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man kann — um sich an eine einzelne Seite zu halten
— mit einigermassen Bestimmtheit nachweisen, wie die
Träume der Zeit von allen Seiten zu ihm gelangten
und ihn gefangen nahmen, und warum er — und
er allein — von ihnen unversehrt an die Ufer des
Traumlandes getragen wurde, in dem seine Zeit
Griechenland zu erkennen glaubte. Man kann ferner
nachweisen, dass dieses Traumland — wie schimmernd
weiss von schönem Marmor in einer ätherreinen
Luft es auch war — doch nicht das alte Hellas,
sondern nur eine ferne Fata Morgana davon war.
Und man kann endlich nachweisen
, dass diese Fata Mor-
nicht begreifen, wie ein erwachsener Mensch
lachen kann."
Ohne die geringste Gelehrsamkeit zu besitzen,
ja sogar der elementarsten Bildung bar, hatte er,
was den Adel der Kunst anbetraf, vermutlich schon
damals verstanden, was Abildgaard erst in einem
langen Leben gelernt hatte. Durch seinen andern
Lehrer an der Akademie, Wiedewelt, hatte er
wahrscheinlich eine direktere Weisung auf die Antike
hin erhalten und als Zugabe einige Bruchstücke von
Winckelmann's Lehre, der Wiedewelt seine Ansichten
zu verdanken hatte. Auch
aus diesem hat er sicher Honig
zu saugen gewusst, und da
die Tradition ja zudem erzählt
, dass er schon in
Kopenhagen mit Zeichnungen
von Carstens bekannt geworden
sei, kann man wohl mit
Recht annehmen, dass er
keineswegs so künstlerisch unvorbereitet
in die Welt hinausgegangen
ist, wie allgemein
angenommen wird. Dann reiste
er durch die Strasse von Gibraltar
nach dem Italien des
Altertums, d. h. um Europa
herum (also mit Umgehung
des Rokokos in Deutschland
und der Renaissance in Nord-
Italien und aller andern störenden
Eindrücke, die er auf
einer Landreise hätte aufnehmen
können); er traf mit
Carstens zusammen und lernte
auch Zoe'ga kennen, und zog
die Quintessenz aus dem Können
des Einen und demWissen
des Andern, ohne einen Strich
zu zeichnen und ohne ein Buch
zu lesen, während er auch selbständig die antike Kunst
zum Gegenstand seines Studiums und die moderne
Kunst zum Gegenstand seiner Kritik machte. In negativer
Richtung wenigstens hat auch Canova Bedeutung
für Thorwaldsen gehabt, indem seine Fehler diesem
ein ferneres Hülfsmittel gewesen sind, die Grenze
für das Richtige zu finden. So vereinigten sich alle
Verhältnisse zu Gunsten dieses Mannes. Es war,
als habe die Göttin des guten Geschickes die Muse
der Geschichte dazu vermocht, alles auf das Kommen
dieses ihres Auserwählten vorzubereiten und anzuordnen
. Eine ganze Generation hatte darauf hingearbeitet
, ihm eine Situation der vollkommensten
Harmonie zu schaffen. Er brauchte nur zu kommen
selber soll ja damals gesagt haben: „Ich kann und zu sehen, um sogleich zu siegen, kraft seiner
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gana mit ihren eigentümlich
kühlen und klaren, reinen
und ruhigen Anklängen aus
der antiken Welt wesentlich
dadurch bestimmt war, dass
sie eine Erscheinung an
dem Himmel einer nordischen,
einer dänischen Künstlerseele
war.
„Was Thorwaldens Zeitalter
im Grunde auf dem
Gebiete der Bildnerei wollte,
was er von der Antike zu
lernen strebte," sagt Julius
Lange in seinem Buch Thorwaldsens
Darstellung der
Menschen, „war die ethische
Auffassung der menschlichen
Gestalt." Es war Thorwaldsens
Glück, dass er schon daheim
in Dänemark mit einer
solchen Auffassung in Berührung
gekommen war. Während
sich Sergell aus seiner
eigenen Erziehung in „eine
abscheuliche französische Manier
" hinausarbeiten musste,
während Canova sogar niemals dazu gelangte, sich
ganz aus den leichtfertigen Vorstellungen des Rokokos
von der menschlichen Gestalt herauszuarbeiten,
waren Thorwaldsens Vorstellungen von derselben,
wahrscheinlich dank seinem Verhältnis zu Abildgaard
, schon von seiner ersten Jugend an der
Stempel des Ernstes aufgedrückt. Man kann in dem
Figurstil der frühesten Arbeiten Thorwaldsen einen
direkten Einfluss Abildgaards nachweisen. Glücklicherweise
befreite er sich bald von diesem, als er
erst nach Rom kam. Aber von günstiger und bleibender
Bedeutung ist es sicher für ihn gewesen, dass
er in einem so frühen Stadium seiner Entwickelung
einen so tiefen Künstler vor Augen gehabt hat. Er
Thorwaldsen. Jason.
Marmorstatue. Kopenhagen, Thorwaldsen-Museum.
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