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Hans Memling. Der Ursulaschrein.
Brügge, Johanneshospital.
Hans Memling.
MEMLINGS Bedeutung im kunsthistorischen
Zusammenhange steht nicht ganz auf der
Höhe seiner Popularität. Die neuere Kunstgelehrsamkeit
, die nicht unabhängig ist von der neueren
Kunstproduktion, betrachtet den Meister mit kühler
Schätzung. Überdies glaubt sie auf ein allzu bekanntes
Gebiet zu blicken, in dem unentdeckte Tiefen oder
übersehene Schätze nicht mehr zu finden seien.
Wenn Memling vor allen altniederländischen Malern,
vielleicht selbst vor Jan van Eyck, berühmt ist,
so hat das Gründe, die zum Teil zufälliger Natur
sind. Brügge ist der Ort, wo die Kunstformen
des 15. Jahrhunderts sich am reinsten erhalten
haben. Die Stadt scheint seit dem 15. Jahrhundert
im Schlaf zu liegen, in einem Schlaf, der sie gut
konserviert hat. Sie zwingt auch dem weniger
empfänglichen Besucher historische Nachdenklichkeit
auf. Und hier, in einer Baulichkeit, die von dem
Brügger Stadtgeist besonders stark erfüllt ist, in dem
Johanneshospital, wirkt Memlings Kunst noch heute
mit konzentrierter Kraft. Sieben Werke des Meisters,
dabei das Höchste, was ihm geglückt ist, stehen bei-
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einander. So reich entfaltet sich an keiner anderen
Stelle die Kunst eines anderen altniederländischen
Meisters, und keine Kirche und kein Museum vermögen
den stilgerechten, die Stimmung fördernden Rahmen
zu bieten, dessen Memlings Tafeln an ihrem Entstehungsorte
sich erfreuen. Die Schöpfungen der
anderen grossen Meister sind in alle Welt zerstreut.
Namentlich Roger van der Weyden und Hugo van
der Goes sind in ihrem Vaterlande nicht mehr recht
heimisch. Höchstens der Kunstgelehrte, der alle
Sammlungen Europas besucht, vermag sich eine
Vorstellung von ihrer Grösse zusammenzusuchen.
Die Kunst Memlings hat viele Züge, die dem
empfindlichen und empfindsamen Sinne wohlthun.
Sie ist tadellos und unanstössig; sie hat nichts von der
herben Fremdartigkeit, die den unvorbereiteten Enkel
an Gebilden aus weit zurückliegender Zeit sonst
oft verletzt. Memlings Formen und Empfindungen
bleiben in einer mittleren Sphäre zeitloser Allgemein-
giltigkeit und werden heute, ohne Vermittelung, ohne
Uebersetzung verstanden. Die Romantiker fanden
hier ihr mittelalterliches Ideal verwirklicht, wie im
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