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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_09/0033
Pilaster von einander geschiedene Nischen gemalt,
die je einer Figur Raum boten. Ein Architrav, von
Palmetten geziert, schloss das Ganze ab und drüber-
hin lief als Krönung ein Fries mit lachenden Kindern,
deren kleine Hände Guirlanden hielten. Die Figuren
waren in Anlehnung an Donatellos Campanile-Statuen
auf Untersicht berechnet und den Einfluss des Bildhauers
bekundet neben der plastischen Faltengebung
auch der antikisierende Pultenfries. Alle übrigen
Dekorations-Motive entlehnte Andrea hier wie anderswo
dem unversiegbaren Formenschatz der Antike.
Castagno besass viel Geschmack, aber sein ungefüges
Talent war nicht leicht, nicht unbesorgt und graziös
genug, um aut diesem Gebiete schöpferisch thätig
zu sein.

In der Geschichte des Florentiner Porträts
spielen Andreas überlebensgrosse „uomini famosi"
eine entscheidende Rolle. Bisher hatte sich das
Bildnis, gerade nur geduldet, mit einem bescheidenen
Platz im religiösen Fresko begnügt; nun trat es dem
kirchlichen Kunstwerk frei und ebenbürtig zur Seite.
Drei Krieger und drei Männer des Geistes — sämtlich
florentiner Abstammung — hatte Castagno gemalt;
ferner die cumäische Sibylle, die Königin Tomyris
und — als Halbfigur über dem Portal — Esther,
des Ahasverus kühne Gattin. Die heidnische Seherin
mahnte zu christlicher Frömmigkeit; an den beiden
Herrscherinnen bewunderte man die kampfmutige
Liebe zur Freiheit, Der Ideengehalt dieser frühesten
und vornehmsten Offenbarung des florentiner Privatgeschmackes
erhellt ohne weiteres: ein Florentiner
soll, demütig vor Gott, aber seine politische Unabhängigkeit
wahrend, der Waffentüchtigkeit die
Pflege der Wissenschaft zugesellen. So ist hier bereits
im Bilde jene ideale Forderung eines allseitigen
Menschen angedeutet, deren litterarische Formulierung
man gemeinhin als Grossthat des Cinquecento preist,
obgleich Boccaccio und selbst schon Guido Cavalcanti
solche Männer sehr wohl sich vorstellen konnten.
Die einzelnen Bildnisse, stolz und gross gedacht wie
keine anderen innerhalb der ganzen florentinischen
Kunst, sind an künstlerischem Wert einander ungleich.
Die Frauenporträts bezeichnen auf dem Wege zur
Hellfarbigkeit einen wichtigen Schritt in Castagnos
rein malerischer Entwicklung; zum Frauenmaler
jedoch — man glaubt es unschwer — war Castagno
nicht geschaffen. Für Stellungen und Gewandmotive
mussten Anleihen bei der Antike wiederum
dem mangelnden Erfindungsvermögen nachhelfen.
Geistigen Adel zu schildern war auch Andreas Sache
nicht. Dante, Boccaccio und Petrarca halten, von
weiten priesterartigen Mänteln umhüllt, in ihrer
Rechten ein dickes Buch: das ist die ganze Charakteristik
. Männer, denen sich Daseinsrätsel entwirren,
deren Auge in verborgenste Seelentiefen dringt,

schrankenlose Gebieter des Wortes vermochte Castagno
nicht zu gestalten. Aber die Krieger! Man
fühlt diesen Helden die Schöpferwonne ihres Malers
förmlich an. Pippo Spano, der in dreiundzwanzig
Schlachten wider die Türken kriegte, Farinata degli
Uberti, Niccolö Acciaiuoli, in dem der Staat Neapel
einen siegreichen Feldhauptmann und seine schöne
Königin noch mehr verlor, — solche Heroen versetzten
Castagnos Pinsel in begeisterte „furia". Waffenklirrend
, breitbeinig-massiv, strotzend von Saft und
Kraft, stehn sie ragend und unbegreiflich vor uns
Menschen von heute. Damals lebten solche Riesen
und die Sätze, in denen ein florentiner Chronist
Rinaldo degli Albizzi den Zeitgenossen des Malers
richtet, könnten vor jedem dieser Porträts gesprochen
werden: „Dieser Mann achtet den Freund nicht
anders denn den Feind, und jeder Mensch dünkt
ihm ein Fetzen. Sein Wille soll von allem Volk
wie ein Gesetz empfangen und, was andere meinen,
in Asche geschrieben sein, die da lieget, wo der
Wind am stärksten bläst".

Die übrigen Werke, deren Besitz uns gerettet
ist, gehören Castagnos späten Tagen an. Die drei
Fresken von St. Apollonia, die Kreuzigung, Grablegung
und Auferstehung, feiern Andreas Sieg über
die trübe Schwere der Farben. Die hellen Töne
sind fast durchsichtig, alles ist umflossen von weicher,
silberartig flimmernder Luft. Wie eine Vorahnung
Piero della Francescas muten, zumal in der Art,
wie dunkle Bäume hier gegen einen hellen Horizont
stehen, diese Schöpfungen an. Das unlängst aufgedeckte
Fresko der Trinität mit den drei Heiligen in der
Annunziata-Kirche lehrt dagegen den Zeichner Andrea
würdigen. Noch Vasari bewunderte die für des
Malers Zeit beispiellos kühne Verkürzung in der
Figur Christi, und dem Quattrocento war gewiss
auch die Verbindung des Vorganges mit einem landschaftlichen
Hintergrunde neu. In beiden Fresken
scheint aber Castagnos enormes Können einem
Experiment zu dienen; sie wollen vom Standpunkt
der überwundenen Schwierigkeit betrachtet sein.
Was jedoch der alternde Meister vermochte, wenn
er die Mittel nicht zum Zweck machte, sondern einer
grossen Aufgabe unterordnete, zeigt das überdies auch
vorzüglich erhaltene Abendmahl von St. Apollonia.
Nach der technischen wie nach der geistigen Seite
bedeutet dies „cenacolo" den Gipfelpunkt im Werke
Castagnos. Von einseitiger Hell- und Dunkelmalerei
kann bei dieser eminent reichen Farbenskala nicht
mehr gesprochen werden, und — was selbst ein
Michel-Angelo der Nachahmung würdigte — die
realen Beleuchtungsverhältnisse des Refektoriums
erzielen die Modellierung durch Licht und Schatten.
Ein hallenartiges Gemach bildet die Szene, zu deren
Schmuck diesmal neben der Antike auch Gentile da


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