http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_08/0056
Moses und Aaron. Num. J.
die Zufälligkeit des Erfindereinfalls hinweist. Das
Wesentliche ist nicht die Erfindung selbst, sondern
das Bedürfnis, das die Bemühung Gutenbergs
orientierte. Dieses Bedürfnis war in Deutschland
dringender als anderswo. Der Wunsch, das Wort
in seiner Wirkung zu verhundertfachen, in wohlfeilem
Verfahren, für das Volk, und nicht in öffentlicher
Rede, dieser Wunsch, der in Deutschland reger war
als sonst irgendwo, schuf den Buchdruck. Damit
waffnete sich der deutsche Geist zu den geistigen
Kämpfen des 16. Jahrhunderts.
Ein spezifisch deutsches Bedürfnis hat den Bilddruck
geschaffen, ehe das Drucken mit Schrifttypen
erfunden war. Die Neigung, das Bild zu verhundertfachen
, in wohlfeilem Verfahren, für das Volk, Bildliches
zu Lehre und Andacht in die Häuser tragen,
war höchst lebhaft in den deutschen Landschaften.
Unter dem rauheren Himmel war die Anhänglichkeit
an die Häuslichkeit treuer als im Süden, die Freude
am bescheidenen Kunstbesitz tiefer und opferwilliger
. Wenn die holländische Malerei des 17. Jahrhunderts
einen häuslichen Schmucktrieb von rätselhaft
weitem Umfang befriedigte — welch' erstaunliche
Menge von Gemälden nahmen die Wohnhäuser
des kleinen Landes auf —, so mag die Neigung zum
Kunstbesitz vorzüglich als eine germanische Neigung
bezeichnet werden.
Zu Anfang waren Schriftdruck und Bilddruck
eng vereint. Die sogenannten Blockbücher wurden
mit Holzstöcken gedruckt, denen Figürliches und
Textliches in gleicher Art eingeschnitten war. Die
enge Verbindung wirkte fort. Bald nachdem der
Buchdruck, Dank der höchst förderlichen Gutenberg-
schen Neuerung, seine denkwürdigen Siege errungen
hatte, verband er sich mit dem Bildschnitt. Das
Wort ergänzend, seine Wirkung steigernd, veranschaulichend
, dann auch den Textkörper ornamental
rahmend und zierend, kam die Buchillustration
zu Ansehen. Fast alle grossen deutschen Maler zu
Anfang des 16. Jahrhunderts haben im Dienste der
Buchverleger wenigstens für einige Zeit, oft in den
kritischen Jahren der Wanderschaft, die Mittel ihrer
Moses und die Priester. Deut. XVIII.
Ruth im Felde. Ruth I.
materiellen Existenz gefunden, die ihnen das Mal-
gewerk nicht zu bieten vermochte.
In dem Lande, wo politische oder kirchliche
Korporationen, Fürsten oder reiche Kaufherren weder
so viele noch so weite Aufgaben der Monumentalkunst
stellten wie in Italien, in einer Zeit, da
religiöse Zweifel und Bedenken den stolzen Festglanz
des kirchlichen Gepränges trübten, wies schon die
ökonomische Nötigung auf das volkstümliche Gewerbe
der druckenden Künste. Die deutschen Maler folgten
dieser Lenkung um so leichter, wie der Weg ihren
Anlagen zusagte. Nichts ist charakteristischer für die
deutschen Kunstzustände als die Gönnerschaft des
Kaisers Maximilian. Mit grossartigen und doch
kleinlichen Plänen trat dieser Fürst an seine Maler
heran, mit Plänen, die halb litterarisch, halb künstlerisch
waren. Er vergewaltigte den Holzschnitt,
indem er Monumentales von ihm verlangte, indem
er statt in Stein oder Erz, in bedrucktem Papier
das Denkmal seines dynastischen Stolzes und seiner
Herrscherthaten zu errichten trachtete.
Das Altarbild wie auch die Wandmalereien an
den Kirchenwänden war der Gemeinde zugewandt,
46 -
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_08/0056