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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_09/0020
Jean Carries.
Paris, Privatbesitz.

Der kleine Schlingel.

Glasiertes Steinzeug, h. 0.2;

geraumer Zeit — nachweislich in der Rückerinnerung
an jene Stunden — wie durch eine plötzliche Inspiration
ihm den knetbaren Thon in die Hand drückt.
Und so gross ist dann gleich seine Begeisterung für
diesen neuen Stoff, dass er nun nicht mehr, wie bisher
der Plastiker allein bleibt, vielmehr auch zum wirklichen
, echten Töpfer wird, der Töpfe aufdreht, um
hier die ganzen Reize seiner neuen Kunst entfalten
zu können.

Arsene Alexandre, einer seiner Freunde, hat in
seinem Werke über Garries, der wichtigsten Quelle
über diesen Künstler, uns über diesen Anfang der
modernen Keramik näher orientiert. Seit der Weltausstellung
von 1878 hatten es Carries die japanischen
Töpfereien angethan. Er liebte sie leidenschaftlich,
sprach von ihnen, suchte sie in Sammlungen auf,
liebkoste sie zwischen den Fingern und träumte
davon, einmal Gleiches zu machen. Doch erst
10 Jahre später, als ihm bei einem Freunde wiederum
ein solches Töpfchen vor die Augen kommt, ist der
Entschluss da, überwältigt ihn und entflammt seine

ganze Leidenschaft. Noch denselben
Tag fahren beide zu einem
befreundeten Fachmann in Paris,
noch denselben Abend müssen
sie alle hinaus aufs Land, nach
Cosne, in die alte Töpfergegend
der Provinz Nevers, um sich mit
den keramischen Stoffen vertraut
zu machen; sofort und ohne
Mittel, ohne Beistand, ohne die
geringsten keramischen Vorkenntnisse
, nur versehen mit
jenem kleinen offiziellen Führer
durch die japanische Abteilung
der Ausstellung von 1878, der
auch für die wissenschaftliche
Erforschung der japanischen
Kunst die Grundlage geworden
ist, macht sich Carries daran,
Keramik zu schaffen. Das hat
t Lehrgeld gekostet! Aber nach
unglaublichen Mühen und Enttäuschungen
, nach fast völliger
Zurückge'zogenheit in unwirtliche
Gegenden erreicht er endlich
sein Ziel. Köpfe und Töpfe entstehen
unter seinen Händen und
werden durch das Feuer zu unvergänglichen
Schöpfungen. Die
Keramik war für die Plastik gewonnen
, die Plastik um eine neue
Ausdrucksmöglichkeit bereichert.

Nur ganz ungewöhnliche
Persönlichkeiten pflegen in der
Regel zu solchen Resultaten zu gelangen; und Carries
ist auch in der That einer der merkwürdigsten
Künstler der jüngsten französischen Plastik gewesen.
Früh verwaist und ohne Mittel, seine Lehrjahre bei
einem Fabrikanten von Heiligenbildern in der Provinz
verbringend, ist er eigentlich ganz ohne Ausbildung
aufgewachsen, hat er, als Künstler fast nur
auf sich selbst angewiesen und nur für sich selbst
und seine Kunst lebend, wenig mit dem grossen
Schwarme von Plastikern zu thun gehabt, die alljährlich
mit ihren anspruchsvollen Werken den Salon
füllen und durch die Gleichartigkeit ihrer Werke
das Ideal der heutigen Plastik zu bestimmen scheinen.
Er besass sein eigenes künstlerisches Ideal, freilich
ein Ideal, das mehr in die Tiefe als in die Breite
ging. Carries hat fast niemals den ganzen Menschen
dargestellt, mit Ausnahme eines bestellten Reliefs,
auch niemals den nackten. Er hat nie in Marmor
gearbeitet, vielleicht nie an Marmor gedacht. Für
ihn fing der Mensch mit dem Kopfe an und hörte
mit dem Kopfe auf. Carries ist einer der wenigen


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