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Piero della Francesca. Die Auffindung des Kreuzes (Ausschnitt)
Arezzo, S. Francesco. Fresko.
in der Brera und bei Mrs. Seymour. Auf dem
Londoner Bilde hat er dazu eine korinthische Säulenhalle
edelsten Stils verwendet, etwa wie auf den
Verkündigungsszenen in Perugia und unter den
Fresken von Arezzo. Von stupender Wirkung ist
die im reinsten Renaissancecharakter durchgeführte
Nischenarchitektur der Brera-Madonna, die gleichen
Idealen wie Bramante zustrebt. In dem harmonischen
Gesamteindruck, den wunderbaren Verhältnissen der
einzelnen Teile zu einander wie zum ganzen steht
diese königliche Architektur in der Malerei des
Quattrocento nahezu einzig da. (Taf. 101.)
Pieros ganze ins Grosse gehende Begabung
befähigte ihn naturgemäss besonders für eine der
Hauptaufgaben der italienischen Kunst: die Wandmalerei
. Im Fresko hat er sich am gewaltigsten
und feurigsten ausgesprochen. Seine bedeutendsten
Fresken birgt seine Vaterstadt und der Chor der Kirche
San Francesco in Arezzo. An einer Wand des Stadthauses
von Borgo San Sepolcro hat er die Auferstehung
des Heilands gemalt, eine Darstellung von
erhabener Einfachheit und grandioser Wucht.
(Taf. 106.) Der Herr steigt eben aus dem Grabe
hervor und hat den einen Fuss auf den Rand des
Sarkophages gesetzt, ruhig und feierlich, die Siegesfahne
in der Rechten. Er schwebt nicht wie so oft
als ein überirdisches Wesen mit sanftem Gleiten aus
der Tiefe empor. Nein, als ein Ueber-Mensch hat er
sich mit höchster Kraftentfaltung aufgeschwungen —
zum Licht; das Göttliche durch Potenzierung menschlicher
Stärke versinnbildlicht. Der Meister fand
auch dies Motiv in der vorhergehenden Kunst vor.
Aber was ist es unter seinen Händen geworden!
Er gab die endgültige Lösung. Die Vorzüge des
Christuskörpers mit seiner aufstrebenden
Vertikalrichtung, dem majestätischen, ins
Weite gerichteten Blick liegen klar zu
Tage. Ein Gegenstand höchster Bewunderung
ist stets die Wächtergruppe vor
dem Sarkophag gewesen. Die Psychologie
des Schlafes ist niemals künstlerisch
tiefer erfasst worden. Und wie verschieden
kommt das Ruhen bei dreien der Wächter
zum Ausdruck, während der vierte, eben
aus dem bleiernen Schlaf auftaumelnd,
erschreckt und geblendet der Vision entgegenblickt
.
Eine andere Szene des Evangeliums,
die Taufe Christi, malte Piero mit gleichem
Gelingen als Tafelbild für den Altar
des Domes seiner Vaterstadt. (Taf. 93.)
Hier hat er — energischer und erfolgreicher
als es je zuvor in der italienischen
Kunst geschehen — versucht, Landschaft
und Figuren in stimmungsvollen
Einklang zu bringen. Die Schöpfung dieser Landschaft
ist ein Ereignis; hier wurden die Naturobjekte
in ein konformes Verhältnis zu den Menschen gesetzt
. Man kann vielleicht sogar von bestimmten
dekorativen Absichten sprechen, in dem Sinne, wie
sie in neuerer Zeit Puvis de Chavannes bethätigt
hat, mit dem Piero öfter verglichen worden ist. Die
drei teilnahmlosen Engel sind eigentlich auch nur
dekoratives Beiwerk, aber ein künstlerischer Faktor
von einschneidender Bedeutung. Sie tragen hier
einen nymphenartigen Charakter. Die koloristischen
Reize dieses Meisterwerkes, die auf einer Harmonisierung
und Kontrastierung beruhen, sind von
unbeschreiblichem Zauber.
Die grösste That seines Lebens bleibt für uns
die Freskenreihe in Arezzo: die Darstellung der
Legende des heiligen Kreuzes, der mannigfachen
Schicksale des wunderbaren Holzes, das auf Adams.
Grab gepflanzt wurde, dessen künftige Bestimmung
die Königin von Saba bei ihrem Besuch in Jerusalem
visionär erschaute, unter dessen Zeichen Kaiser
Constantin siegte, das von dessen Mutter in Jerusalem
aufgefunden, das, später von dem Perserkönig Chosroes
geraubt, von Kaiser Heraclius wieder siegreich eingebracht
wurde; eine Reihe erhabener Ereignisse, der
verschiedenartigsten und teilweise mächtigsten
menschlichen Lebensäusserungen, mit den Mitteln
eines grossen heroischen Stiles vorgetragen. Patriarchalisches
, urväterliches Beisammensein, eine
Leichenklage von ergreifender Leidenschaftlichkeit
(Adam), zeremonielle Aufzüge (Königin von Saba und
Kreuzeseinbringung), wild bewegte Schlachten. —
Jede einzelne Figur in diesen Fresken ist zu einer
individuellen Erscheinung geworden; eine gewaltige
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