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Kölner Dombild etwa und im Kloster von San
Marco zu Florenz, in den Malereien Fra Angelicos.
Die Quelle der Legendenbildung floss reichlich,
ehe die Urkunden dürftige, aber lautere Belehrung
spendeten. Die Sentimentalität spann Fäden zwischen
der Person Memlings und dem geistlichen Krankenhaus
, und man verwickelte den Maler in die
kriegerischen Unternehmungen Karls des Kühnen.
Memling war fleissig und fruchtbar, und ein
freundliches Geschick hat uns anscheinend den
grösseren Teil seines Lebenswerkes erhalten. Von
Brügge abgesehen, sind Schöpfungen seiner gleich-
mässigen Arbeit in fast allen Galerien der Welt zu
sehen. Jeder Zug seines Wesens ist uns in vielen
Aeusserungen bekannt. Wenn die Gerechtigkeit des
Urteils von der Zahl der Zeugen allein abhängig
wäre, könnte die kunstgeschichtliche Meinung über
Memling Anspruch auf Unfehlbarkeit machen.
Jan van Eyck, Roger van der Weyden und
Hans Memling, diese drei Meister sehen wir als Vertreter
der drei niederländischen Generationen an, die
im 15. Jahrhundert nacheinander auftraten. Der ersten
Generation werden durch das Genie Jan van Eycks
neue Zugänge zu dem farbigen Schein der Dinge geöffnet
. Die Gewalt der Revolution und das Glück der
Entdeckung triumphieren aus allem, was Jan van Eyck
geschaffen hat. Das Wesentliche seiner Errungenschaft
ist die Individualisierung in unerhört hohem
Grade, die auf einer erstaunlich scharfen Naturbeobachtung
beruht. Die folgenden Generationen
folgten dem Bahnbrecher keineswegs bis ans
Ende seines Weges. Roger und Memling sind
zur Typisierung zurückgekehrt, wenngleich die
Siegesbeute der ersten Generation ihnen nicht verloren
ging. Das mittlere Zeitalter besass immerhin
noch viel Energie, richtete aber seine Kraft weit
mehr auf die freie Gestaltung als auf die genaue
Beobachtung des Einzelnen. Roger van der Weyden
löste die alten Aufgaben der Malkunst im Sinne der
neuen Zeit. Der Inhalt kam wieder in vollkommene
Harmonie mit den Darstellungsmitteln. Wenn Jan
van Eyck mit seinem unersättlichen Individualisieren
aus den Kirchenräumen herauszustreben scheint,
schaffen Roger und Memling wieder stilgerechte
Altarbilder. Roger ist ein scharfer und eindringlicher
Erzähler, der namentlich die Leiden Christi
mit höchster Anschaulichkeit und tiefer Wirkung
vorträgt. Er hat viele Kompositionstypen festgestellt,
die nicht nur in den Niederlanden, sondern auch
am Rhein und selbst in Oberdeutschland giltig
blieben bis ins 16. Jahrhundert hinein. Die dritte
Generation vermehrt das überkommene Erbe nicht.
Memling ist weder ein Eroberer noch ein Erbauer,
er bescheidet sich, innerhalb der von Roger umgrenzten
Typik zu gestalten. An die Stelle der aufrüttelnden
Herbigkeit des älteren Meisters tritt eine
milde, fast quietistische Gelassenheit. Mit seiner
gedämpften Sprache passt Memling recht zu Brügge,
namentlich zu der von allem thätigen Leben verlassenen
Kirchenstadt, die Brügge heute ist.
Wie gut auch der Maler und die Stadt zu einander
passen, Memling scheint doch nicht in Brügge
zur Welt gekommen zu sein, wie ja kaum einer
von den altniederländischen Meistern ein Kind der
Grafschaft Flandern ist. Brügge und Gent zogen
mit ihrem Reichtum die Kunstkräfte von weither
an. Memling stammt wahrscheinlich aus Deutschland
. Der Name „Hans" schon, mit dem er häufig
in alten Urkunden bezeichnet wird, wies auf diesen
Ursprung hin, und seitdem aus einer glaubwürdigen
Quelle die Nachricht „oriundus erat Magunciaco"
ans Licht gekommen ist, wird die Ortschaft Mömlingen
, die nahe bei Mainz liegt, für seine Heimat
gehalten. Zwischen 1430 und 1440, wahrscheinlich
näher zu 40 als zu 30, ist sein Geburtsdatum anzusetzen
. Im Jahre 1466 wird er zum ersten
Mal als sesshaft in Brügge erwähnt, und dann, bis
zu seinem Tode scheint er ohne beträchtliche Unterbrechung
in dieser Stadt thätig gewesen zu sein.
Aus den drei Jahrzehnten der Brügger Erntezeit
besitzen wir eine lange Reihe gesicherter Arbeiten
von Memlings Hand. Die Forschbegier aber ist
natürlich mit entschiedener Vorliebe, wenn auch
mit spärlicher Ausbeute, der Lehrzeit des Meisters
zugewendet gewesen. Die beiden, durch Urkunden
oder alte Nachrichten gebotenen Wegweisungen hat
man eifrig verfolgt, erstens die Herkunft vom Mittelrhein
und zweitens die Schülerschaft bei Roger van
der Weyden. Die eine Kunde hat bisher der kunstkritischen
Betrachtung weit mehr Schaden als Nutzen
gebracht. Die Versuche, spezifisch deutsche Eigenschaften
in der Kunst Memlings zu entdecken, haben
nur Verwirrung angerichtet. Den ober- und mitteldeutschen
Malern waren, soweit wir überhaupt etwas
von ihnen wissen, reiche Erfindungsgabe, Mangel
an Mass und an ruhiger Würde eigentümlich. Die
Brücke von hier zu Memlings Art ist wohl nicht zu
schlagen. Der zweite Hinweis dagegen, der nach
Brüssel lenkt, ist höchst ergiebig und wird durch
stilkritische Vergleichung bestätigt. Memling war in
der That ein treuer und folgsamer Schüler Rogers;
seine weiche Natur scheint für längere Zeit ganz in
der Gewalt des grossen Dramatikers gewesen zu sein.
In der Zeit etwa von 1454 bis 1464, seinem
Todesjahre, leitete der Stadtmaler von Brüssel einen
ausgedehnten Werkstattbetrieb. Es giebt Tafeln
aus dieser Periode, die im allgemeinen das Gepräge
des Rogerschen Stiles zeigen, in denen aber hier
und dort die Kunst Memlings, keimartig, halb ausgebildet
, auftaucht. Es scheint Uebergänge zwischen
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