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von Anfang an übertraf, weil er ihre „Richtung"
nur vom Hörensagen kannte, selbst aber der Natur
näher stand als einer von ihnen.
Auf Kirchenbilder und Volksbilder, mit denen
der junge Meister in seiner Sevillaner Frühzeit
begann, wandte er diese Richtung zunächst an; als
er aber 1623 ganz nach Madrid übergesiedelt und
dort in den Dienst des Hofes getreten war, der vor
allen Dingen Bildnisse von ihm verlangte, stellte
sich rasch heraus, dass seine Art, die Dinge zu
sehen und wiederzugeben, besonders in der Bildnismalerei
berufen sei, Triumphe zu feiern. Auf
der Höhe des „ersten Stils" des Meisters stehen
von seinen Bildnissen die im Profil gesehene Halbfigur
einer Dame in grauem Kleide und gelbem
Mantel im Madrider Museum und das frühe Bildnis
Philipps IV. mit dem Schlagschatten; von seinen
Sittenbildern sein Bacchus mit den Trinkern in
derselben Sammlung. Dieses Bild ist noch im
Atelierlicht gemalt; seine Landschaft ist nur Dekoration
; die neue Richtung war noch nicht zum
Durchbruch gekommen; innerhalb der „realistischen
" Richtung im älteren Sinne aber war es
ein Meisterwerk ersten Ranges.
Einen Abschnitt im Leben des Velazquez bildete
seine erste italienische Reise (1629—1631). In San
Rocco in Venedig kopierte er Tintorettos „Kreuzigung
" und „Abendmahl". In Rom lernte er die damaligen
Modekünstler, wenn nicht persönlich, so doch
durch ihre Werke kennen: Nie. Poussin, Guido Reni,
Guercino, Sacchi, Domenichino, Lanfranco, Valentin
und wie sie alle hiessen. Lanfranco und Valentin
gehörten zu den Breitmalern im Sinne Riberas; die
meisten übrigen waren Glatt- und Schönmaler der
akademischen Richtung. Sollte Velazquez sich in
Rom von diesen haben anstecken lassen? Sollte er
zu einem Trabanten Poussins oder Renis geworden
sein? Hier und da ist es behauptet worden, am
unverfrorensten neuerdings von Armstrong. Zuzugeben
ist jedoch nur, dass Velazquez, der sowohl
der Natur als den Werken anderer Meister gegenüber
die Augen aufzumachen pflegte, sich durch die
Meisterwerke Italiens angeregt fühlte, sich in der
Anordnung seiner „Historien", in der Behandlung des
Nackten und in der breiteren Verteilung des Lichtes,
seinem eigenen Wesen entsprechend, aus sich selbst
heraus zu vervollkommnen. Er selbst blieb er auch
in Bildern, wie der „Schmiede Vulkans" und dem
„Blutigen Rock Josephs". Seine nach wie vor
realistischen Typen haben auch hier nichts gemein
mit denen Poussins oder Renis. Er selbst blieb
er vollends in den Landschaftsstudien, die er in der
Villa Medici malte. Wie Schuppen fiel es ihm hier
plötzlich von den Augen. Er lernte die Landschaft
in dem feinen gleichmässigen Silberlicht sehen, das
Velazquez. Motiv aus der Villa Medici.
Madrid, Prado.
sie auch im Süden oft genug durebfliesst; und er
lernte, dass die landschaftlichen Gegenstände sich
bei breiter Pinselführung besser mit dem Lichte, das
sie umfliesst, zu einem ganzen Wahren verschmelzen
lassen als bei sorgfältiger Wiedergabe aller Einzelheiten
. So kehrte Velazquez gereift, aber nicht abgelenkt
, Anfang 1631 nach Madrid zurück, um hier
zu verwerten, was er seiner in Italien gefestigten
Kunst- und Naturanschauung verdankte.
Seine zwanzig Jahre später (1649—1651) unternommene
zweite Reise nach Italien bildete keinen
Einschnitt mehr in seiner nunmehr stetig fortschreitenden
künstlerischen Entwickelung. Das Ziel,
das dem Meister von Jahrfünft zu Jahrfünft klarer
wurde, war ein möglichst restloser Ausgleich zwischen
der Technik der Uebertragung der Farben mittels
des Pinsels auf die Leinwand und einer einfachen,
der Wirklichkeit nahe stehenden und doch feinen
und vornehmen, durch und durch künstlerischen
Naturauffassung. Dass ihn auf diesem Wege noch
jener 1614 in Toledo gestorbene, zum Spanier gewordene
Grieche Theotocopuli beeinflusst habe, der
in der Zeichnung schliesslich ein sonderbarer
Schwärmer, um nicht zu sagen ein arger Manierist,
in der Färbung gerade seiner Bildnisse aber in der
That zum Entdecker der feinen silbergrauen Fleischtöne
geworden war, die Velazquez weiterbildete, lässt
selbst Beruete gelten. Indessen handelt es sich auch
hier wohl zunächst nur um Wahlverwändtschaft in
der Weiterbildung der Prämissen des Altersstils
Tizians. Unmittelbar auf einen Giotto hätte ein
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