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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_08/0042
Bildnisse. In der ersten Sitzung schon, ist überliefert
, im Laufe einer halben Stunde, indem er zu
malen anfängt, bevor etwas auf der Leinwand ist,
ist die Aehnlichkeit in den Hauptzügen festgelegt.

Nicht so glücklich ist er hinsichtlich des
Kolorits, indem es ihm nicht gelingt, hier zu voller
Eigenart zu gelangen. Er selbst schrieb seinem unersättlichen
Wunsch, alle Vorzüge, die er auf
Werken anderer beobachtete, sich zu eigen zu machen,
die Schuld zu. Hier aber liegt gerade der unendliche
Zauber der Werke von Gainsborough. Immer
feiner bildet dieser seine farbige Sprache aus, die
aber in gewissen Grundzügen von Anfang an bei
ihm feststeht. Wie alle grossen Koloristen, wird
er fortschreitend immer sparsamer in der Verwendung
der Lokalfarben, immer harmonischer: die wundervolle
Leuchtkraft seiner Spätwerke erscheint unbegreiflich
, wenn man die fast monochrome Behandlung
sieht. Seine Malweise ist breit und
sicher, die sorgfältige Durchführung scheint gelegentlich
vernachlässigt, die Wirkung auf eine bestimmte
Entfernung berechnet. Tadlern gegenüber
zitiert er einen Ausspruch von Gottfried Kneller:
Bilder wären nicht dazu da, um berochen zu werden.

Jeder von ihnen hat neben dem Gebiet, das
ihnen gemeinsam ist, seine eigene Domäne: Reynolds
das Kinderbild, Gainsborough die mit Figuren belebte
Landschaft. Reynolds, der unvermählt blieb,
hat in seinen Kinderbildern — etwa das „Mädchen
mit den Erdbeeren", die kleine Herzogin von Glou-
cester mit dem Hund (Mus. V Tf. 104), die Kinder
des Earl of Thanet, der kleine Lord Althorp,
„Master Crewe" — die Schalkheit, die Anmut und die
Liebenswürdigkeit, alle Eigenschaften, die an gesunden
und kraftvollen Kindern unser Entzücken erwecken,
unübertrefflich wiedergegeben. Man ist ebenso erstaunt
, diese köstlichen Schöpfungen im Werk von
Sir Joshua anzutreffen, wie das Porträt der kleinen
Strozzi unter den Arbeiten des „Malers der Fürsten",
Tizians. Sein feiner künstlerischer Instinkt mochte
ihm sagen, dass jedwede Pose den Zauber des
Kinderbildes zerstören müsste. Gelegentlich hat er
doch auch das Kinderbild, nicht zu dessen Vorteil,
allegorisch umgebildet, (die fünf Engelsköpfe, Bildnis
der Isabella Gordon, Mus. V Tf. 124).

Gainsborough seinerseits wählte gern zur
Steigerung der koloristischen Wirkung, um seine
Farben harmonisch ausklingen zu lassen, den landschaftlichen
Hintergrund, den übrigens auch Reynolds
aus dekorativen Rücksichten anwandte. Aehnlich
wie auf Bildnissen van Dycks, steht sein Modell
häufig vor dem Portal eines Palastes, und der Park

weitet sich in dämmerigem Licht in der Ferne.
Dann aber lässt er seine Modelle sich in freier
Natur ergehen: in heiteren Betrachtungen die
jungen, strahlenden Ehegatten am Morgen („the
morning walk"); vorzüglich gefeiert aber sind
die Gruppenbilder mit landschaftlicher Umgebung
wie „the Mall": an köstlichem Reiz nur Watteaus
fetes champetres zu vergleichen.

Ist alles aber bis jetzt in der Kunst von Reynolds
und Gainsborough aus dem Geschmack des achtzehnten
Jahrhunderts heraus zu erklären, sind sie,
wenn auch die ersten Porträtmaler ihrer Zeit, so
dennoch mehr rückwärts weisend und eine glänzende
Folge malerischer Schöpfungen beschliessend, als
vorwärts führend zu neuen künstlerischen Zielen:
in einigen seiner Bildnisse streift Reynolds Probleme
der Beleuchtung, dass man sich an ganz moderne
Bestrebungen erinnert fühlt (so in seinem vielleicht
schönsten Bild, der Nelly O'Brien in der Wallace
Galerie), und in den Landschaften Gainsboroughs
regen sich die Keime neuen Lebens. Als er begann
, suchte er holländische Kunst nachzuahmen,
aber der innige Verkehr mit der Natur befreite sein
Auge. Er wurde nicht verstanden in dem, was
er wollte, und in langen Reihen hingen unverkauft
in seinem Haus seine zahlreichen Landschaftsbilder.
Es war die Zeit Wilsons, des „englischen Claude".
Aber Reynolds, mit der Begabung für echte Kunst,
die ihm innewohnte, kaufte von der Ausstellung weg
ein solches Bild, und Horace Walpole fand das Wort
für ein anderes, noch nie sei eine so feine Landschaft
in England gemalt worden. Kein Geringerer
als Constable aber, der von den Ufern des Stour,
aus der Heimatslandschaft Gainsboroughs, stammt
und dessen wuchtiger Kunst die moderne Landschaftsmalerei
ihre Entstehung dankt, hat gesagt:
„wenn wir seine Bilder sehen, so füllen sich unsere
Augen mit Thränen und wir wissen nicht, warum".

Das Zünglein der Wage, auf der die Eigenschaften
des einen und des anderen abgewogen
werden, schwankt lange her und hin und bleibt
endlich gerade in der Mitte stehen. Nicht jeder
besitzt die Gaben des anderen, aber vereint stellen
sie ein herrliches Paar dar. Das Leben hat sie
verschieden behandelt, bis zuletzt, als man Sir Joshua
wie einen Fürsten, unter der allgemeinen Trauer
der Stadt, zu Grabe trug und ihm im Pantheon
seines Landes, in der Paulskirche, die letzte Ruhestätte
anwies, während Gainsborough auf seinen
Wunsch auf dem stillen Friedhof in Kew beigesetzt
ward: die Nachwelt aber hat ihre Namen untrennbar
vereint. Georg Gronau.

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