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Velazquez. ,,Die Trinker". (Ausschnitt.)
Madrid, Prado. Vgl. Bd. IV Tf. 3. 4.
Meisters bis zu jenem hochgelegenen Ziele zu verfolgen
, an dem die Grenzen von Kunst und Natur
ineinanderfliessen.
Die Wahrheit, dass alle grossen Meister zugleich
echte Söhne ihres Volkes und echte Söhne ihrer
Zeit gewesen sind, wird durch einseitige neuere
kunstgeschichtliche Richtungen, die teils nur das
Volkstum (Heimatkunst), teils nur die wirtschaftliche
Zeitströmung (soziologische Auffassung) betonen,
nicht aus der Welt geschafft werden. Richtig ist
nur, dass in einigen grossen Meistern mit dem
Individuum das künstlerische Volkstum, in anderen,
die vorzugsweise zu Lehrern der Völker geeignet
sind, der künstlerische Zeitgeist vorklingt. Zu diesen
anderen gehört Velazquez, obgleich er Spanier vom
Scheitel bis zur Sohle war. Seine Kunst konnte
gerade deshalb Weltkunst werden, weil seine Darstellungsweise
einem Zuge der Zeit entsprach, der
sich in Italien wie in Holland, in Flandern wie in
Spanien, in der Kunst keines anderen Meisters aber
so unumwunden und daher auch so zeitgemäss aussprach
, wie in der seinen. Es ist die Entwicklung
von der gebundenen, wohl verschmolzenen zu einer
immer freieren und breiteren Pinselführung, die zuletzt
ihre einzelnen Striche unverschmolzen neben
einander stehen Hess, damit sie sich, aus angemessener
Entfernung gesehen, im Auge des Beschauers zu
einer einheitlichen, natürlichen, vom Licht überhauchten
Oberfläche verbinden. Es ist zugleich die
Entwicklung von kräftig-bräunlicher oder gar vielfarbig
gesättigter zu immer tonvollerer, aber auch
immer lichterer und immer schlichterer Färbung.
Es ist endlich die gerade bei Velazquez am deutlichsten
erkennbare Entwicklung des Lichtfalls vom
Atelier- oder Zimmer- oder gar Kellerlicht zu dem
Lichte, das draussen im Freien im Bündnis mit
der flüchtigen Luft die dargestellten Personen und
Gegenstände von allen Seiten gleichmässig umfliesst,
umspielt und umzittert. Bahnbrechend für die tonvolle
Breitmalerei war der Altersstil Tizians gewesen
. Von Tizians Schülern hatte Tintoretto sie
in ihrer eigenen Richtung, der nach Spanien übergesiedelte
Grieche Theotocopuli (il Greco) sie in
der Richtung aufs Helle, Graue, Feinfarbige weiterentwickelt
. In Flandern und Holland waren Rubens,
van Dyck, vor allen Dingen aber Frans Hals ähnliche
Wege gegangen. Kurz, es kann kein Zweifel
daran sein, dass die Richtung des Velazquez in
der Luft seiner Zeit lag, ohne dass sich erkennen
Hesse, weshalb gerade ein Spanier bestimmt war, sie
bis zur freiesten und reinsten Höhe emporzuführen.
Diego de Silva Velazquez wurde am 6. Juni
1599 in der Pfarrkirche S. Pedro zu Sevilla getauft.
Als dreizehnjähriger Knabe kam er zuerst zu Fr.
Herrera, den einige als den Vater der spanischen
Breitmalerei anerkennen, bald darauf aber zu jenem
Fr. Pacheco in die Lehre, der ihm nach fünf Lehrjahren
seine Tochter zur Gattin gab. Auf seine
Kunstweise könnte eher Herrera Einfluss behalten
haben, der auch die grossen sittenbildlichen Laden-
und Küchenstücke (bodegoncillos) in die spanische
Malerei einführte, als Pacheco, dessen schwächliches
Beispiel höchstens abschreckend auf Velazquez eingewirkt
haben könnte. Am nächsten verwandt aber
erscheinen seine eigenen frühen Bilder ihrem Geist
und Inhalt nach denen des Caravaggio, des Begründers
des italienischen Realismus des siebzehnten
Jahrhunderts, ihrer Pinselführung nach denen des
Ribera, des grossen älteren spanischen Realisten,
der damals in Neapel wirkte. Schon Pacheco nennt
seinen Schwiegersohn, als wäre das selbstverständlich,
im Anschluss an diese Meister. Gleichwohl lässt
sich nicht nachweisen, dass der junge Velazquez
Gemälde ihrer Hand gekannt hätte. Zu gewissen
Zeiten schweben die Keime gewisser Kunstrichtungen
selbständig von Land zu Land und schlagen Wurzel,
wo sie den geeigneten Boden finden. Beschreibungen,
Erzählungen, Worte, die leichtbeschwingt von Ort
zu Ort flattern, genügen offenbar manchmal, Kunstreize
, die in der Luft liegen, auszulösen! Daher
vielleicht in den Werken der Frühzeit des Velazquez
das hocheinfallende Kellerlicht der Spätzeit des
Caravaggio; und daher die Unmittelbarkeit seiner
Naturanschauung, in der er jene Meister, die seine
Vorbilder hätten sein können, vielleicht eben deshalb
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