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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_09/0067
Marujama Okio, geb. Anatamura 1733, gest. Kioto 1795. Der Hodsugawafluss.
Kioto, Sammlung Nischimura Soemon. Achtteiliger Setzschirm, datiert 1795.

Japanische Malerei.

WENN der glückliche Besitzer einer Sammlung
japanischerFarbenholzschnitte einem Japaner,
dem die hydraulische Presse westlicher Schulbildung
noch nicht sein natürliches Kunstgefühl erdrückt
hat, mit freudigem Stolz seine Schätze zeigt, wird
der unbefangene Zuschauer unter der Maske orientalischer
Höflichkeit immer dieselben Empfindungen
lesen: steigendes Erstaunen, wachsenden Aerger,
nicht selten auch ungeheuchelte Verachtung, die
zu der schönen Begeisterung des Sammlers seltsam
kontrastiert. In der That fällt es keinem Japaner
von Bildung ein, Holzfarbendrucke zu sammeln.
Dieselbe Verachtung aber wird meist dem Japaner
zurückgegeben, wenn er nun seinerseits dem ungläubigen
Zuhörer den vornehmen Reiz eines Ma-
kimono (Bildrolle) der Tosaschule, die Gewalt und
die Grösse eines buddhistischen Heiligen, wie ihn
einer der älteren Kanomeister gemalt haben mag,
die zauberische Schönheit einer Landschaft des Seschu,
des grössten japanischen und eines der grössten
Landschafter aller Zeiten, voller Begeisterung demonstrieren
will. Ungläubiges Erstaunen und das ärgerliche
Gefühl zum besten gehalten zu werden, sind
in der Regel die Antwort — und am Ende kehrt
der Europäer von diesen sonderbar ernsthaften und
scheinbar so mangelhaften Werken nur mit erhöhtem
Stolz zu seinen geliebten Buntdrucken zurück, in dem
tröstlichen Bewusstsein, dass dieses Volk von Kindern
doch nichts geschaffen habe, was den niedlichen oder
harmlos grotesken Arbeiten der Harunobu, Tojokuni,
Hok'sai an die Seite gesetzt werden könne. Es
ist ja bekannt und man kann es überall lesen, dass
die Japaner ein gewisses Gefühl für sinnliche Schönheit
, kleinliche, feine, niedliche Arbeit und ein
kindlicher Humor charakterisiere, daher sie denn

auch eine ganz leidliche Zierkunst besitzen — dass
ihnen eine grosse der Europäischen vergleichbare
Kunst aber fehle. Warum dann die Japaner es so
sorgfältig vermieden haben, in ihrer politischen Geschichte
, dem gewaltigsten Drama unmenschlicher
Greuel und übermenschlichen Heldentumes, diesen
Kindersinn zu zeigen — dies Rätsel bleibt dann
vorläufig ungelöst.

Unser Japaner wird dagegen behaupten, dass
alles was in den Werken der Ukiojemeister des

18. 19. Jahrhunderts, nach denen fast allein in Holz
geschnitten worden ist, an Kraft und Schönheit zu
spüren sei, nichts ist als der zehnfach verdünnte
Aufguss der wahrhaft grossen und gewaltigen älteren
Werke des 9.—16. Jahrhunderts, dass eine grosse
Anzahl dieser Meister niemals haben in Holz
schneiden lassen und dass schliesslich die wenigen
Werke dieser Schule, die der japanische Kenner
schätzt, eben Gemälde sind, keine Holzschnitte.
Der japanische Holzschnitt ist aber überdem durchaus
keine selbständige Kunst, wie die Europäer, die
Landsleute eines Dürer, Holbein, Rembrandt, Goya
gerne glauben möchten, keine Griffelkunst im Sinne
Klingers, sondern eine reproduzierende Technik —
Malerei für kleine Leute. Seine wahre Höhe hat
er vielleicht erst erreicht, als er sich auf seinen
eigentlichsten und vornehmsten Zweck besann und
für kunsthistorische Werke, besonders die Zeitschrift
Kokkwa, jene unvergleichlichen farbigen
Reproduktionen japanischer und chinesischer Gemälde
schuf, die uns die wahre Kunst Ostasiens
erst haben kennen lehren. Von diesen Farbendrucken
unterscheiden sich die von den Sammlern
so gesuchten Arbeiten des 18. und des frühen

19. Jahrhunderts nur dem Gegenstande, nicht dem

VII. 15

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