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Piero della Francesca.
DER Name Pieros della Francesca schliesst für
den Kenner italienischer Quattrocento-Malerei
gleichsam einen Glaubensartikel in sich. Er kann
als Prüfstein dienen, wie weit der strebende Adept
in dem Heiligtum italienischer Kunst vorgedrungen.
Den gewöhnlichen Vergnügungsreisenden Italiens
nahezu unbekannt, sind seine Werke ein Ziel der
Sehnsucht für alle Eingeweihten. Wer einmal vor
seinem Hauptwerk, den Fresken im Chor von San
Francesco in Arezzo gestanden
und die Grösse und
Erhabenheit dieser heiligen
Stelle hat auf sich wirken
lassen, den wird es unwiderstehlich
nach näherer
Bekanntschaft mit ihrem
gewaltigen Schöpfer verlangen
. Jedes neue Werk
von seiner Hand sichert
dem Beschauer ein künstlerisches
Erlebnis von
grösster Bedeutung. Aber
nicht von vornherein wird
sich einem jeden das ganze
Innere dieser mächtigen
und überragenden Persönlichkeit
erschliessen, die in
allen ihren Schöpfungen
einen starken, knorrigen,
oft ans Bizarre streifenden
Eigenwillen bekundet.
Wie ein Fels erhebt
sich die Gestalt Pieros in
dem toskanisch-umbrischen
Grenzgebiet und scheint
gleichsam alles
künstlerischer
Wucht in der Gegend schlummerte, in sich zu konzentrieren
. In Borgo San Sepolcro, oberhalb Arezzo,
wurde er in einem breiten, lachenden Hochthal der
Appenninen um das Jahr 1420 geboren. Seme
frühesten Lebensjahre sind in Dunkel gehüllt. Vielleicht
genoss er den ersten künstlerischen Unterricht
bei einem der sienesischen Wandermaler, von denen
sich noch heute Spuren in Borgo San Sepolcro erhalten
haben. Dafür spricht eine seinen frühen
Arbeiten eigene, an sienesische Maltechnik erinnernde
Farbengebung. Auch einen gewissen archaischen Zug
teilt seine Kunst mit der sienesischen. Einzelne seiner
heiligen Gestalten scheinen auf eine dunkele, mythische
3, was an
Kraft und
Vergangenheit zu weisen, aus dem Schosse einer alten,
ehrwürdigen Ueberlieferung heraus geboren zu sein.
Sein Ghristustypus gemahnt an das uralte byzantinische
Idol christlicher Verehrung, das allerdings
durch eine neue Vergeistigung über seinen früheren
strengen Schematismus erhoben worden ist. So
trägt seine Kunst, nicht zu ihrem geringsten Teil,
einen hieratischen Charakter. Sie will der Verherrlichung
der Kirche dienen, die Grösse und Macht
ihrer Heiligen und Dogmen
exemplifizieren, und
geht dabei immer zunächst
auf das Erhabene aus, ohne
Rücksichtnahme auf das
sinnlich Schöne oder gar
Gefällige.
Die rein künstlerischen
Probleme erwuchsen ihr
zum Teil aus dem reichen
Schatze florentiner Tradition
. Pieros sicherlich
bedeutungsvoller und einflussreicher
Lehrmeister ist
der fiorentinisch geschulte
Maler Domenico Veneziano
gewesen. Sein Gehilfe war
er vom Jahre 1439 an bei
der Ausmalung des Chors
in der Spital-Kirche von
Santa Maria Nuova. Domenico
war einer von den
Modernen in Florenz. Er
rang um eine Verbesserung
der Farbentechnik, suchte
seine Figuren und Begebenheiten
durch Anpassung
an die Erfordernisse
der Linienperspektive mit der vorbildlichen Natur
in Einklang zu bringen. Aber nicht er allein, das
ganze künstlerische Milieu in Florenz wird den
jungen Piero in seinen Bann gezogen haben. Als
den kongenialsten Geist wird er zweifellos den längst
verstorbenen Masaccio in seinen von so eminentem
Stilgefühl zeugenden Fresken der Carmine-Kirche
empfunden haben. . Seine Kunst lenkte in die
gleichen Bahnen. Und er darf wohl in Bezug auf
Sinn für Monumentalität als Mittelglied zwischen
Masaccio und Michelangelo angesehen werden.
Wohin seine Malerei zielte, was er sich in
Piero della Francesca. Ausschnitt aus dem Bilde
„Die Auferstehung".
Borgo San Sepolcro, Stadthaus. (Vergl. Taf. 106.)
VII. U
Florenz
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an künstlerischen
Fähigkeiten
errungen,
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