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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_08/0072
Kunst etwa die Malerei der Zeit Dürers und Raphaels
entsprechen. Wie dann mit dem 17. Jahrhundert
eine neue Epoche beginnt, in der grosse Künstler,
wie Velazquez, Rembrandt die Darstellung des Eindrucks
der Erscheinung zur Geltung brachten, so
hat sich im Altertum ein ähnlicher Umschwung in
der Alexanderzeit vollzogen, und diese Entwicklung
ist durch den Bildhauer Lysippos und den Maler
Apelles eingeleitet worden.

Apelles stammte aus dem kleinasiatischen
Griechenland und hat zuerst bei einem Meister der
jonischen Malerschule, bei Ephoros aus Ephesos gelernt
. Der Ruhm der Sikyonischen Schule, die im
vierten Jahrhundert vor Chr. den übrigen Schulen
in der Technik voraus gewesen zu sein scheint und
in der man namentlich die beste Ausbildung im
Zeichnen fand, zog ihn zu dem Maler Pamphilos
nach Sikyon, dem Sitze auch einer altberühmten
Bildhauerschule, der Lysipp angehörte. Die Malerei
und die Skulptur gingen hier verwandte Wege. Das
Gegenständliche, die Erfindung wurde weniger in den
Vordergrund gestellt als die stilistische Behandlung.
Ein Ausspruch des Eupompos, des Begründers der
Malerschule, wies ausdrücklich darauf hin, nicht
einen Meister solle man nachahmen, sondern die
Natur. Was nach Konvention und Schablone aussah
, war verpönt, Eigenart und Selbständigkeit
wurden geschätzt, und man wollte, dass ein harter
Wille und rücksichtslose Kühnheit das künstlerische
Schaffen durchdringe. Man stand in alledem in einem
gewissen Gegensatze zur attischen Kunst mit ihren
festen Schultraditionen. Hier wurden mit Vorliebe die
grossen Themata der Götterdarstellung und Heroengeschichte
bearbeitet und man war in dem Streben nach
Anmut und Schönheit, in dem Idealisieren der Form
und in der Ausbildung eines gesteigerten Pathos —
Werke wie der Praxitelische Hermes, der Apollo
vom Belvedere, der Zeus Otrikoli sind charakteristische
Beispiele dafür — der Gefahr nahe, den
Zusammenhang mit der einfachen Wirklichkeit aus
den Augen zu verlieren.

Mit Lysipp zusammen treffen wir Apelles in
den dreissiger Jahren des vierten Jahrhunderts am
Hofe Alexanders des Grossen, beide erfüllt von der
Aufgabe, den Ruhm des Königs in Bildern seiner
Person und Schilderungen seiner Thaten zu verewigen
. Alexander hatte in ihnen die grössten
Porträtisten, die das Altertum gehabt hat, zu Verkündern
seiner Grösse berufen (vergl. Mus.
Bd. I, S. 22).

Der äussere Zusammenhang der Schule, der
Arbeit, der Lebensumstände legt den Gedanken an
eine innere Gemeinsamkeit in dem Schaffen der
beiden Künstler nahe, die in ihren Werken in verwandten
Zügen zum Ausdruck gekommen sein

muss und für die es in der Überlieferung nicht
an Anhaltspunkten fehlt.

Die Kunst des Lysipp kennen wir aus der
Statue des Apoxyomenos (Mus. Bd. I, S. 148), von der
ja freilich nicht das in Bronze ausgeführte Original,
sondern nur eine in Marmor übertragene, aber sehr
vorzügliche und das Charakteristische der Lysippi-
schen Kunstweise allem Anschein nach zuverlässig
wiedergebende Kopie erhalten ist. Gegenüber
attischen Werken derselben Zeit wirkt die Figur
überaus mächtig durch ihre echte und grosse Lebenswahrheit
: ein Jüngling, der sich den Körper vom
Öl und vom Staub der Palaestra reinigt, in gestreckter
Bewegung der elastischen, kräftigen Glieder,
die in die Ruhe übergehen, in denen aber das Blut
noch wie in Wallung scheint von der Anstrengung der
eben beendeten Übung. Ein bei Plinius aufbewahrtes
Urteil über die Kunst des Lysipp findet
durch die Statue seine Erläuterung. Es gipfelt in
dem Satze, der in der Fassung, in der er mitgeteilt
ist, zu verschiedenartigen Auslegungen Anlass gegeben
hat, seinem Sinne nach jedoch nicht zweifelhaft
sein kann, dass Lysipp seiner eigenen Aussage nach
die Menschen dargestellt habe, wie sie erscheinen,
die älteren Künstler dagegen, wie sie sind. Mit den
älteren Künstlern ist hier in erster Linie Polyklet
gemeint, und dessen Statue des Doryphoros verglichen
mit der des Apoxyomenos lässt allerdings
den so formulierten Unterschied klar heraustreten.
Diese Statue (Mus. Bd. II, Taf. 124) ist ganz aus
dem genauesten Studium der Natur und dem dadurch
gewonnenen Wissen der Formen, wie sie
sind, heraus geschaffen. Das Haar besteht in der
Wirklichkeit aus einer Menge einzelner Härchen: es
ist in feinen nebeneinander gelegten Linien wiedergegeben
. Die Augen sind von den Linien der Lider
scharf umrissen, alle einzelnen Teile des Körpers
setzen sich in bestimmter Umgrenzung von einander
ab und sind mit äusserster Präzision und genauester
Durchführung herausgearbeitet; das Ganze setzt sich
gewissermassen aus vielen Einzelteilen, die für sich
bestehen, zusammen. An den Werken des Polyklet
wurde im Altertum die bis ins Letzte und Feinste
gehende Durchführung bewundert. Grade diese,
auf alle Einzelheiten angewendet, ist bezeichnend
für die Kunst, die die Dinge darstellt, wie sie sind. Als
ein treffendes Beispiel hierfür ist auf das Holz-
schuherporträt von Dürer hingewiesen worden. Der
Künstler kennt alle die Details und giebt sie korrekt
und peinlich genau wieder.

Aber wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind,
sie erscheinen unseren Augen unter gewissen Bedingungen
, die den Eindruck bestimmen, unter der
Einwirkung der Lichte und der Luft und nicht in
dauernder Ruhe, sondern in Bewegung ; wir sehen


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