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des Künstlers, in mehr als einer Beziehung- sein letztes Werk.
Trotzdem der Kardinal den Zweikampf zuliess, und im Urteil
der Zeitgenossen der Sieg sogar zweifelhaft scheinen konnte,
behielt man Raffaels Werk in Rom. Uns ist es heute klar,
dass Sebastianos Werk an innerer Wahrheit und Notwendigkeit
neben Raffaels gar nicht in Frage kommen kann. Die Zeitgenossen
konnte der starke Geist Michelangelos, der sich in
der Hauptfigur ausspricht, und die fremde effektvolle Farbe
verwirren. Tatsächlich wirkt der Kolorismus des Bildes auch
heut noch unfehlbar. Aus dem düsteren — düster gewordenen
— Ensemble glüht ein Smaragdgrün in vielen Schattierungen
heraus, daneben ungemein wirksam Tomatengelb und -rot.
Hinter den unheimlich düster bewegten Gruppen die kühn gezeichnete
und beleuchtete Landschaft: ein feurig lodernder
Abendhimmel über Ponte rotto und Aventin.
133. Baroccio: Die Einsetzung des Abendmahls. „Es war das
letzte Bild, das Baroccio vollendete," sagt sein Biograph Bellori.
Nach einer urkundlichen Angabe wäre der Künstler freilich
schon 1590 damit beschäftigt gewesen. Das Bild hat von Anfang
an in der Sakramentskapelle des Doms von Urbino gehangen
. Mit allen Vorzügen und Fehlern des reichbegabten
Urbinaten macht es vertraut. Sehr geschickt wird das Auge
auf die Hauptfigur gelenkt, trotzdem, diese weit zurück ihren
Platz hat. Es ist reich an glücklichen Bewegungen, farbig
feinen Effekten; Licht und Schatten sind mit Geschick verteilt.
Aber es fehlt dem Bild an Einfachheit, um ein wahrhaft grosses
Kunstwerk zu sein; Nebenfiguren drängen sich vor, bloss damit
anmutige Stellungen gezeigt werden können; und inwieweit
sind diese Jünger überhaupt noch an dem heiligen Vorgang
beteiligt ? An Stelle bezeichnender und bedeutender Bewegungen
, die bei diesem Anlass gewiss nicht vermisst werden
dürfen, sind banalste Alltäglichkeitsgesten getreten. Das Hereinziehen
überirdischer Gestalten in irdisch gebildete Umgebung
entspricht dem Zeitgeschmack. Dann aber doch wieder: wie
glücklich einzelne Gruppen, z.B. die ganze rechte Ecke und
vollends die durch die Türen sichtbar werdenden Figuren des
Hintergrundes, im feinen malerischen Halblicht — fast niederländisch
reizvoll.j
134. Sassoferrato: Madonna. Etwas mehr Beachtung, als man
ihm heute zugeben geneigt ist, sollte Sassofeirato finden. Wer
sich erinnert, dass er ein Zeitgenosse Rembrandts ist, der ist
nicht auf dem Wege zum Verständnis dieses einfachen Madonnenmalers
. Der römischen Welt des 17. Jahrhunderts war
er der gefeierte und beliebte Maler des Andachtsbildes, geehrt
schon von den Zeitgenossen mit dem Beinamen des pittore
delle belle madonne. Eigene Wege ging Sassaferrato freilich
nicht, aber die stillen und rührenden Bilder entsprachen so gut
dem Gefühl und dem kirchlichen Bedürfnis seiner Römer. Vor
ihnen verrichteten Kardinäle ihre Andacht, aber auch der rauhe
Singsang der Pifferari stieg zu ihnen empor. Das hier abgebildete
Wiener Bild gibt Sassoferratos Art im typischen Beispiel
. Unzählige solcher Halbfiguren der Maria, allein oder
mit dem Kind, gingen von der Werkstatt des Meisters aus.
Seltener unternimmt er das Komponieren mit vielen Figuren,
dann aber auch wohl mit grossem Glück, wie bei seinem besten
Werk, dem Rosenkranzbild der Kirche Santa Sabina auf dem
römischen Aventin. Aus den Kirchen und Kapellen wanderten
Sassoferratos Bilder früh in die Sammlungen, um jetzt aus
diesen wieder in die stille Provinz oder in die Depots gewiesen
zu werden. Wo ein Sassoferrato noch neben anderen Italienern
hängt, zwischen einem Carlo Dolee etwa und einem Domeni-
chino, springt von weitem schon teine seltsame Färbung ins
Auge. Das Rot, Blau und Weiss der Marientracht ist im
stumpfen Kreideton gegeben, um die Gewandfärbung zu der
exstatischen Blässe der Gottesmutter zu stimmen. Die einmal
gefundene Weise wird nun immer wiederholt, von ihm
nicht nur, auch von den Schülern und Nachahmern. Die Schulbilder
sind sehr zahlreich, man hat sich noch kaum die Mühe
genommen, sie vom Werk des Meisters zu sondern. Es erklärt
sich, dass sie den eigenhändigen Arbeiten des so gleichmässigen
und gar nicht kapriziösen Meisters sehr nahe kommen.
135. Westportal der Kathedrale in Reims. Die Tafel gibt einen
Blick auf das linke Gewände des Hauptportals; im Hintergrunde
erscheint der lachende Engel, der früher abgebildet
wurde. Vorn rechts steht der Josef (um oder bald nach 1250).
Das Liebenswürdige der Pose tritt stärker hervor, als bei der
Faceansicht. Neben dem Josef sieht man eine der schönsten
frühgotischen Statuen, die auf uns gekommen ist; es ist ein
Prophet oder einer von Josefs Sippe. Die Ruhe der Haltung
und Stimmung, die schwerere Bildung des Körpers fallen auf
zumal neben jener geschmeidigen hochgotischen Figur. Diese
frühgotische ihrerseits aus einem Gusse. Der Ruhe des Wesens
entspricht der fest und einfach umgelegte, gross gegebene
Mantel, durch den das Geschlossene der Armhaltung — der
abgebrochene linke ruhte in der Mantelschlinge — wie des
ganzen Umrisses zuwege gebracht wird. Aehnlich geht das
Kostüm auf in der Erscheinung bei der Königin von Saba,
die weiter links an der Stirnseite des Strebepfeilers steht. Das
Gewand ist sehr einfach; doch die Sicherheit und Eleganz, mit
der es getragen wird, zeigt die edle Frau an; man sehe, wie
der leicht um die Schultern gelegte Mantel, durch die Arme
ein wenig ausgebreitet, schlanken Falls herabgleitet. Der Kronreif
ist schlicht; aber er steht gut; die Frau mit dem schönen,
üppigen Kopf, dem leise spöttischen Lächeln ist eine echte
Französin.
136. Bernardo Rossellino: Verkündigungsrelief. Dies graziöse
Erstlingswerk des berühmten Architekten und Bildners, der an
persönlicher Bedeutung und geistiger Kraft alle Nachfolger
Donatellos überragt, ist schon 1433, also von dem 24jährigen
Künstler geschaffen worden, als er die Fassade der Misericordia
in Arezzo fertig stellte. Sowohl die im Giebel vorgeführte
Aussendung Gabriels wie die Kulissen der Hauptszene erinnern
an szenische Vorbilder, deren lebendige Anschauung wir der
Beschreibung eines russischen Bischofs verdanken, welcher 1439
in der florentiner Annunziata eine Darstellung der Verkündigung
miterlebte. Auch die Predella mit dem Auszug Marias
und Josefs aus Nazareth (rechts) und ihre Ankunft in der fern
auf der Waldhöhe gelegenen Zuflucht Elisabeths (links) ist
völlig eigenartig, namentlich auch in der Behandlung der Landschaft
. Nur die Marmorpredella des einen Altares in der Im-
pruneta bei Florenz (von Michelozzo wohl nach 1542) gibt
etwas ähnliches. Bernardos grosse Verkündigung in Empoli
(1447) ist bedeutender und statutarischer; aber auch hier in
dieser Jugendarbeit kommt schon das hohe Gefühl für adelige
Schönheit und vornehmen Anstand deutlich zum Vorschein.
137. Bruyn der Aeltere: Männliches Bildnis. Unter den vielen
Bildnissen von der Hand des älteren Bruyn, die uns erhalten
sind, zeichnet sich das Paar in Frankfurt durch grosse Verhältnisse
, durch starke Plastik und durch hoch entwickeltes Helldunkel
aus. Wir bilden nur den Mann ab, wahrscheinlich einen
angesehenen Kölner Bürger. Das Bildnispaar stammt aus dem
Besitz des ausgezeichneten Kunstforschers J. D. Passavant, dem
die Frankfurter Galerie viel verdankt. Der Dargestellte trägt
einen Wappenring. Doch ist es noch nicht gelungen, mit dieser
Hilfe die Persönlichkeit festzustellen. Man hat die Familie
Querfurt vorgeschlagen, scheint aber damit nicht das Richtige
getroffen zu haben. Die Tafel schloss ursprünglich, wie fast
alle Porträts des Meisters, oben in geschweiftem Bogen ab und
ward erst durch spätere Zutat geradlinig gemacht.
138. Bramantino: Knabe in Weinranken. Der Korridor der
Brera birgt unter den kostbarsten Resten der lombardischen
Schule, einer Reihe ausgesägter Fresken, auch dies entzückende
Stück. Bramantino, des grossen Bramante Gehilfe, solange
dieser in Mailand weilte, und sein Begleiter, als er nach Rom
ging, vereinigt in sich die verschiedensten Schuleinflüsse; lombardisch
-umbrisch-ferraresisch könnte man seine Kunst umschreiben
, so vielgestaltig ist sie, so verschiedene, aber immer
fesselnde und originelle Züge zeigt er in jedem seiner Werke.
In diesem Bild sind alle fremden Anregungen und alles mühsame
Lernen zur Ruhe gekommen. Die Perspektive, die er
sonst wohl mit einigem Stolz zur Schau stellt, versteht sich
hier von selbst. Sie dient nur dazu, den kleinen Mann auf
seinem hohen Sitz noch lebendiger erscheinen zu lassen. Der
Raum, in dem er ehemals auf dem Gesims sass —gewiss nicht
allein — muss durch diese wundervolle Lichtmalerei eine Heiterkeit
und Frische bekommen haben, als dränge Licht und Luft
selbst durch die Mauern. Noch, wenn man die Abbildung
hoch über sich hält, weht einen daraus die Frische an, die
das Original an seinem ursprünglichen Platz ausgeübt haben
muss.
139. Piero di Cosimo: Kleopatra. Seitdem in der Vespucci-
kapelle der Kirche Ognissanti zu Florenz das authentische Porträt
der schönen Simonetta nachgewiesen werden konnte, hat
unser Bildnis von allen seinen Ansprüchen zurücktreten müssen.
Auch die Inschrift ist immer misstrauischer betrachtet und offen
als späterer Zusatz erklärt worden. Nicht die Geliebte des
Giuliano de'Medici, sondern Kleopatra haben wir vor uns, ein
Idealbild, das die leidenschaftliche Aegypterin der Römerzeit
umgewandelt zeigt in die zartgeformte florentiner Nymphe
des Quattrocento. Nichts als der entblösste Busen und die um
den Halsschmuck geringelte Natter deuten das antike Urbild
an. Das Werk gehört in einen Kreis von Jugendarbeiten des
Künstlers, in denen er mythologische Stoffe bevorzugt. Sein
künstlerisches Streben ist dabei auf die Erreichung eines einheitlichen
, das ganze Bild beherrschenden Tones gerichtet, für
den er im Anschluss an Leonardo ein duftiges Silbergrau wählt.
Dieser Tonigkeit ordnet er alle Farben unter, trägt sie dünn
und behutsam auf und stimmt die Lokaltöne matt und kalt.
Aus dem zarten Farbenglanz dieses Gemäldes leuchtet nur das
kräftige Gelbgrün des Natterleibes hervor, und dieses Vordrängen
zum Schaden der koloristischen Harmonie scheint die Absicht
des Künstlers, eine Kleopatra darzustellen, mit fast unbeholfener
Deutlichkeit auszusprechen.
140. Justus van Gent: Das Abendmahl. Die niederländischen
Maler des 15. Jahrhunderts wurden in Italien hoch geschätzt
schon zu früher Zeit. Ihre sorgsam durchgebildeten Werke
mit der strengen Formensprache und der tiefen, ernsten Empfindung
erschienen den Südländern im besonderen als religiös
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