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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_09/0022
Jean Carries. Doppelmaske.
Paris, Privatbesitz. Glasiertes Steinzeug, h. o.3o.

gang zur Keramik, zum Steinzeug gewesen, zu jenem
Materiale, in dem der bisherige Bildhauer in Bronze
und Gips — dieser Stoff war gleichsam von seiner
Lehrzeit an ihm hängen geblieben — erst zu jenem
Künstler werden konnte, der eine wirkliche Bereicherung
der französischen Plastik darstellte.

Denn nun besass er, der Mann plötzlicher Einfälle
und leidenschaftlicher Gestaltungsgabe, einen
Stoff leichtester plastischer Bearbeitung, den nach
gethaner Arbeit die wohlthätige Macht des Feuers
zu jenem festen Materiale zusammenbrannte, in das
andere erst mit vieler Mühe hineinarbeiten mussten,
um ihren Werken die endgiltige Erscheinung zu
verleihen. Der Kolorist in ihm schätzte ihn um
seiner farbigen Effekte willen, die er durch Anwendung
zarter Glasuren zu erzielen vermochte,
denen überdies die elementare Macht des Feuers
etwas ganz Natürliches, Selbstverständliches verlieh.
Der Mystiker liebte die geheime Kraft dieses Feuers,
die wie ein zweiter Künstler bald befreundet, bald
befeindend an seinem Werke heimlich arbeitete, ihnen
erst ihren vollen, letzten Reiz verlieh. Die mittellose
Waise endlich dachte bei diesem Materiale —
und nicht an letzter Stelle — an die Billigkeit, von
der grosse Träume geträumt wurden, die freilich
durch die Grösse der Projekte nie in Erfüllung
gingen. Das im Feuer in allzugrossen Stücken nicht
zu bewältigende Material drängte Carries förmlich
zur Beschränkung, zu der Wiedergabe des Kopfes
allein. Die Schwierigkeit, abstehende Teile zu brennen,

führte zu jener plastischen Geschlossenheit
, wie sie Hildebrandt
für das Marmorbildwerk
so energisch verlangt hat. Die
über das Ganze sich ergiessende
Glasur endlich schloss von vornherein
jede kleinliche Tüftelei
aus, führte zum grossen Stil
und blendete doch durch ihre
Mattigkeit nichts von den Einzelheiten
fort. Dann die Frische
dieser Arbeiten, die, ausser von
des Künstlers eigener Hand von
keiner anderen berührt, ganz individuelle
Atelierarbeiten in den
Augenblicken unmittelbarster
' künstlerischer Inspiration darstellen
, wie sie sich in keinem
andern dauerhaften Material so
ohne jeden Zwang ergeben.
Schliesslich die Oberfläche, wie
Carries sie zu behandeln wusste,
wie spricht sie durch ihr die
Porosität der Haut wiedergebendes
Korn, durch ihre malerischen
, mit den einfachsten Mitteln erreichten Ab-
schattierungen in der Erscheinung mit! Carries hat
dies Material schon fast nach allen seinen eigentümlichen
Seiten auszunutzen gesucht.

Freilich, er hat von seiner Leidenschaftlichkeit
weiter getrieben, auch gleich zu viel von ihm
verlangt. Wie Kändler im Jahrhundert vorher aus
dem neuerfundenen Porzellan, so wollte auch
Carries mit dem seinigen die Grossplastik, ja die
Architektur erobern. Ein ganzes grosses Portal sollte
in dem der Kunst neugewonnenen Material entstehen,
aus zahllosen Stücken zu einem grossen Eindruck
sich aufbauen. Da bricht unter der Last dieser Arbeit
Carries' nicht zu starke Natur zusammen. Eine
Seuche, die übers Land zieht, befällt auch ihn, und
er entschläft in Paris in den Armen seines treuen
Freundes Hoentschel, tief betrübt, sein grosses und
für ihn grösstes Werk nicht vollendet zu sehen.
Carries hat in dieser Leidenschaftlichkeit für die
Keramik eine merkwürdige Aehnlichkeit mit seinem
grossen Vorgänger und Landsmanne, dem Stolze des
Frankreichs der Renaissance, Bernhard Palissy. Auch
dieser entflammt sich plötzlich für die Töpferkunst
durch ein ihm zufällig in die Hand geratenes
keramisches Erzeugnis, auch dieser vergisst in seiner
Begeisterung für diese Kunst alles, Geld und Gut,
Weib und Kind, und ruht nicht eher, als bis er
zum Ziele gelangt. Es muss ein eigentümlich verlockendes
Kunstelement im freien keramischen
Schaffen liegen! Ernst Zimmermann.


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