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Benvenuto Cellini.
WENN ein bildender Künstler sein eigenstes Gebiet
verlässt und, statt zu schaffen, als Schriftsteller
lehrt, berichtet oder fabuliert, so erscheint er
in dieser Rolle meist nur als Dilettant, und seine
Bücher werden selten den Werken die Wage halten,
auf denen seine Bedeutung beruht. Um so merkwürdiger
ist nun, dass einzelne Künstler, die als
solche ihren Beruf doch nicht verfehlt, sondern
würdig ausgefüllt haben, trotzdem hauptsächlich
durch ihre Schriften bekannt und
berühmt geblieben sind. So sei
hier an Giorgio Vasari erinnert,
der um die Mitte des sechzehnten
Jahrhunderts als Architekt und
Maler eine grosse Rolle in Florenz
spielte, dessen Bilder und Bauten
man aber heute kaum noch ansähe,
wenn er nicht als Encyklopädist
der Kunstgeschichte unser Interesse
beanspruchte. Verwickelter
jedoch, und um so fesselnder, ist
der Fall seines Zeitgenossen Benvenuto
Cellini, dessen litterarisches
Werk fast ausschliesslich dazu bestimmt
war, ihn selbst als bildenden
Künstler ins gewünschte Licht zu
setzen.
Mit diesem Goldschmiede und
Bildhauer, der 1500 bis 1571 lebte
und vor allem in Florenz, Rom
und Paris thätig war, sind wir,
wie uns bedünken will, geradezu
vertraut durch die Lebensgeschichte,
die er von sich verfasst hat und
die in Goethes freier, aber sehr
glücklicher Uebersetzung allenthalben
verbreitet ist. Durchaus nicht
gelehrt, ja nicht einmal gebildet,
wusste Cellini als ein Mann von scharfer Beobachtung,
von lebhafter, selbst leidenschaftlicher Empfindung
und von künstlerischem Auffassungs- und Gestaltungsvermögen
, seine Erlebnisse und die Verhältnisse
, die ihn umgaben, mit packender Anschaulichkeit
darzustellen. Er versetzt den Leser ohne
weiteres in seine oft ganz wundersamen Abenteuer,
bringt ihn, auch wo er Unrecht thut, auf seine
Partei und wirkt durch eine seltene Naivetät, die
bloss von seinem Selbstbewusstsein übertroffen wird,
dermassen überzeugend, dass wir nur zu geneigt
sind, ihm alles zu glauben und ihn für den ersten
Künstler seiner Zeit, seine Widersacher aber alle Köpfen. Sehr viele Goldschmiede kamen aber da-
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Cellini, Jupiter.
Am Sockel der Perseusstatue
Florenz, Loggia dei Lanzi.
für verblendet und boshaft zu halten. Auf diese
Weise ist sein Ruhm bei der Nachwelt über Gebühr
gesichert worden; wer die wenigen Kunstwerke
, die von ihm erhalten sind, nicht kennt und
zu beurteilen weiss, wird ihm gegenüber schwerlich
den richtigen Standpunkt finden.
Damit soll keineswegs gesagt sein, dass Benvenuto
als Künstler wenig und nur als Impresario
seiner selbst, als Herold seines Eigenlobes, viel getaugt
habe. Im Gegenteil: er leistete Erstaunliches
, aber freilich als echtes
Kind einer höchst manieristischen
Zeit, und so kommt es darauf an,
nur innerhalb ihrer Manier seinen
künstlerischen Stil zu bewerten.
Betrachten wir zunächst die
Entwicklung und den Umfang seines
Schaffens! Er wächst heran
als der Sohn eines vielseitig begabten
kleinbürgerlichen Vaters, der
ohne grösseren Erfolg als Mechaniker
, Baumeister, Elfenbeinschnitzer
arbeitet und mit Vorliebe Musik
treibt. Von diesem Vater zum
Musiker bestimmt und bis hoch in
die Jünglingsjahre mit dem ihm
widerwärtigen Unterricht im Hornblasen
geplagt, entscheidet er selbst
sich früh für die Goldschmiedekunst
, setzt durch, dass er zu verschiedenen
Meistern dieses Handwerks
in die Lehre gegeben wird,
erwirbt sich daneben auch etwas als
Bläser und bildet überdies soldatische
Fertigkeiten an sich aus. Diese
kommen ihm in päpstlichen Diensten
(bei der Verteidigung der
Engelsburg, 1527, gegen die Kaiserlichen
) und bei seinen zahlreichen Händeln und
mörderischen Ueberfällen zu statten; die Musik lässt
er allmählich fallen und seine ganze, gewaltige Energie
wendet sich einstweilen auf das Juwelier- und Goldschmiedsgewerbe
.
Von seinen Lehrmeistern lernt er die Grundlagen
der verschiedenen einschlagenden Techniken, aber
bei keinem hält er es lange aus. Er ist Künstler genug,
um das wahrhaft Künstlerische und Tüchtige an ihnen
mit Achtung anzuerkennen; jedoch schon früh zeigt
sich seine masslose Empfindlichkeit und der echt
florentinische Hochmut gegenüber minder gewitzigten
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