
nierin also noch den Traditionen, die von Correggio ausgingen,
yi der Madonna soll Ribera das Bild seiner Tochter Maria Rosa
dargestellt haben. Die Gestalt ist jedenfalls dieselbe wie in der
^agdalena in Dresden; auch die Form der Hand ist die gleiche,
j^ur zeigt sie hier reifere, frauenhaftere Formen und Ausdruck,
so wie das Bild der früh verlorenen Tochter sich in der Er-
1 muerung gestaltet haben mochte.
lUö. 109. Tizian: Die Glorie. Karl V, dem bei religiösen Uebungen,
sobald sein spanisches Blut und das unheilvolle Erbteil seiner
Mutter über ihn Macht gewann, Uebersinnliches zur greifbaren
Vorstellung geworden, hatte seinem Hofmaler eine Aufgabe
gestellt, bei der eines Geringeren als Tizians Gestaltungskraft
wohl zuschanden geworden wäre. Ein Traumbild musste er
malen, den Tag des jüngsten Gerichtes, so wie ihn der Kaiser
zu schauen hoffte. Ein Trost in trüben Tagen wurde das Werk
dem Besteller und begleitete ihn in die weltvergessene Waldeseinsamkeit
von Yuste; in seinen Anblick versunken, schied er,
m dessen Reich die Sonne niemals unterging, aus dem Leben.
Sie neigen sich alle, die einst Menschen waren und die Sünde
trugen,_vor Gottes Thron; Noah, Moses, David, die Evangelisten
und Kirchenväter. Engel schliessen den Kreis um die Dreieinigkeit
. Die Himmelskönigin nähert sich dem göttlichen
Sohne, erbarmungsvoll ruht ihr Blick auf einer Gruppe bebender
, bussfertiger Wesen. Vorn kniet der Kaiser in weissem
Totenhemd neben der Krone, wie seine Gemahlin von Schutzengeln
geleitet, dahinter die Schwester und Philipp der Sohn.
Endlich der Maler. Morgendämmerung ruht über dem Erdball.
HO. Hermes. Das Original dieser Figur, dessen Schöpfer leider
nicht bekannt ist, muss in der späthellenistischen und augusteischen
Zeit, als man sich für die älteren Werke der griechischen
Kunst allgemein und lebhaft interessierte, sehr berühmt und
namentlich in Künstlerkreisen sehr geschätzt gewesen sein.
Denn man hat die Statue nicht nur kopiert, sondern einer der
damaligen Meister, Kleomenes, hat sie als Vorbild für die
Rorträtfigur eines Römers benützt. Dieses ausgezeichnete Werk
ist Bd. III Taf. 102 abgebildet. Nach ihm wird der an der
Kopie des Museo nazionale abgebrochene und modern zugefügte
rechte Arm mehr nach dem Kopfe hin gehoben zu denken sein,
in der Gebärde des Redners, wie sie ebenso auf altattischen
Vasenbildern ausgedrückt ist, die dem in der ersten Hälfte des
5. Jahrhunderts entstandenen Original der Statue zeitlich nahestehen
. An der Kopie sind auch ausser den Füssen der Daumen
und der Zeigefinger der rechten Hand mit dem Beutel falsch
ergänzt, die Hand hielt den Heroldstab, dessen oberes Ende
an den Oberarm anlehnte und hier das von der Schulter herabgeglittene
Gewand festhielt. In der Statue ist der Gott in dem
Bilde jugendlicher Kraft und Schönheit dargestellt, so wie er
auch in den Werken der entwickelteren und jüngeren Kunst
geschildert ist. Aber zu der Zeit, als das Original der Figur
entstand, war das jugendliche Hermesideal noch eine neue Erscheinung
: es ist erst gegen Ende des 6. oder zu Anfang des
5. Jahrhunderts an die Stelle eines älteren bärtigen Typus getreten.
111. Luden Simon: Prozession. Lucien Simon und sein Freund
Charles Cottet sind die bedeutendsten Vertreter der bretonischen
Schule. Seit vielen Jahren suchen sie jeden Sommer die Bretagne
auf. Nicht um hübsche anekdotische Züge ist es ihnen
zu tun, auch nicht um das Kostüm in erster Linie, sondern
um den Charakter dieser ernsten Flachlandschaft und ihrer
wetterharten schweigsamen und schwerfälligen Bewohner. Cottet
hat sie meist in dunklem Alltagsanzug gemalt, Simon im farbigeren
Festkleide, oft haben sie aber auch die Rollen vertauscht
. So ist unsere „Prozession" ausschliesslich auf ein
leuchtendes Weiss und ganz dunkle braune und schwarze Töne
gestellt. Ueber der geblichgrauen Landschaft, auf der hinten
ein Streifen des Meeres sichtbar wird, schwebt ein bewölkter
Himmel. Kühles Morgenlicht gleitet über die Köpfe, Gesichter
und Gewänder der Teilnehmer an der Prozession. Das Bild
ist mit einer ganz ausserordentlichen Kraft und Breite gemalt.
112. Giovanni della Robbia: Tabernakel. Seitdem der schöne
Sakristeibrunnen in Santa Maria Novella als Jugendwerk des
Giovanni della Robbia, des jüngsten in der ruhmreichen Trias,
dokumentarisch gesichert ist, darf man anstandslos das diesem
stilistisch eng verwandte Tabernakel in der kleinen Apostelkirche
ihm gleichfalls zurückgeben. Die etwas oberflächliche
Bildung der Engel, deren lockige Köpfe bei aller Anmut leer
sind, ist gerade für seine Art charakteristisch. Im Aufbau entspricht
das Werk dem Tabernakel Desiderios in San Lorenzo
(vergl. Bd. III, T. 104), das für Ciborien überhaupt vorbildlich
gewesen ist. In der Kapelle der Acciajuoli, die im Borgo SS.
Apostoli ihren Palast hatten, aufgestellt, ist es nach dem Wappen
eine Stiftung dieser Familie gewesen.
113. Coello: Don Carlos. Von König Philipps Sohn, dem durch
Schillers Dichtung berühmt gewordenen Don Carlos, ist uns ein
Bildnis überkommen, das romantisch Veranlagte enttäuscht,
dem Psychologen bei seiner meisterhaften Charakteristik manch
dankenswerten Aufschluss über die Veranlagung des unglücklichen
Prinzen gewährt.
114. Van Goyen: Winter am Flusse. In Dresden, wo Jacob
Ruisdael reich und AVouwerman überreich vertreten ist, sind
von van Goyen, der nicht minder fruchtbar war als Ruisdael
und Wouwerman, nur drei Bilder zu sehen , unsere Winterszene
, das Pendant hierzu, eine sommerliche Flusslandschaft
und ein bescheidenes Stück von 1633, aus der Frühzeit des
Meisters. Als die Dresdener Galerie entstand, schätzte man
den van Goyen nicht hoch. Sein Ruhm erwuchs ziemlich spät
im 19. Jahrhundert, namentlich in Paris. Durch die Bestrebungen
der modernen Landschaftsmaler belehrt, entdeckte
man den holländischen Meister, der früher als Jacob Ruisdael
und Hobbema schlichte Ausschnitte der heimischen Natur gemalt
hat. Van Goyen verzichtet auf starke Wirkungen, verzichtet
fast ganz auf die Lokalfarbe. Seine Ansichten erscheinen
eintönig, bald grau, bald grünlich oder bräunlich, stets hell,
blond, leicht gemalt, wie getuscht flüchtig gestrichelt. Die Abstufung
der Tonwerte , die Weite des Bildes, die Luftperspektive
, die zitternde, wassererfüllte Atmosphäre ist ihm das
wesentliche. Ein hoher Himmel, ein niedriger Horizont, ein
undeutliches Gewimmel vieler, gut bewegter Figürchen. Nichts
tritt scharf hervor. Pantheistische Gleichgültigkeit gegen das
Einzelne scheint die konsequent und naiv festgehaltene Betrachtungsweise
des bescheidenen und selbständigen Malers zu
erfüllen. Unser Bild ist wie das Gegenstück mit der aus „V"
und „G" zusammengesetzten Signatur und mit der Zahl 1643
versehen.
115. Jacob Cornelisz: Christus mit Maria Magdalena. Der
etwas derbe Holländer, der in den ersten Jahrzehnten des
16. Jahrhunderts zu Amsterdam eine fruchtbare Tätigkeit entfaltete
, indem er Porträts und Altartafeln ausführte und für
den Holzschnitt zeichnete, ist erst neuerdings bekannt geworden
. Es hat recht lange gedauert, bis man seine Signatur,
die aus J, einer Art Hausmarke und A gebildet ist, recht
deutete. Mehrere Gemälde und Holzschnitte zeigen diese Signatur
. Unser Bild ist nicht signiert, wohl aber datiert —
1507 — mit einer auffallend frühen Jahreszahl. Die Prüfung
des Stils lässt keinen Zweifel, dass die Tafel, die ehemals oberdeutschen
Malern^zugeschrieben wurde, eine Arbeit Jacobs ist.
Ungewöhnlich hell und nüchtern gefärbt, eigentümlich scharf,
trocken und pastos gemalt, stimmt sie in den Typen und in
dem absonderlichen Faltenwurf durchaus mit den beglaubigten
Werken des Meisters überein.
116. 117. Raffael: Galathea. Für Agostino Chigi, den grossen
Sienesischen Bankier und Finanzverwalter des Papstes, fand
Raffael Zeit in einer Periode seines Lebens, da selbst Fürsten
um Bilder seiner Hand baten. AVährend in den Vatikanischen
Fresken, den Kartons für die Teppiche — von den Tafelbildern
gar nicht zu reden — der Anteil der Schüler mehr und mehr
zu herrschen beginnt, scheint Chigi es verstanden zu haben —
und Vasari führt, dafür die hübschen Klatschgeschichten an —,
den Meister selbst für seine Aufträge zu interessieren. Die Sibyllen
in S. Maria della Pace und die Galathea sind ein Beweis
dafür: beide ganz von ihm gemalt; während aber an dem Sibyllenfresko
durch fremde Ueberarbeitung der Genuss nicht
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_07/0097