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Thorwaldsen. Die Kunst und der lichtbringende Genius.
Marmorrelief. Kopenhagen, Thorwaldsen-Museum.
Ausserdem lag in der Art und Weise, wie Thorwaldsens
Subjektivität in seinen einzelnen Werken in
den Hintergrund trat (ohne dass jedoch deswegen
das Werk unpersönlich, leblos, akademisch wurde),
etwas, das sehr an die antike Kunst erinnern musste;
denn auch in ihr machen sich weit mehr die allgemeinen
Vorstellungen einer Zeit als die des Einzelnen
in erster Linie geltend. Aber auch in dieser
Hinsicht sind wir besser unterrichtet als die damalige
Zeit. Sie sah seine Werke eines nach dem andern
entstehen, und ihre Beobachtungen über dieselben
waren viel zu zerstreut, um den Ueberblick über
seine Subjektivität bilden zu können, den man sich
heut zu Tage verschaffen kann.
Bei einem solchen Ueberblick ist es vor allem
seine kolossale Schöpferkraft, die in die Augen fallen
muss. Dann die ungeheure Ausdehnung seines stofflichen
Gebietes. Gleich darauf aber gewahrt man,
dass in dieser ganzen kolossalen Produktion mit Vorwürfen
, die ein ungeheures Gebiet umspannen, so zu
sagen nur eine Stimmung und ein Stil herrscht.
Oberflächliche Betrachter haben in dieser erstaunlichen
Einheit eine Einförmigkeit gesehen; gerechter
ist es aber doch gewiss, darin die eigenartigste
Geschmeidigkeit zu erblicken, die je ein Künstler
auf der Welt an den Tag gelegt hat. Die Mitwelt,
die Thorwaldsen mit Bestellungen überhäufte, traute
ihm, nicht ohne Grund, die Fähigkeit zu allem zu.
Er konnte gewissermassen alles. Gewissermassen!
Denn seine Geschmeidigkeit bestand, wohl zu beachten
, nicht darin, dass er sein Wesen jeder beliebigen
Aufgabe anpassen konnte, sondern darin,
dass er jede beliebige Aufgabe in die Grenzen seines
Wesens hineinziehen und ihrer Lösung etwas von
der Schönheit seines Wesens beisteuern konnte.
Ein für allemal war sein glückliches Gemüt von
einer Grundstimmung erfüllt, von einem tiefen, einem
unverwüstlichen, einem beinahe seligen Frieden. In
geistreicher Weise hat Julius Lange in seinem obenerwähnten
Buche Rechenschaft darüber abgelegt,
wie diese Grundstimmung in seinem Innern Thorwaldsen
bei der Wahl und der Behandlung der
Motive beeinflusste, wie in seiner ganzen Produktion
nicht eine einzige Kampfscene vorkommt, wie er
Herakles in den Pausen zwischen den Heldenthaten,
Mars als friedenbringenden Kriegsgott, Hektor als
Gatten und Vater, Achilleus als Liebhaber der
Briseis oder als Freund des Patroklos dargestellt,
wie er aber nicht einen einzigen der bluttriefenden
Helden der Iliade im Kampf geschildert
hat. Ferner hat Lange gezeigt, wie er, der Freund
des Friedens, den Friedenstörer Napoleon in des
Alexanderzuges lyrischerVerherrlichung des griechischen
Helden als Friedensstifter verherrlicht hat,
wie er ferner die Helden der durch den Wiener
Kongress abgeschlossenen Kriegszeit in demselben
Geist des Friedens dargestellt hat, und wie er uns
schliesslich Christus nicht in einem Augenblick seiner
Kampfes- und Leidenszeit, sondern als Friedensfürsten
zeigt, der seine Arme ausbreitet, damit die
ganze Menschheit Zuflucht darin finden kann.
Und daneben hat Lange nachgewiesen, welche Rolle
die Darstellung der guten Mächte des Friedens und
des Glückes — vor allem Amor, dann die Musen,
die Grazien und Genien — in Thorwaldsens Produktion
spielt, und wie er auch durch sie zum
Ausdruck gebracht hat, dass für ihn die eigentliche
Aufgabe im Leben darin bestehe, sich das Leben friedlicher
und glücklicher zu träumen, als es inWirklichkeit
ist: „Ein Geschlecht seliger Beschauer, Träumer und
Denker", nennt Julius Lange die Menschen in Thorwaldsens
Welt. Und darin unterscheiden sie sich
nicht am wenigsten von den Menschen der antiken
Welt. In ganz anderer Weise drückt Thätigkeit
und Wirksamkeit diesen ihr Gepräge auf; sie sind
durch und durch ein stolzeres, stärkeres Geschlecht.
Doch ist eine Ausnahme da: die Malkunst, die der
Vesuv begrub; und gerade von der ist Thorwaldsen
beeinflusst worden, da sie das erste war, was er
von klassischer Kunst erblickte, als er auf dem Seewege
in Italien anlangte und in Neapel landete.
In ihr, ebenso wie in Thorwaldsens Kunst, erblickt
man das Leben in einer Art Luftperspektive, in der
es sich wie ein dolce far niente, wie ein glücklicher
Müssiggang ausnimmt. Schon in dieser Vertonung
des Lebens, wie es bei Thorwaldsen weit stärker
hervortritt als in der kampanischen Malkunst, liegt
etwas entschieden Ungriechisches. Aber noch weit
ungriechischer ist die Vertonung des Körperlichen,
die bei Thorwaldsen im Gefolge der Vertonung des
Lebens steht. Bei Phidias oder Praxiteles (mit
dem letzteren verglich ja seine Mitwelt den dänischen
Bildhauer mit Vorliebe) hat die menschliche Gestalt
ausser ihrer Körperschönheit eine schöne Körper-
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