http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_09/0086
sprüngliche von dem Wiederholten oder dem Nachempfundenen
sicher zu unterscheiden. Dargestellt ist die jedem Japaner wohlbekannte
Gestalt der Ono no Komachi. Als schöne jugendliche
Hofdame begegnet sie uns unter den Dichtern der klassischen
Uta-Dichtung mit kurzen, schwermütige Liebe atmenden Versen.
Häufig wird sie abgebildet, wie sie den von neidischen Hofpoeten
erweckten Verdacht, ihre Gedichte abgeschrieben zu
haben, dadurch zerstört, dass sie die Tusche auswäscht, mit
der die Neider ihre Dichtungen in ein altes Manuskript eingeschrieben
hatten. Am häufigsten begegnet Ono no Komachi
uns als alte Landstreicherin, zu der sie im Greisenalter herabgesunken
. Sie zieht von Dorf zu Dorf, Kindern Geschichten
erzählend. So sehen wir sie in diesem Koro.
9. Dürer: Die grosse Kanone. Das Aetzen auf Metall war
schon vor Dürer zum Schmuck von Waffen bekannt; zur Verbreitung
künstlerischer Gedanken durch Abdruck auf Papier haben
er und Altdorfer unter den ersten davon Gebrauch gemacht.
Während aber der Regensburger eine ganze Anzahl Blätter,
hauptsächlich Landschaften, radierte, hat Dürer die Technik nach
wenigen Versuchen aufgegeben. Der letzte ist dies Blatt, das
beweist, wie genau er, nach so kurzer Erfahrung, die Wirkung
des geätzten Striches kannte und seinen malerischen Zwecken
in den breiten Lichtern und Schatten, krausen Linien und rauhen
Flächen dienstbar zu machen wusste. — Die Landschaft selbst
hat er kaum so gesehen; sie ist aus einer Menge einzelner Beobachtungen
neu geschaffen; vieles darin mag er in der Nähe
der Vaterstadt aufgefasst haben. Die Feldschlange ist mit dem
kundigen Auge des Festungsbaumeisters angeschaut. Türkische
Typen haben ihn von jeher, schon auf seinen venezianischen
Reisen lebhaft interessiert, und sie treten oft in seinen Bildern
und Skizzen auf.
10. Altdorfer: Landschaft. Neben einer figurenreichen Alexanderschlacht
aus der Vogelperspektive, einem Buchenwald mit dem
St. Georg und der humorvollen Susanna vor phantastischer
Architektur (IV, 43) hängt diese erste in Deutschland und vielleicht
überhaupt gemalte Landschaft. Ein Blick in die Natur erschien
dem Maler Leben genug zu enthalten, um ohne Staffage, wenn
auch nicht ohne Spuren von Menschen — das Geleise vorn, die
Stadt im Grund — ein Bild damit zu erfüllen. Wie in einem
Rahmen ist alles zusammengefasst zwischen den beiden grossen
Bäumen, die den Blick zugleich einengen und vertiefen.
11. Rottmann: Cefalü. Man wird bald nicht mehr verstehen,
dass es eine Zeit gegeben hat, die in Rottmanns südlichen Landschaften
nichts als Anschauungsbilder für philologische und
archäologische Kinder sah, und die in aufrichtiger Verachtung
sein Hauptwerk, die Fresken der Hofgartenarkaden in München,
zu Grunde gehen liess. — Wer Italien und Griechenland verweilend
und mit der Pietät, die sich bei dem Deutschen dort
einzustellen pflegt, gesehen hat, kann nicht mehr darauf verzichten
, seine Erinnerung von diesen grossen und einfachen
Linien beleben zu lassen, die Rottmann so feierlich empfand, wie
Platen sie in seinen Oden schildert. Dann ist man überrascht,
wie er die Stimmung erschöpft mit Mitteln, bei denen plastische
und malerische Empfindung durchaus in Harmonie stehen. Auch
in diesem Blick auf Cefalü, den herrlichen Wächter der Nordküste
Siziliens, dient alle Farbe dazu, den Raum gross und
weit zu machen: Dicht hinter dem dunkel bebuschten hohen
Terrain des Vordergrundes schimmert der weisse Strand der
Bucht, die Häuser der Stadt, der riesige kahle Fels in blendender
Helligkeit; das Meer leuchtet in weichem Blau, und in seinem
Dunst schwimmen fern wie Inseln die schönen Vorgebirge.
12. Lessing: Die tausendjährige Eiche. Dem kleinen Bild
möchte man die Dimensionen von Lessings Geschichtsbildern
wünschen, so eindrücklich und gross ist der deutsche Wald darin
geschildert. Der auf das Wesentliche gerichtete Sinn des
Historienmalers, dessen Schaffen wir heut nur noch achten, nicht
lieben können, verrät sich doch in der schlichten und wahrhaft
monumentalen Zeichnung der Bäume und Felsen. Selbst die
Andacht des ritterlichen Paares finden wir selbstverständlich vor
diesem wundervollen Baum, der schon lange, ehe das Marienbild
hing, Generationen zur Ehrfurcht gezwungen haben mag.
13. Menzel: Die Potsdamer Bahn bei Berlin. Noch 1843
konnte sich Wilhelm Grimm seiner Wohnung in der Linkstrasse
zu Berlin freuen, die ihm Bettina „ausserhalb der Mauern ausgesucht
, wo am Rande des Waldes eine neue Stadt heranwächst,
von den Bäumen geschützt, von grünendem Rasen, Rosenhügeln
und Blumengewinden umgeben, von dem rasselnden Lärm noch
nicht erreicht", und doch fuhr seit fünf Jahren hinter seinem
Hause die Potsdamer Bahn ab, aber der „rasselnde Lärm" mag
vergleichsweise harmlos gewesen sein, denn noch ritten die
Potsdamer Husaren mit den Zügen um die Wette. Als Menzel
1867 dies Bild malte, war es schon die Rastlosigkeit des Lebens
im Bannkreis der grossen Stadt, die ihn anzog, zugleich ein stiller
und thatkräftiger Protest gegen die sentimentale Klage über die
Nüchternheit des modernen Lebens. Heut noch, nach mehr als
drei Jahrzehnten giebt es kaum ein ähnlich kühnes Selbstbekenntnis
unserer Zeit; es haben eben wenige den hier so
energisch gewiesenen Weg zur Schönheit im Alltäglichen zu
finden gewusst. Das öde Wiesenterrain liegt im Widerschein
des goldenen Abendhimmels dem Blick offen bis an die aufblinkenden
ersten Häuser der Stadt, nur im Mittelpunkt schiebt
sich vor die klare Luft in warmen braunen Schatten die riesige
Baumkulisse bis fast an den Hohlweg heran, den die Bahn
durchzieht. In die regungslose Dämmerung, die in der Ferne
auf die Kuppeln der Gendarmentürme einen feinen grauen
Schleier herabsenkt, bringt der Zug ein plötzliches Leben; seine
Geschwindigkeit wird dadurch noch eindrücklicher, dass er dem
Rand schon so nahe ist.
14. Andreas Achenbach: Fischmarkt in Amsterdam. Während
sein jüngerer Bruder Oswald Achenbach die glänzenden Farben
des Südens malt, hat Andreas Achenbach die malerischen Reize
zu Hause gefunden. Das Leben in der Natur, dessen Wirken er
überall, am liebsten doch immer am Wasser beobachtet, erhöht
er noch gern durch eine bunte, mit wenigem gegebene, aber
reich bewegte Staffage. Vom scharfen Seewind spritzt das
Wasser des Kanals in kurzen Wellen auf; die Bäume schwanken
hin und her, und die Menschen kämpfen sich nur mühsam vorwärts
. In der wassergesättigten Luft glänzen die Häuser feucht
und reflektieren das Licht des Herbstmorgens. So nähern sich
alle Farben einem lebhaft schillernden Grau, in dem das Weiss
der Blusen und der Flundern wie Silber aufleuchtet. Wenige,
aber kräftige Lokaltöne im Vordergrund auf den Booten dienen
dazu, den Raum noch zu vertiefen, die Ferne duftiger erscheinen
zu lassen. — Ein heitereres Bild des Alltags lässt sich nicht
denken. Neben der tonschönen Malerei ist diese Wirkung aber
auch der unübertrefflich sicheren Zeichnung zu danken, die
Bewegungen im Flug zu haschen weiss. Gegen sechzig Figuren
beleben nah und fern alle Teile der auch in ihrer Freiheit sehr
wohl erwogenen Komposition.
15. Thoma: Taunuslandschaft. Schon Rembrandt liebte den
Fernblick in seinen Landschaften, und Köninck wie der Haarlemer
Vermeer gaben gern die Blicke von den Dünen ins Flachland
hinein. Aber so oft deutsche Maler das Motiv aufnahmen, klang
ein Ton von Sehnsucht mit hinein, oder mindestens etwas wie frohes
Staunen vor der Grösse der Welt. So giebt auch Thoma hier
den Blick über das schwellende Hügelland mit dem anziehenden
Wetter. Mit allen Mitteln sucht er den Raum zu vertiefen: für
die rasche Senkung des Vordergrundes dient der dunkle Reiter
als „Abschieber", die Verkürzungen der Felder geben die winzigen
Gestalten der Landleute an, weiterhin bezeichnen einzelne Bäume
kleiner und kleiner werdend die Entfernung, bis schliesslich die
ungeheuere Weite nur noch an dem Vorüberziehen des Wetters
zu ermessen ist. Auch die Aeste des Baumes helfen dazu, die
Luft zurückfliehen zu lassen und geben zugleich auf der hellen
rechten Seite einen wirksamen Kontrast zu dem Schatten der
anderen Hälfte.
16. Dill: Trüttelbach bei Dachau. Von München nördlich
und nordwestlich führend, bald hinter Nymphenburg durchzieht
die Bahn ein Hochmoor, das Dachauer Moos; der Name seines
Hauptorts hat in der Geschichte der neueren deutschen Kunst
einen guten Klang. Die malerisch reiche Volkstracht hat Wilhelm
Leibi zu einem seiner vollendetsten Werke, den zwei Bäuerinnen,
das Motiv gegeben, und die Landschaft findet seit Jahren in
einer grossen Schar jüngerer Münchener Künstler freudige
Schilderer. Was Ludwig Dill dort festhielt und die Reize der
Lagunen und der Po-Niederung, die er gern aufsuchte, mit dieser
scheinbar so anspruchslosen heimischen Landschaft vertauschen
liess, war der Zauber einer wassergesättigten Atmosphäre, deren
Medium die ruhig lagernden Formen des Terrains vereinfacht,
seine gebrochenen Farben einander harmonisch nähert. Oft
giebt er ein Stückchen Sumpfland mit einzelnen Birkenstämmen,
die unter der Krone mit dem Rahmen abschneiden, oder einen
Blick über die Dächer des Orts hin auf die schwellenden Feldbreiten
; meist ist bei hohem Horizont das energische durchgebildete
Terrain die Hauptsache. Mit den matten und doch
wieder transparenten Tönen des Aquarells erschöpft Dill den
ganzen Reiz des feinen, gelblich-silbergrauen Lichts, in dem die
Sonne auf Häuser und Felder trifft. Von ruhigen Linien begrenzt,
schliessen die Farben sich zu grossen Massen zusammen, künstlerisch
einfach, wie das Motiv selbst es hergiebt, und die
dekorative Wirkung stellt sich ungesucht ein.
17. Metsys: Bildnis eines hohen Geistlichen. Unter den
wenigen Bildnissen, die dem grossen Antwerpener Meister mit
Recht zugeschrieben werden, ist das hier abgebildete das bedeutendste
. Der Stil des Meisters wird deutlich in den Formen
des Kopfes und namentlich der Hände, in den Motiven der
Landschaft, der emailleartig glatten, überaus zarten Durchführung
und in dem verhaltenen Pathos, mit dem das edle
Antlitz beseelt ist. Aus der Sammlung Fonthill Abbey kam die
Tafel in die französischen Galerien Wilson und Secretan und
ward auf der Auktion Secretan 1889 von dem Fürsten Liechtenstein
erworben. Der Dargestellte galt früher für Stephen Gardiner,
Bishof of Winchester, für den Maler wurde ganz irrtümlich
Holbein gehalten. Die Benennung der Persönlichkeit scheint
nicht auf glaubwürdiger Tradition zu ruhen. Der vornehme,
auch geistig hochstehende Herr ist wahrscheinlich ein niederländischer
Geistlicher.
- 76 -
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_09/0086