Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_09/0074
Velazquez sicher nicht folgen können. Die dazwischen
liegenden Stufen entsprechen einer entwicklungsgeschichtlichen
Notwendigkeit. Velazquez und il
Greco aber waren in den meisten Beziehungen
entgegengesetzte Pole.

Die Landschaftsstudien hatten unserem Meister,
wie wir gesehen, die Augen geöffnet. Erst jetzt
konnte er jene drei grossartigen fürstlichen Jägerbildnisse
des Madrider Museums malen, die Philipp IV.,
seinen Bruder Ferdinand und seinen Sohn Baltasar
mit ihren Hunden am Abhang der Guadarrama-
Berge darstellen; erst jetzt jene mächtigen Reiterbildnisse
derselben Sammlung, die landschaftliche
Gründe zur Voraussetzung haben; erst jetzt jenes
grossartige Geschichtsbild der Uebergabe von Breda,
das den Vorgang fast so schildert, als hätte der
Meister ihn wirklich im Freien vor Augen gehabt.
Die Darstellung bestimmten, scharfschattig von einer
Seite einfallenden Sonnenlichts hat Velazquez in diesen
Bildern von Anfang an aufgegeben; aber erst nach
und nach gelangt er über alle Stufen einer feinen
Tonmalerei zu der Darstellung seiner Gestalten und
Gruppen in vollster Luft und freistem Tageslicht.
Auch in der „Uebergabe von Breda" ist er erst auf
dem Wege zu diesem Ziele.

Ferner bedient Velazquez sich im Anfang seiner
zweiten Entwicklungsstufe bei seinen Figurendarstellungen
noch einer zwar leichten und flüssigen,
aber doch sorgsam verschmelzenden Pinselführung.
Nur die landschaftlichen Gründe werden weich und
breit hingestrichen. In demselben Masse aber, in
dem er Fortschritte in der Darstellung der Luft und
des Lichts im Bildraum macht, nähert er die Behandlung
seiner Figuren, zunächst ihrer Kleider,
dann ihres Haares, endlich auch ihrer sichtbaren
Fleischteile, der Ausführung seiner Hintergründe;
d. h. sie wurden auf immer noch verschmolzener
Grundlage mit immer breiteren und lockereren Pinselstrichen
vollendet. In demselben Masse nimmt auch
die Feinheit seiner schlichten Farbenakkorde zu,
denen immer entschiedener die silbergraue Tonart
zu Grunde gelegt wird. Diese Tonart bedingt auch
die kühle Zartheit seiner Einzeltöne; auch seine roten
Farben schillern vorzugsweise in rosa oder in Purpurtönen
; und je zarter grau die Grundstimmung erscheint
, desto feiner heben schon leichte Farbenandeutungen
sich von ihr ab.

Der allmählich entwickelte freie Stil der letzten
Zeit des Meisters kommt in dem grossartigen Bildnis
Papst Innocenz X. in der Galerie Doria, das er
1649 m R°m geschaffen, mit höchster Farbenkraft
verbunden schon voll zur Geltung. Später wurde
er anscheinend noch breiter und skizzenhafter. Von
den Einzelgestalten des Madrider Museums gelten
die Bilder der Philosophen Menippos und Aesopus
als die glänzendsten Beispiele der späteren Malweise
des Meisters, während das Bildnis des sog. Don
Juan d'Austria am besten jene leichten, freien, mit
losen Pinselstrichen vollendeten Arbeiten seiner
Spätzeit kennzeichnet, die ernsthafte Kritiker nur
als Skizzen gelten lassen wollten. Aber nur falsche
Freunde des Velazquez und schlechte Kenner der
Physiologie der Malerei konnten eine derartige Kritik
üben. Durch weitere Ausführung hätten die Bilder
dieser Art, zu denen auch die besten der berühmten
Prinzessinnenbilder des Meisters gehören, gerade
jenen Reiz der Unmittelbarkeit und der luft- und
lichtumflossenen Wahrheit eingebüsst, der Velazquez
zu Velazquez macht. Die Errungenschaften der
Freilichtmalerei aufs Binnenlicht angewandt zeigen
dann die beiden grossen Hauptwerke der Spätzeit
des 1660 aus voller Schaffenskraft herausgerissenen
Meisters: die „Teppichwirkerinnen" oder (richtiger)
„Spinnerinnen", ein Arbeitsbild mit lebensgrossen
Gestalten, und „Die Ehrendamen" (Las Meninas),
ein grosses, sittenbildlich aufgefasstes Bildnis-
Gruppenbild. Gerade diese beiden grossen Bilder
des Madrider Museums sind seit der zweiten Hälfte
des neunzehnten Jahrhunderts zum Evangelium der
Maler geworden. Dass irgend einer der modernen
Nacheiferer des grossen Spaniers es ihm an grossartiger
Ruhe innerhalb der breiten Malweise, an
künstlerischer Vornehmheit innerhalb der nur auf
Naturwahrheit bedachten Richtung, an absichtsloser
Unmittelbarkeit der Wiedergabe der künstlerisch er-
fassten Natureindrücke und an Feinfühligkeit der
Farbengabe innerhalb der grauen Tonart gleich
gethan habe, wird sich freilich nicht behaupten
lassen. Wohl aber wird freudig zugestanden werden
müssen, dass Velazquez gerade wegen seiner vollen
Freiheit von allen Manieristen-Untugenden der
künstlerischen Jugend neben der Natur eher als
irgend ein anderer alter Meister als Leitstern voranleuchten
kann. Karl Woermann.

- 64 -


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_09/0074