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Statue stehen, den rechten Fuss auf einen Helm gestützt
, in den Händen ein Schwert und eine zerbrochene
Lanze, die sie triumphierend erhebt. Dieser
Kriegsgott, eine heroisierte Darstellung des Königs
selber, sollte nicht weniger als 54 Fuss, also etwa
15 Meter, hoch werden! Ohne Zweifel hoffte Gellini
mit ihm den David des Michelangelo, der bis dahin
der gewaltigste Koloss war, zu übertreffen; als ob
eine drei- bis vierfache Grösse und nicht der künstlerische
Inhalt, die Wucht der Motive, das Massgebende
wäre! Ein höchst charakteristisches Zeichen
jener Zeit: sie schwankte wie alle Perioden der
Nachblüte zwischen eleganter Aeusserlichkeit und
brutaler Wucht. Als Cellini, gewiss nicht ohne
unendliche Ueberlegung und seltenes Geschick, sein
ungeheures Modell, das hohl und aus Eisen gerüstet
war, erbaute, um den Kern für das mit getriebenen
Kupferplatten zu bekleidende Kunstwerk herzustellen,
da lebten bereits in Florenz die Meister — Ammanati,
Bandinelli, bald auch Giovanni Bologna —, die in
Uebertreibung michelangelesker Formen ebenfalls
nach der Kolossalität, in riesigen Marmorblöcken
und wulstigem Muskelwerke wenigstens, strebten.
Ueber das Modell seines Giganten, dessen Haupt
der Schauplatz eines artigen Liebesabenteuers wurde,
aber Schrecken verbreitend über die hohe Mauer
des Atelierhofes hinausragte, kam Benvenuto nicht
hinaus. Der stets Unruhige verliess den König,
dessen Aufmerksamkeit aufs neue von Kriegen in
Anspruch genommen wurde, und ging nach Florenz
zu Gosimo I. Seltsam, dass unter diesem kargen
und schwunglosen Herrscher, der ihn hauptsächlich
als Goldschmied beschäftigen wollte, ihm das gelang
, was der grossartige König Franz nicht genug
hatte fördern können: die Vollendung eines Kolosses.
Misst der „Perseus" auch nur etwa 31/2 Meter Höhe
(vgl. Museum II, Tafel 151, 152), so ist er doch, in
Bronze gegossen, eine höchst ansehnliche Leistung
Aber auch hier verweilt Benvenuto innerhalb seiner
Sphäre: das höhere Ziel steigerte ihn weder über
sich selbst noch über seine Zeitgenossen hinaus.
So herrlich dieser nackte Jüngling modelliert, so angenehm
die Bewegung der schönen Glieder, so edel
die ganze Haltung ist: es fehlt, wie dem Medusenhaupte
das Schreckliche, so dem Ganzen die heroische,
innere Grösse. Und nun gar das „verdrehte Weibchen"
unter den Füssen des Helden und die mit zierlichem
Beiwerk ausserordentlich überladene Basis verraten
geradezu indiskret den Meister ergötzlicher Kleinkunst
, der sich auf den tragischen Kothurn gestellt
hat, um von dessen Höhe aus seine liebenswürdigen
Fähigkeiten vergeblich spielen zu lassen.
Benvenuto wurde jedoch an sich nicht irre, und
ein ganzer Regen von schmeichelhaften Sonetten über
den Perseus bestärkte ihn in der Ueberzeugung,
das Höchste geleistet zu haben. Dem Herzoge, dessen
überaus lebendig erfasste Büste er gemacht hatte
(Taf. 57) und dem er ein grosses Marmorkruzifix
(auch in der Steinarbeit versuchte er sich!) schenkte
(Taf. 58), imponierte er trotzdem nicht recht. Je
höher er seine Ansprüche auf Ehre, Lohn und Aufträge
glaubte erheben zu dürfen, je unleidlicher er
für sich eiferte, desto gleichgiltiger wurde er dem
ohnehin nicht recht begeisterungsfähigen Cosimo.
So kehrte Benvenuto nach der Vollendung des
Perseus wieder zu den Arbeiten zurück, von denen
er ausgegangen war, in denen andere ihn aber jetzt
zu überholen begannen, und er geriet in Armut
und Vereinsamung. Da schrieb er denn sein Leben,
um dem undankbaren jüngeren Geschlecht zu zeigen,
was an ihm gewesen sei: und wirklich ist es ihm, als
seine Vita Jahrhunderte später sich verbreitete, recht
gut gelungen, die soliden Verdienste, die er besass,
in den Augen der meisten masslos zu steigern.
Wolfgang v. Oettingen.
Cellini, Medaille auf Pietro Bembo.
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