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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_09/0066
Porträtreihe, differenziert nach Charakter und Temperament
, das Heroische erreicht durch Steigerung
der menschlichen Persönlichkeit nach der Seite physischer
Kraft und charaktervoller Grösse. Und welche
Rolle spielt dabei die einfache, schwerflüssige, so
ganz einem grossen Stil angepasste Gewandung! In
dem Reiche des Psychischen bieten die Fresken Offenbarungen
in Fülle, die jeder vor den Bildern selbst
erleben muss. Dem visionären Charakter des
Ganzen, so weit er in den seelischen Aeusserungen
der Personen zu Tage tritt, ist kaum je ein Maler
in gleicher Weise gerecht geworden. Man braucht
nur die verschiedenen Zustände sinnlicher Hingabe
an das Wunderbare zu beobachten. Wie sehr der
Künstler es verstanden hat, etwas geheimnisvollvisionäres
auch durch die ganze Situation zu weihevoller
Erscheinung zu bringen, zeigt die Verkündigung
an Kaiser Constantin, eine der meist bewunderten
Szenen, auch als Farbenleistung ein Griff von
grösster Kühnheit. (Taf. 107.) Dass man in diesen
Fresken die bedeutendsten künstlerischen Lösungen für
die Wiedergabe komplizierter Kraftleistungen findet,
wird bei der Veranlagung des Meisters und nach dem
vorher Gesagten nicht Wunder nehmen. Gelegenheiten
dazu boten in reichem Masse die verschiedenen
Manipulationen mit dem schweren Kreuzesstamm.
Wie weit sind dabei alle äusserlichen Ungereimtheiten
und perspektivischen Kunststückchen eines
Castagno und Uccello überholt. Die Körperfunktionen
gehen aus einem wohlstudierten natürlichen Organismus
hervor; allerdings noch ganz im Sinne des
Quattrocento, ohne das Pathos eines Michelangelo.
Das höchste Mass von Energie in der Kraftäusserung
ist in der Perserschlacht vereinigt: überhaupt die
erste ganz lebenswahre Wiedergabe eines Schlachtgetümmels
in der italienischen Malerei. (Taf. 108.)
Keine Turnierschlacht mit lustigen, aufgeputzten
Reiterlein, wie das Quattrocento es zum Teil liebte.
Allenthalben herrscht wildes Grausen, ein Ringen
um Tod und Leben, Mann gegen Mann, im unerbittlichen
Ernst des Gefechtes. Das Gesichtsfeld
ist ein beschränktes. Die Masse der Kämpfenden
verliert sich bald im Hintergrunde. Ein landschaftlicher
Schauplatz ist nicht angedeutet. Das Kampfgewühl
ist so dicht, so gedrängt, dass nirgends ein
"freier Raum bleibt. Um so ausführlicher ist die
Landschaft auf anderen Fresken behandelt. Ein
freier, weiter Ausblick eröffnet sich da von vorn
nach der Tiefe zu. Und es offenbart sich, wie schon
bei der Taufe Christi, eine reine Freude an landschaftlicher
Schönheit. Auf grosse Fernwirkungen
hin komponiert, haftet diesen Landschaften nichts
Kleinliches an. Sie bringen ein heiteres, strahlendes
Element in den Ernst der Handlung und tragen in
hohem Masse zu der dekorativen Wirkung der
einzelnen Bilder bei. In der Eigenart des Aufbaus
und dem vielfarbigen, kräftigen Kolorit gab es damals
kaum ihresgleichen.

Der Kolorismus — das ist ein besonderes und
höchst bedeutungsvolles Kapitel in dem grossen
Lebenswerke Pieros. In der Schule der florentiner
Farbentechniker ausgebildet, ist er selbständig eigene
Bahnen weitergeschritten und hat alle Vorgänger
überholt. Seine Fresken besitzen eine wunderbare
Leuchtkraft. Er verfügt über eine reiche Farbenskala
mit starken, lebhaften Akkorden. Von seinen
Tafelbildern enthüllen die späteren die feinsten Reize
seiner Palette. Vermutlich hat er in Urbino, wo
er eine Zeit lang am Hof des Herzogs Federigo
lebte, zu derselben Zeit wie ein vlämischer Künstler,
durch die Bekanntschaft mit niederländischer Malerei
seine Technik noch mehr verbessert. Von dem
Herzog und seiner Gemahlin hat er zwei Porträts
mit landschaftlichem Hintergrund hinterlassen, die
zu den Perlen der Bildnismalerei des Quattrocento
gehören. (Vgl. darüber meinen Aufsatz Bd. IV.
S. 70 u. Abb. Bd. III. S. 12.) Auf dem Gipfel seiner
Kunst gebietet er über einen zauberhaften Farbenschmelz
. Er sucht, unter Vermeidung von Härten,
mit rein malerischen Mitteln die Form heraus-
zumodellieren und wendet zum Teil schon ein ganz
visionäres Chiaroscuro an. In farbentechnischer
Hinsicht sind seine späteren Werke Vorläufer der
Lionardos. Neben den Madonnen der Brera und in
Sinigaglia gehört zu den feinsten koloristischen Leistungen
seines Pinsels das die Anbetung des Christusknaben
in Gegenwart musizierender Engel darstellende
Bild der Londoner National Gallery, in dem die Hingabe
an das Göttliche und an die Harmonieen der
Musik in wunderbarer Weise verschmolzen ist.

Pieros unmittelbarer Einfluss auf die italienische
Malerei ist nicht so bedeutend gewesen wie der
mancher geringerer Künstler. Seine Werke lagen
nicht an der grossen Heerstrasse. Da er ein
Wanderkünstler war, so hat er auch nicht eigentlich
schulbildend gewirkt. Seine Kunst war und ist
nicht für die breite Masse. Er hat eine Höhe erreicht
, wo die Farbenkunst zu einem Mysterium wird,
das uns alles Körperliche in einer neuen Vergeistigung
erscheinen lässt.

Werner Weisbach.

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