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Wandmalereien aus der sog. Villa des Cicero in Pompeji.
Neapel, Museo Nazionale. H. o.i5.
Ueber Lysipp und Apelles.
„..■.. Wir sagten, die ganze Natur offenbare
sich durch die Farbe dem Sinne des Auges; nunmehr
behaupten wir, wenn es auch einigermassen
sonderbar klingen mag, dass das Auge keine Form
sehe, indem Hell, Dunkel und Farbe zusammen allein
dasjenige ausmachen, was den Gegenstand vom
Gegenstand, die Teile des Gegenstandes von einander
unterscheidet. Und so erbauen wir aus diesen dreien
die sichtbare Welt und machen dadurch zugleich
die Malerei möglich, welche auf der Tafel eine weit
vollkommener sichtbare Welt, als die wirkliche sein
kann, hervorzubringen vermag." Mit voller Schärfe
spricht Goethe in diesen Sätzen, die in der Einleitung
zu dem „Entwurf einer Farbenlehre" stehen,
die Beobachtung aus, dass wir die Gegenstände der
Natur nicht als Formen, wie sie sind und wie wir
wissen, dass sie sind, sondern als farbige Erscheinungen
sehen. Aber in der allgemein gehaltenen
Anwendung auf die Malerei geht er nicht auf die
Frage ein, wie sich die Kunst zu dieser Wahrnehmung
verhalte und welche Folgerungen sich aus
ihr für die Darstellung der sichtbaren Natur ergeben.
Alle Kunst, soweit sie die Dinge der Natur zur
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Wiedergabe bringt, ist Darstellung dessen, was gesehen
wird. Jedoch die Art des Sehens und Auffassens
und dementsprechend der Darstellung ist in
den einzelnen Epochen des Entwicklungsganges der
Kunst und bei den einzelnen Künstlern eine verschiedene
. Die ältesten griechischen Maler haben
die menschliche Gestalt als farbige Silhouette dargestellt
; ein Fortschritt war es, als man sie in ausführlicherer
, die Einzelheiten der Gliederung angebender
Linienzeichnung bildete und diese mehrfarbig
abtönte. Wieder ein grosser Fortschritt
wurde — um die Mitte des fünften Jahrhunderts —
mit der Wiedergabe von Licht und Schatten erreicht
. Es war wie eine erste Erkenntnis der Erscheinung
der Dinge, die ja im Licht und Schatten
gesehen werden. Aber für die Ausführung blieb
noch geraume Zeit das Wissen von dem Sein der
Dinge massgebend, das Wissen, dass die Gestalt
Körper und Rundung bot, und man ging zunächst,
wie es scheint, nicht über ein Deutlichmachen der
Körperlichkeit der Form durch Abschattieren hinaus
. Die Form als solche blieb Gegenstand der
Darstellung. Dieser Stufe mag aus der neueren
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