http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_09/0059
Hogarth. Das Thor von Calais.
Radierung von Mosley u. Hogarth. Nach einem Gemälde, welches sich jetzt in London, National Gallery befindet.
William Hogarth.
1697—1764.
EIN einziges Mal hat in neuerer Zeit das Aschenbrödel
unter den Künsten, die Graphik, das
Glück gehabt gut abzuschneiden. Es dauerte rund
hundert Jahre, bis die zauberhafte Kunst der Reynolds,
Rommey und Gainsborough einen Weltruf erlangte.
Hogarth aber war in der ganzen Kulturwelt sofort
ebenso berühmt wie in seiner engsten Heimat.
Nun muss man leider gleich zugeben, dass es
nicht das spezifisch Graphische in seinen Werken
war, das ihm zu diesem Erfolg verholfen hat.
Höchstens sprach es mit, insoweit diese Kunstrichtung
schon an und für sich eine leichtere Verbreitung
zulässt. Der Hauptgrund seiner Beliebtheit
besteht aber wohl darin, dass er das Leitmotiv seines
Zeitalters, den Gedanken, mit dem es sich unentwegt
beschäftigt, auffing und ihm künstlerischen Ausdruck
verlieh. Es ist das empfindsame, merkwürdige achtzehnte
Jahrhundert, das von Anfang bis Ende auf
ebenso beständige wie sonderbare Weise Stellung
zur Moral suchte.
Man lese den 375. „Spectator" vom 10. Mai 1714!
Es ist uns heutzutage einfach unfassbar,wie im übrigen
gescheite, wohl auch grosse Männer eine solche Erzählung
für geeignet finden konnten, die Moral zu
läutern. Oder man lese die wechselseitigen Kondolenzbriefe
von Frau Chapone mit der berühmten Mme.
D'Arblay (Fanny Burney). Zwei so kluge, feingebildete
Frauen empfinden nicht das lächerlich
Schwülstige ihres Vorhabens, wenn sie sich über die
schwersten Schicksalsschläge durch moralisierende
Erwägungen, ja durch „schön gewählte" Dichterzitate
zu trösten suchen! Andere wiederum versündigen
sich an den Perlen einer früheren Zeit, an
den Werken Shaksperes oder Heywoods, um sie zu
vermoralisieren, wenn ich den Ausdruck gebrauchen
darf. Die Sucht war, wie bekannt, nicht etwa auf
VII. 13
49
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_09/0059