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können. Genug, dass er die Idee des Ganzen angab und die
Kräfte seines Ateliers so geschult hatte, dass die Gehilfen den
von ihm entworfenen Szenen und den ohne ihn undenkbaren
heroischen Gestalten diese reiche Lebensfülle geben konnten.
So haben 'Giulio Romano und Gianfrancesco Panni die Figuren
gemalt, während Giovanni da Udine seine Meisterschaft als
Schilderer von Blumen und Früchten für Girlanden in den
Dienst von Raffaels Werk stellte. Ganz neu und originell ist
die Idee zur malerischen Behandlung der Decke. Ihre architektonische
, figürlichen Erzählungen nicht sonderlich günstige
Gliederung — fast genau wie die der sixtinischen Kapelle, ein
Spiegelgewölbe mit Stichkappen — hat Raffael der Heiterkeit
des Gartensaals entsprechend, in das luftige umgedichtet: um
vieles frischer, offener, muss sie gewirkt haben, als die Gartenwand
noch nicht durch Fenster geschlossen war. Da mochten
sich die Genossen von Agostinos berühmten Festen in einer
grossen Laube glauben, durch deren luftiges Dach die Olympier
selbst herabblickten, und je menschlicher sie dort oben erschienen
, um so göttlicher fühlten sich die Geniessenden drunten.
Hier war durch die Gunst der Umstände einer jener
Festräume dauernd geworden, wie sie die verschwenderische
Phantasie der Renaissance für Augenblicke in vergänglichem
Material schuf: die offene Halle von einem luftigen Gerüst aus
Girlanden überwölbt und oben durch grosse Schattentücher
oder Teppiche geschlossen. In Raffaels Malerei ist nichts, was
nicht in Wirklichkeit sich so konstruieren Hesse, von den ganz
unter Gewinden verschwindenden Bögen und Rippen, bis zu
den an lauter Nägeln ausgespannten, horizontal schwebenden
Teppichen der Decke. Die Folge der Darstellungen erklärt
sich aus Apulejus, Erzählung von Amor und Psyche, die der
Renaissance schon vor Raffael bekannt, in der florentimschen
und venetianischen Kunst dargestellt worden war.
Danach hat der Künstler folgende Szenen des Mythus gewählt
: (1) Venus fordert ihren Sohn Amor auf, sie an der
Psyche zu rächen, die durch ihre Schönheit die Menschen von
der Verehrung der Göttin ablenkt. Sie zeigt ihm die Sterbliche
und Amor scheint den Pfeil fast drohend zu erheben.
Aber das Geschoss wendet sich gegen ihn selbst; unruhig durchflattert
er den Luftraum (2) und weist den erstaunt und neugierig
ihn musternden Grazien den Grund seines Schwärmens.
Er entführt Psyche zum höchsten Zorn seiner Mutter, die nun
(3) hilfesuchend gegen die Feindin und den Sohn die Göttinnen
Juno und Demeter anruft. Mit kaum verhehlter Schadenfreude
lassen die Göttinnen sie ziehen: Juno bedauert mit falschen
Augen, ihr nicht helfen zu können, Ceres scheint sie ebenso aufrichtig
zu beklagen, wie sie ihr das Unglück gönnnt. Im Zorn
geht Venus davon, die versteckten Feindinnen mit einem Blick
durchschauend. Auf ihrem Taubenwagen (4) strebt sie, mit
dem Blick voll Sehnsucht ihrem Flug voraus, dem Sitz des
höchsten Gottes zu. Hier (5) versteht sie sich aufs Schmeicheln
so gut, dass der Blitz schwingende Gott fast ihre Bitte darüber
vergisst. Merkur wird ausgesandt, (6) im tönenden Flug durcheilt
er die Luft, um Psyche zu suchen.
Venus quält sie auf alle Weise; aber bei den fast unmöglichen
Aufgaben, die sie ihr aufbürdet, findet Psyche wunderbare
JBilfe. So holt sie die Büchse aus der Unterwelt (7) und
erscheint damit vor der erstaunten Göttin, demütig, wie um
das Ende der Qualen bittend (8). Inzwischen ist Amor aus
der Haft, in die seine Mutter ihn gebracht, entflohen , bittet
den Göttervater um Psyche (9) und erhält mit einem Kuss die
Gewährung, Hermes muss die Psyche zum Olymp hinaufführen
(10) ; wo sich inzwischen die Götter zum grossen Rat versammeln
(Deckenbild I). Die beiden Parteien, noch immer unerbittlich
Venus, Amor flehend, erscheinen vor dem Thron des
Jupiter, der durch ein doppeltes Versprechen sich gebunden
fühlt und seinem Herzen, das auf Amors Seite ist, noch nicht
zu folgen wagt. Doch alle andern, Juno, Diana, Minerva
blicken günstig auf den Amor, während die Worte der Venus
mindestens von Poseidon und Pluto nicht eben beifällig aufgenommen
werden. Die andern Götter sitzen in der frohen
Zuversicht, dass hier nichts tragisch enden könne, auf ihren
Wolken und schon reicht Hermes mit herzlichem Blick der
abseits der Entscheidung harrenden Psyche den Trank der Unsterblichkeit
. Die Hochzeit (Deckenbild II) vereinigt alle in
wieder hergestelltem Frieden: die Liebenden ganz in sich verloren
, Zeus über den Freuden des Mahls gleichwohl mit um-
wölkter sorgender Stirn, lässt Juno Zeit, ihre Nachbarn Poseidon
und Amphitrite zu stören; Pluto, der finstere neben der
jugendlichen, sehnsüchtigen Gattin, die anmutigste Hebe mit
Herakles, das ungleiche Paar, sein Glück am fremden messend.
Dann die mehr als versöhnte Venus: die Rivalin sitzt an der
Seite des Sohnes, bewundert; da lenkt sie die Blicke der Götter
auf sich; mit Blumen geschmückt, geschürzt tritt sie zum
Tanze hervor, scheint von Apoll und den Musen die Begleitung
verlangt zu haben. Ihr Gatte Vulkan sieht ihr, die sich wieder
vor aller Augen verjüngt, nicht gerade entzückt zu. Amoren
spielen sich durch die einzelnen Gruppen hindurch in drolliger
Dienstbereitschaft; die Hören streuen Blumen, die Grazien
schütten Wohlgerüche aus und Bacchus und Ganymed warten
des Schenkenamts. Alle diese Figuren in den Zwickeln und
auf den Teppichen der Decke bewegen sich vor blauem Grund,
ebenso in den Kappen des Gewölbes die Amoren mit den In-
signien aller Götter, die den Triumph der Liebe über das Weltall
darstellen sollen im selben Raum, wo sich Götter von der
Liebe besiegt zeigen. ■
Heute stören gewisse Veränderungen des Kolorits im Fleisch
und nachträgliche Uebermalungen, besonders die Auffrischung
des blauen Grundes den Genuss der farbigen Erscheinung nicht
unbeträchtlich, Im Jahre 1650 etwa hat Maratta in der unter
den Farneses etwas verkommenen Villa Restaurierungen und
Uebermalungen vorgenommen, die den Bildern recht ungünstig
geworden sind. Vor allem hat die Beweglichkeit des Konturs
durch das Nachziehen des blauen Grundes gelitten und das
Fleisch steht jetzt härter zur Luft, als das ursprünglich geplant
war. Gleichwohl klagten schon die Zeitgenossen über den
schlechten farbigen Eindruck des Werks, und ein Korrespondent
Michelangelos — also allerdings einer von Raffaels
Gegnern — berichtet 1518 von der Enthüllung der Deckenbilder
: chosa vituperosa a un gran maestro ■— eine Schande für
einen grossen Maler. Der Vorwurf fällt immer auf den Anteil
der Schüler. Ihr Geist hat nie die Feinheit dessen fassen
können und auszudrücken vermocht, der gleichzeitig Höhen
und Tiefen, Ernstes und Heiteres mit seinen Gedanken ermessen
konnte.
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