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I
Die venezianische Malerei in der ersten Hälfte des
XVI. Jahrhunderts.
IM ersten Jahrzehnt des XVI. Jahrhunderts steht
die venezianische Malerei unserer Vorstellung nach
unter dem Zeichen Giorgiones; freilich nicht der
Masse der Produktion nach, nur ein kleiner Kreis
scharte sich um ihn. Da es an Daten mangelt, wissen
wir nicht, wieviel Giorgiones Genossen, namentlich
Tizian, wieviel noch der alte Bellini zur Heraufführung
der neuen Kunst beigetragen hatten.
Bellini, von Mantegna ausgegangen, hatte gegen
Ende der 8oer Jahre den Landschaftstypus entwickelt,
wie ihn seine Schüler bis weit ins XVI. Jahrhundert
hinein geben: braungrüner Vordergrund mit einzelnen
Bäumen, dahinter hellblaue Berge und glatter Himmel,
alles hell und klar; Giorgione geht von diesem
Typus aus. In den Landschaften seiner letzten
Jahre strebt Bellini eine intensivere Stimmung an
— wir wissen nicht, ob vielleicht unter Giorgiones
Einfluss, jedenfalls aber mit anderen Mitteln als
dieser. Tiefdunkles Braungrün, Berge, Wasser und
Abendhimmel. Manche Einzelheiten, die uns bei
Giorgione geläufig sind, finden sich auch in Bildern
aus Bellinis letzten Jahren: die grossen Blätter vor
dem Abendhimmel, die kleinen novellistischen Figuren
in der Landschaft. Aehnliches bei Cima, namentlich
in dem prächtigen Altar der Carmine.
Bellinis Kolorit war ursprünglich hart und kalt,
das Inkarnat, im Anschluss an Mantegna, blassrötlich
; schon Ende der 8oer Jahre sind die Farben
wesentlich wärmer, das Inkarnat hellbraun, alles
Weiss leicht goldig. Ebenso malt damals Cima. Zur
selben Zeit erscheinen schon einige Köpfe in Helldunkel
, was dann im Anfang des neuen Jahrhunderts
zu wunderbarer Wirkung gesteigert wird. Der Kopftypus
bildet sich aus dem hohen mantegnesken in
einen breiteren üppigeren um. Die Behandlung,
zuerst zeichnerisch strichelnd, wird breiter, die Falten-
gebung grosszügiger. Eine Gesamtwirkung wird mehr
und mehr angestrebt, in Farbe und Licht.
Diese ganze Entwickelung Bellinis lässt sich an
den datierten Altären deutlich feststellen. Giorgiones
Kunst steht ihr ziemlich zeitlos gegenüber.
Eine sonnige Landschaft, das ist der erste Eindruck
. Darin kleine Figuren, klein im Verhältnis
zum Rahmen, aber auch von kleinem, fast kindlichem
Wuchs; die Hände recht klein, die Finger schmal,
vorn rechteckig schliessend; die Körperformen jugend-
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lieh, fest und prall; der Kopftypus von gesunder,
etwas sinnlicher Jugendschönheit, am bekanntesten
durch die schöne Dresdener Venus. Diese Figuren
werden gern modisch geputzt, in leuchtenden Stoffen,
glühenden Farben. Ueberhaupt ist alles glühend,
die Ränder des Inkarnats sind purpurrot, wie wenn
man die Finger gegen die Sonne hält; das Weiss
ist goldglühend, erscheint aber nur in kleinen Dosen,
besonders zwischen Inkarnat und Gewandung,
grössere Massen werden lieber in Grau gesetzt.
Kalte Farben werden sonst möglichst vermieden:
kein Blau, mit Vorliebe Purpur.
Die Landschaft ist bereichert durch den Mittelgrund
. Baumgruppen sind da hinein gesetzt, dazwischen
grüne Wiesen, Farbenflecke durch buntgekleidete
Figuren und durch Gebäudegruppen,
deren obere Teile von hellem Licht gefärbt sind.
Im Hintergrund Berge, das Meer.
Dies alles erscheint in der Gesamtheit durchaus
hell und licht. Auch der Blitz in dem Giovanellischen
Bild (vgl. Taf. 26. 27) ändert die heitere Farbigkeit
nicht. Das ganze Bild besteht aus zahlreichen kleinen
farbigen Flecken, die jedoch nicht hart gegeneinander
abgesetzt sind, und die namentlich im Lichtwert
gleich sind. — Die Malweise weich und flüssig.
Nur wenige schlössen sich Giorgione vollständig
und mit Verständnis an, in erster Linie Sebastiano
del Piombo — jedoch erst spät und nicht rückhaltlos
— und dann, am engsten, Tizian, wie es
uns etwa das Londoner Bild des Noli me tangere
zeigt, Purpur und Weiss in leuchtender Landschaft.
Die Belliniani dagegen können mit dem Fortgang
der neuen Richtung nicht Schritt halten.
Am meisten kommt noch Cima mit, er war
der begabteste von ihnen; das fühlten auch die
andern und ahmten ihn nach, so Basaiti und einmal
fast täuschend Carpaccio. In Komposition, Figuren
und Farbe bleibt Cima in den Bahnen Bellinis,
wird zuletzt, ähnlich wie dieser, etwas leer. Am
meisten schreitet er fort in der Landschaft, einige
kleine Bilder lassen sich geradezu als giorgionesk
bezeichnen; bei grösseren Bildern behält auch er in
der Landschaft die traditionelle Anlage bei.
Nächst Cima giebt sich Catena die meiste Mühe,
mit den Neueren mitzukommen. Das Martyrium
der hl. Christina (S. M. Mater Domini) frappiert
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