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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_09/0070
einer Kunstakademie sein Stipendium kosten würden.
Gerade diese alten buddhistischen Meister aber haben
Werke religiöser Kunst geschaffen, die in herrlichster
Gestalt das tiefste ausdrücken, was das Menschenherz
bedrückt und beseligt. Diese Buddhafiguren
und Heilige blicken auf uns wie aus einer anderen
Welt — der Welt, in der es kein Leiden und keine
Freude, kein Hassen und Lieben, kein Hoffen und
Fürchten giebt, aus dem Lande des Friedens, wo „die
Vergänglichkeit Ruhe findet", der ewig rastlose Wille
erlischt. Wollte man die Anatomie dieser Gestalten
korrigieren, man würde nach einem schönen Worte
Ernst Grosses den Reiz des Bildes zerstören, wie
durch ein Geräusch den Zauber der Musik.

Nicht viel anders ist es mit den Bildern der
Kas'ga- und Tosaschule, den Makimonos mit
Bildern höfischen Lebens, buddhistischen Tempellegenden
und Volksmärchen. Die vornehmen Damen
und Herren, die da in ihren gesteiften Brokatgewändern
gleich bunten tropischen Schmetterlingen
auf den kostbaren Matten ihrer Paläste ruhen oder
sich in würdevollem Schreiten durch glänzende Gemächer
bewegen, tragen aus drei Strichen und ein
paar Punkten zusammengesetzte Gesichter von abschreckender
Hässlichkeit, wie sie Kinder bei ihren
ersten Zeichenversuchen zu malen pflegen — nach
anderem Schema wird der Krieger, der Bauer, der
Kaufmann behandelt. Dieselben Künstler aber, die
übrigens bei Gelegenheit die grossartigsten Porträts
und herrlichsten buddhistischen Bilder geschaffen
haben, haben das Gewühl nächtlichen erbitterten
Kampfes, den Anprall gepanzerter Reitergeschwader,
raufende Knaben und müssige Gaffer, ein durchgehendes
Pferd, den in rasendem Galopp vorbeisprengenden
Zug eines Hofadligen, im Hinterhalt
lauernde Reiter — kurz das ganze bunte Bild in
fast unheimlicher Lebendigkeit festgehalten, das das
gräuelvolle und gewaltthätige, aber prachtliebende und
grossartige 12. und 13. Jahrhundert dem Auge des
Malers bot — und diesen Eindruck lebhaftester Bewegung
würden ein tieferer Ausdruck der Köpfe
und eine sorgfältige Ausführung der Figuren aufgehoben
haben. Um die Werke dieser Meister in
ihrem ganzen Werte zu würdigen, vergleiche man sie
mit den vielbewunderten Tierbildern der naturalistischen
Schulen des 18. und 19. Jahrhunderts oder
gar den Skizzen der Ukiojemeister derselben Zeit —
man wird dann verstehen, wie wenig dem vornehmen
japanischen Kenner diese Produkte zu sagen haben,
an denen Europa schon fast ebenso viel Anteil hat
wie Japan.

Seit der Zeit hat europäische Wissenschaft und
ihr Gefolge, die maschinelle Technik und der In-

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Miagawa Tschoschun, Ukiojeschule, geb. Miagawamura
1680, gest. Edo (Tokio) i3. Nov. 1752. Bildnis eines

Mädchens.

Japan, Privatbesitz. Kakemono (Rollbild), Seide.

dustrialismus noch weit gründlichere Arbeit gethan.
In wenigen Jahren sind die glänzenden Zierkünste
Japans jammervoll und wohl auf immer zertrümmert
und durch eine industrielle Massenproduktion ersetzt
worden, die es mit der verworfensten europäischen
Schundware aufnehmen kann. Die letzten Zuckungen
der Malerei werden auch bald aufhören. Wie die
herrliche japanische Morgenwinde ihre Blütenpracht
nur dem milden Lichte des Mondes und der Morgendämmerung
enthüllt, vor dem ersten Strahl der Sonne
ihre Blüten schliesst, wird die ihrer stolzen europäischen
Schwester wahrlich nicht unebenbürtige
ostasiatische Malerei vor dem grausamen Glänze
westlicher Wissenschaft verbleichen und verblühen.
Vielleicht thäte die in den letzten Jahrzehnten so
kräftig entwickelte europäische Kunstwissenschaft
gut daran, sie einiger Aufmerksamkeit zu würdigen
, ehe sie gänzlich tot ist — es wird bald zu

SPät Sein" Otto Kümmel.

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