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1479 schuf der Meister die beiden Flügelaltäre,
die heute zu den Schätzen des Brügger Johanneshospitals
gehören. Der Hauptaltar aus der Hospitalkirche
, der leider nicht in allen Teilen gut erhalten
ist, enthält in dem annähernd quadratischen Mittelfelde
die gewohnte Gruppe der Madonna, der Heiligen
und der Engel. Die Köpfe des stehenden Täufers,
des stehenden Evangelisten Johannes, der sitzenden
Barbara und der Katharina bilden ein Viereck, dessen
Diagonalen sich im Kopf der Madonna kreuzen.
Die Halle ist stattlich und weit; die Figuren stehen
freier im Räume als in dem ähnlichen Repräsentationsbilde
, das Memling etwa 10 Jahre früher für
Sir John Donne ausführte. Die Symmetrie ist mit
grösserer Kunst gemildert und unterbrochen, die
Komposition ist nicht mehr so flach, so reliefartig
wie dort. Und die himmlische Feststimmung ist weit
leichter und glücklicher ausgedrückt. Die Inschrift,
die das Datum 1479 übermittelt, ist nicht alt und
nicht zuverlässig, doch haben wir die Möglichkeit
, diese Aussage zu kontrollieren und finden
sie bestätigt.
Der kleinere Flügelaltar in der Hospitalsammlung
, mit der Anbetung der Könige im Mittelfelde,
hat noch seinen Originalrahmen und darauf die
Originalinschrift, die den Meister, das Datum 1479
und den Stifter, den Bruder Jan Floreins nennt.
Dieses Werk ist viel besser erhalten als der grosse
Altar und, auch abgesehen von dem ausserordentlichen
Zustand, wohl das Höchste und Innigste,
was Memling geschaffen hat. Die kleinen Bildmasse
waren seiner Begabung weit günstiger als die
grossen. Beobachten wir doch, wie er grössere
Flächen zerlegt in seiner Vorstellung, um sie zu
bewältigen. 1479 etwa stand Memling in der Mitte
seines Weges und auf der Höhe seiner Bahn. Die
von Roger ausgehende Kraft war noch wirksam,
während er schon die Grazie seiner Empfindung
von dem Drucke befreit hatte. Die Lieblichkeit der
Formen ist noch frisch, dem Schöpfer selbst noch
überraschend.
Es fehlt nicht an datierten Werken aus den
80er Jahren; 1487 entstand das Diptychon, auf dessen
einem Flügel Martin van Nieuwenhove dargestellt
ist (Taf. 130, 131), 1489 der Ursula-Schrein (Taf. 129;
vergl. die Abbildung über diesem Aufsatz). Aus
den 90er Jahren kennen wir nur ein Werk: den
Flügelaltar mit der Kreuzigung Christi in Lübeck,
der 1491 vollendet worden ist.
Alles, was Memling gestaltet hat, ist religiös,
ist selbst kirchlich. Wenn die Bildnisse auch nicht
ausnahmslos Stifterbildnisse, abgesprengte Teile von
Diptychen und Flügelbildern sind, wenn die Hände
der Porträtierten nicht immer im Gebet, mit den
inneren Flächen aneinander gedrückt, über dem Bildrand
emportauchen, stets scheinen die Individualitäten
in ihrer Freiheit beschränkt, mit dem Ueberirdischen
verknüpft. Der Geist der Unterordnung und Devotion
lebt in allen Gestaltungen des Meisters. Die edle
Ruhe in den Bildern, die den verwirrten, umhergetriebenen
und wurzellosen Enkel beglückt, fliesst
unmittelbar aus der Weltanschauung des Meisters,
aus seiner sicheren und frohen Gläubigkeit. Diese
Frömmigkeit ist nicht eifervoll; sie drängt nicht mit
gesteigerten Empfindungen dem Ueberirdischen zu.
Das Ueberirdische ist ihr nah und natürlich. Memling
hat sein frommes Handwerk so verstanden, dass er
als ein Glied der Gottesdienerschaft, wie der Priester
in Worten, so in Form und Farbe die heiligen
Gestalten und die heiligen Vorgänge der Gemeinde
zeigte. Ruhmbegier und Ehrgeiz scheinen sein
Schaffen nicht angetrieben zu haben. Alle Schönheit
war ihm selbstverständliches Attribut der himmlischen
Erscheinungen, nicht Errungenschaft ehrgeiziger
Menschenkunst. Die Kehrseite der dualistischen
Weltvorstellung hat sein glücklicher Sinn
nie erblickt oder doch nur gelegentlich mit halbem
Verständnis gestreift. Die Schrecken der Martyrien
hat er nicht glaubhaft und eindringlich darzustellen
vermocht. In seiner Welt fehlt der Streit, fehlen die
Gegensätze, in seiner Kunst fehlt das Dramatische.
Wohl hat er das Martyrium Sebastians, die Leiden
der elftausend Jungfrauen und den Tod Christi geschildert
, aber in episch breiter Ausführung, Episoden
aneinander reihend, die Teilnahme zersplitternd;
der Glaube an den endlichen glücklichen Ausgang
durchdringt die ganze Kette der Szenen.
Memlings Religiosität fand vollkommene Befriedigung
in den Regeln des kirchlichen Lebens,
blieb in vollkommener Harmonie mit der Lehre. Jenes
pantheistische Streben, das im 15. und 16. Jahrhundert
die grössten Meister aus den Kirchenmauern
heraustrieb zu der Mannigfaltigkeit der Natur, hat
den Brügger Maler nicht erfasst. Memling schöpfte
nicht unmittelbar aus der Naturquelle. In seiner
Gestaltung ist sehr viel Konvention und sehr viel
Stil — Manier übrigens kaum und höchstens in den
allerletzten Werken. Seine Zeichnung beruht auf
der strengsten Schulung, auf der tiefsten und genauesten
Kenntnis der Naturformen, aber der Meister
hat diese Formen gereinigt, geglättet, gemildert, als
wären die individuellen Zufälligkeiten des Fleisches
unwürdig, in den heiligen Zusammenhang aufgenommen
zu werden. Zweifellos fehlt daher seinen
Schöpfungen der Reichtum, die Frische, die Ursprünglichkeit
, das Ueberraschende, aber ebenso
sicher ist dadurch auch viel Verwirrendes, Störendes
ferngehalten, sodass die reine Seele des Meisters
sich in den Schöpfungen gleichmässig und deutlich
offenbart. Max J. Friedländer.
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