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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_09/0021
modernen Bildhauer gewesen, die
als Menschen an erster Stelle
Psychologen, als Künstler Physiognomiker
sind. Nur die Züge
des Menschen, sein inneres Leben
interessierten ihn, nicht sein materieller
Aufbau, wie er äusser-
lich in die Erscheinung tritt.
Das alles war nur der Spiegel
seines eigenen Selbst. Carries
ist, wie seine Freunde ihn geschildert
haben, immer ganz
Seele, ganz Empfindung gewesen.
Von schwächlichem Körper, der
kein langes Leben erhoffen Hess,
dürftig aufgewachsen, schwankte
sein ganzes Leben, ohne eigentlich
die Uebergänge zu kennen,
ständig zwischen Leidenschaft
und Gleichgiltigkeit, zwischen
Erregung und Apathie. Aeussere
Eindrücke konnten ihn entflammen
, dass die Freunde sich um
ihn ängstigten, oder so niederdrücken
, dass man gleichfalls besorgt
war. Dabei war er nicht
frei von einem gewissen Hang
zum Dämonischen, Mystischen,
wie ihm regsame Naturen, die,
ohne rechte Ausbildung, für

Jean Carries. Büste eines jungen Mädchens.
Paris, Privatbesitz. Glasiertes Steinzeug, h. 0.34.

tausenderlei Dinge die natürliche Erklärung nicht zu
finden wissen, nur zu leicht verfallen. Nach aussen hin
fiel sein psychologischer Instinkt geradezu auf. In wenigen
Augenblicken hatte er aus dem Spiel der Mienen,
aus Redewendungen den Charakter des ihm gegenüberstehenden
Unbekannten erkannt. Er war in der
praktischen Psychologie Meister und übte sich auch
geradezu darin, indem er das eigene Mienenspiel im
Spiegel betrachtete. Mehrere seiner Werke sind in
physiognomische Studien umgesetzte Selbstporträts,
wie diejenigen Rembrandts Lichtstudien gewesen sind.

Daher auch, den wechselnden Stimmungen des
Meisters entsprechend, die starken Gegensätze in
seinen Schöpfungen, die oft kaum derselben Persönlichkeit
anzugehören scheinen. Grinsende Alte,
fratzenhafte Scheusale, groteske Tierfiguren, Bettler
und Lumpen mit allen Spuren des Lasters und der
Verkommenheit gesellen sich neben die Unschuld
der Kinder, die Keuschheit der Mädchen, gerade
wie die Gotik, die nachweislich auf Carries, so wenig
er auch von ihr kannte, einen grossen Eindruck
gemacht hat, schreckende Wasserspeier und engelreine
Madonnen in gleich überzeugender Weise
zu gestalten gewusst hat. Vor allem die Kinder
hatten es ihm angethan, die schlafenden wie die

wachenden. Warum? Vielleicht weil hier das dem
Erwachsenen so Rätselhafte der Kinderseele den
Mystiker, die ganzen noch vollen Empfindungen dieser
Wesen den Psychologen so mächtig anzogen. Jedenfalls
sind alle seine Kinder ganz Seele, ganz Empfinden,
meist jener heilige Ernst, den etwas Grosses, Unerwartetes
so plötzlich in ihnen zu erwecken vermag.

Durch dies psychologische Element streift Carries
leicht das Gebiet des Zeichners, des Malers, und in
der That sieht man in Carries auch sonst das leidenschaftliche
Bestreben, das Plastische mit dem
Malerischen, d. h. dem Koloristischen zu verbinden.
Seine Werke sollten nicht bloss plastische Ausgestaltungen
sein: ein malerischer Schimmer sollte
sie auch in rein sinnlicher Weise für das Auge angenehm
machen. Carries' Werke haben daher,
mögen sie aus Bronze oder Steinzeug gewesen sein,
immer durch ihre Oberflächenbehandlung die allgemeine
Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Von
mehrerer Leute Hände seine Werke ausführen zu
lassen, wie es so viele seiner Kollegen thaten, schien
ihm einfach undenkbar. Er selber, der sonst so ungeduldige
Geist, quälte sich in dieser Beziehung mit
den mühseligsten Arbeiten. Ja, dies Streben ist
eine der Hauptursachen zu seinem endlichen Ueber-

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