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Die figürliche Thonplastik der Japaner
ANGSAM nur im Lauf der Jahrhunderte ist die
Kunst der Japaner im Gesichtskreis der Europäer
erschienen. Im 17. Jahrhundert zuerst in Gestalt der
Hizenporzellane, zumeist freilich solcher, die ihren
Bewunderern im Abendlande nicht die Seele der
japanischen Kunst entschleierten, sondern dem Geschmack
der Europäer entgegenkamen. Im 18. Jahrhundert
mit den Goldlackarbeiten
; nur solchen, die der Alltagsarbeit
der japanischen
Lackkünstler entsprachen, ein
Mittelgut waren, über das sich
selbst die hochgeschätzten
Goldlacke aus dem Besitze
Marie Antoinettens nicht erhoben
. Auch die erste Hälfte
des 19. Jahrhunderts hat unsere
Anschauungen nur wenig
erweitert; was vereinzelt von
kunstvollen Bronzen, von
schmuckreichen Waffen, von
gemalten und gedruckten Bildern
nach Europa gelangte,
verfiel ethnographischen Museen
, in denen es als Beitrag
zur Völkerkunde, aber nicht
als eine Mehrung unseres Anteiles
am Weltkunsterbe geschätzt
und genutzt wurde.
Der ersten Londoner Weltausstellung
blieb das Reich
des Mikado fern, der damals
noch in der alten Hauptstadt
Kioto ein weltabgeschiedenes
Dasein führte. In den Geistern
aber gährte es schon, und
bereitete sich jene politische
und soziale Umwälzung vor,
die zwei Jahrzehnte später Ursache ward, dass
Japan seinen alten Kunstbesitz rücksichtslos in alle
Welt zu verstreuen sich anschickte, wo immer zahlungsfähige
Käufer zur Aufnahme sich bereit fanden.
Nicht lange dauerte dieser Zustand, zum Glück für
die Japaner, die etliche Jahrzehnte später ihre Thor-
heit erkannten, und zum Unglück für uns, die wir
uns erst von eingerosteten Schönheitsbegriffen unabhängig
machen und unsere Augen auf die richtige
Sehweite zur Würdigung der intimen Kunst der
Japaner einstellen mussten. Immerhin haben sich
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Okimono. Japanisches Mädchen, sich mit einem Handtuch
abtrocknend. Aus gebranntem Thon, unglasiert, h. 0.23.
Arbeit der Frau Koren, zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts.
die Kunstkammern der Japaner lange genug geöffnet
gehabt, um uns ungeahnte Schätze zu erschliessen
von herrlichen alten Goldlackarbeiten, von Schwertbeschlägen
aus geschnittenem Eisen oder ziselierten
farbigen Metallgemischen, von Töpferarbeiten, an
denen bald die harmonischen Stimmungen farbiger
geflossener Glasuren, bald die zartesten Schmelz-
und Goldmalereien, bald der
kühne Pinselflug eines impressionistisch
schaffenden
Malers, immer aber ein Etwas
an Kunst geboten wurde, das
weit ab lag von allem, was
wir bisher an den Werken
europäischer Kunsttöpfer bewundert
hatten; von Seidengeweben
, die in den Mustern,
in den Farben und in der
Freiheit von dem unsere Webekunst
beherrschenden wiederkehrenden
Farbenrapport nicht
minder wertvolle Enthüllungen
neuer dekorativer Ideen darboten
; von kleinen Schnitzwerken
, den Netzkes, in denen
die gewandteste Anpassung
eines Motivs an einen Zweck
mit fröhlichem Humor, auch
einem Sondergut der Japaner,
gepaart erschien; von Malereien
, die eine durch ein Jahrtausend
sich erstreckende Entwicklung
grosser Kunst offenbarten
, und von Holzfarbendrucken
, die, obwohl die Zeit
ihres Aufblühens und Welkens
wenig mehr denn ein Jahrhundert
umspannt hatte und
in eine Zeit des Niederganges der grossen Kunst
gefallen war, dennoch köstliche, unseren Augen
wohlthuende Kunsteindrücke vermittelten. Was
von den Erzeugnissen solcher und verwandter
Kunstbethätigung der Japaner auf den europäischen
Markt gelangte, wurde von feinsinnigen Kunstsammlern
in Frankreich, England, Nordamerika,
weniger in Deutschland so rasch und energisch
aufgenommen, dass die öffentlichen Sammlungen
kaum zur Besinnung kamen. Als man sich klar
geworden, dass beim Sammeln solcher Dinge es
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