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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_09/0035
Tympanon. Chartres, Westportal.

Zur frühgotischen Plastik Frankreichs.

ALS das Merkzeichen der gotischen Plastik (gegen-
L über der älteren romanischen Kunst) gilt ihre
fröhliche Hingabe an das Leben, ihre feinfühligere
Obacht auf Aussen- und Umwelt, von der bescheidensten
Pflanze bis zum gerngrossen Sichgehaben
der ritterlichen Gesellschaft. Wirklich stellt das
immer fortschreitende Studium der Natur die eine
Seite ihres Wesens dar. Jenes geht zunächst mehr
auf das Allgemeine in Form, Bewegung und Ausdruck
; es langt schliesslich an beim Individuellen
(Taf. 56). Es sucht das Jugendliche, Feine, Liebenswürdige
auf, nicht das Androhende, aber es hat auch
einen Blick für das Absonderliche; einen lachenden
zumeist. Doch darf man sagen, dass die Gotik gerade
in der Grimasse am meisten Tiefe habe.

Den Gradmesser für das Naturgefühl gewährt,
wie in späteren Jahrhunderten wohl die Landschaft,
so hier das begleitende Blätter- und Rankenwerk.
Seit etwa 1160 glaubt man es wie ein Zuströmen
frischen, jugendlichen Saftes zu spüren; ein feines
Verständnis für die Zartheit — die sanftere Welle —
im organischen Leben spricht nun aus Kunstformen,
die im einzelnen der Natur oft garnicht abgesehen,
vielmehr aufgespeicherten Schätzen uralter Ueber-
lieferungen entnommen sind. Auch hier langt man

_ wie im Faltenwerk der Gewandung, in den

Köpfen der Figuren — nach etwa zwei Menschenaltern
bei einer eingehenderen Nachbildung der
Naturform an.

Ueberraschend ist die Wendung zum Lebensvollen
in der Erfindung. An den Laibungen der
Portale z. B., die damals wie schon früher mit Kränzen
von Statuetten bedeckt sind, war es üblich, den
innersten Ring mit Engeln zu schmücken, die den
göttlichen Personen auf dem Tympanon adorierend
sich zuwenden. Man stellt sie meist einfach übereinander
. Am Pariser Hauptportal dagegen (Anfang
des 13. Jahrhunderts) schliessen sie sich wie zu
einem Reigen zusammen; sie erscheinen hier in
Brustbildern, auf den (das Tympanon umrahmenden)
Rundstab mit den Händchen sich aufstützend, mit
den Aermchen sich legend, wie neugierige Kinder:
die nachdenklicher, die dreister, die selig staunend,
der Huldigung vergessend über fröhlichem Entzücken.
Es ist eine Vermenschlichung eines alten Themas,
wie man sie eher der Frührenaissance zumutete.

Das Streben nach dem Lebensvollen ist aber
nur die eine Seite der Bewegung; es verbindet
sich mit dem anderen nach monumentaler Festigung
und Klärung der Formensprache. Ja, weniger im
Naturalismus als in der stilbildenden Kraft liegt
die grosse geschichtliche Bedeutung des gotischen
Phänomens.

Um zu begreifen, wie Frankreich hier gleichsam
mit Notwendigkeit den übrigen Ländern den Vorsprung
abgewann, indem es zu festen Normen eines
eigentümlichen „modernen" Stiles hindurchdrang,
während man überall fast den älteren (antik-

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