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Shakespearescher Souveränität gebot dieser dem
Niedrigen und Grandiosen, dem Schönen wie dem
Hässlichen, mühelos wie ein Priester sein Brevier
las er in Menschenseelen. Den weiten Horizont des
Blickes, solche Allseitigkeit hat der Dorfsohn nie
besessen. Unerschütterliche Neigung für alles, was
da ist, die Fähigkeit, ein leidenschaftliches Innenleben
durch ein Mindestmass von Geberden auszudrücken
, weise Beschränkung auf das Notwendige
war eigentlich alles, was Andrea von dem Bildhauer
lernte. Er war und blieb zeitlebens ein derbknochiger
Bauer. Ungestümen und jähzornigen
Wesens, wüst, und, wie seine späteren Geistesverwandten
Caravaggio und Courbet, stets zum
Raufen bereit, imponiert auch in seinen künstlerischen
Gebilden zunächst die muskelstarke Wucht.
Pathetisch und erhaben, kulturlos und beleidigend,
bauernhaft-monumental — so wirkt die Kunst Andrea
del Castagnos. Sie war stets ein hohes Lied der
Kraft; aber mit dem Können des Meisters wechselte
die Orchestrierung. Anfangs heben ungebrochene
schwere Farben, die unvermittelt neben einander
stehen, von einem dunklen Hintergrund sich ab.
Dieser wandelt sich, wie bei einem Bühnenspiel allmählich
heller werdend, in blaue Luft; die Farben
nehmen stetig an Licht und durchsichtigem Glänzen
zu, bis der Alternde, ihrer grellen Buntheit müde,
den Reiz gebrochener Töne würdigt und alle
Dinge als einfach grosse Farbflächen sieht. Die zu
Beginn ängstlich tastende Hand des Zeichners
Castagno wiederum gewinnt immer mehr Bestimmtheit
; der zuerst schwankende Kontur erlangt
ruhige Energie und des reifen Andrea sattelsichere
Meisterschaft in der komplizierten Kunst, perspektivische
Hindernisse zu nehmen, rang selbst dem
Cinquecento Respekt ab.
Als frühestes der wenigen uns erhaltenen Fresken
Castagnos gilt der Cruciflxus im Hofe von St. Maria
degli Angeli zu Florenz. Andreas aufrichtigste Verehrer
dürften ihn ohne besondere Weihestimmung
betrachten. Der ursprünglich dunkle Grund ist mit
einem hässlichen Blau überzogen, das Ganze beschädigt
und ruiniert. Maria, Johannes und die
Heiligen Benediktus und Romualdus umstehen das
Kreuz, vor dessen Stamm Magdalena kniet. Selbst
das stärkste Talent vermag nicht augenblicks die
Fesseln einer hundertjährigen Tradition abzustreifen.
Die beiden Camaldulenser Heiligen und die weinerliche
Madonna hätte auch ein begabter Enkelschüler
Taddeo Gaddis ersonnen; beim Johannes erscheint
für den älteren Castagno nur das flachsblonde Haar
und die Farbenverbindung grün-rot als typisch; auf
die Magdalena jedoch, die, in gesucht hässlichen Linien
vor dem Kreuze kauernd, mit beiden Armen den Schaft
brünstig umschmiegt, mag auch in späteren Jahren
ihr Schöpfer mit berechtigtem Stolz geblickt haben.
Castagno fand sich rasch. In dem Cruciflxus
der Uffizien, wo ebenfalls vier Heilige von einem
schwarzen Grunde sich ablösen, gemahnen ausser
den langgestreckten Proportionen sämtlicher Figuren
nur die geschwungenen Linien in der Gestalt
des Johannes und sein vielgefälteltes Gewand an
Werke des Trecento. Die beiden Greise haben
eine strenge Grösse, die Castagno vordem fremd
war; die alte Maria mit den eingefallenen Augen,
den zittrigen Händen und dem runzligen Kopf, der
sich beinahe stumpfsinnig nach vorwärts beugt, gehört
um dieses Naturalismus willen zu den ergreifendsten
Verkörperungen der mater dolorosa, und
Christus selbst, auf dem Jugend-Fresko noch flach
und schwach modelliert, ist hier — mit den Haaren
unter den Armen! — bereits ein prachtvoller Akt,
eine Studie nach dem Nackten im Sinn der Frührenaissance
. Mehr freilich nicht. Auch Castagnos
Heiland gleicht, wie jener Donatellos in Santa Croce,
„einem Bauern, den man ans Kreuz geschlagen", und
dass ers gutwillig geschehen Hess, glaubt man dem
Riesen, dessen Blick noch im Tode zürnt, nur schwer.
Eine Miglie vor der grauen Porta di San
Frediano liegt, verborgen hinter Lorbeer und
schwarz-grünen Taxushecken, die alte Villa Sofflano.
Ihren Hauptsaal schmückten voreinst Andreas Bildnisse
berühmter Männer und Frauen. Nur die
Fresken einer Wand wurden dem Untergang entrissen
und sind heute auf drei stimmungsleere Wände
des Castagno-Museums verteilt. Ihre ursprüngliche
Anordnung muss reizvoll gewesen sein: zu beiden
Seiten der Eingangsthür hatte Andrea in beträchtlicher
Höhe vom Fussboden je vier oblonge, abwechselnd
schwarz - grün und rot grundierte, durch weisse
Die Fresken der
Villa Sofflano in
ursprünglicher
Anordnung.
Nach einer Zeichnung
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