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Statue in der Kathedrale zu Cadix kann man heute kaum
mehr für ein eigenhändiges Werk des Montanez in Anspruch
nehmen, trotz des plastischen Aufbaues und dem grossartigen
Faltenwurf; und so sehr man diese sprechenden Hände, den
geistvoll modellierten Schädel des weltverachtenden Grüblers
bewundert, an die erhabene Schlichtheit der stehenden Figur
des Heiligen im Museum zu Sevilla, die gleichzeitig mit der
Madonna de las Cuevas entstand, reicht diese Arbeit nicht heran.
41. Castagno: Farinata degli Uberti. Als die Florentiner
Guelfen im Jahre 1260 von den verbündeten Ghibellinen
Toskanas an der Arbia entschieden geschlagen wurden, planten
die Sieger, Florenz, den verhassten Herd der Guelfenpartei^ zu
zerstören. Da erhob sich jedoch der Führer der Florentiner
Ghibellinen, Farinata, aus dem edlen Geschlechte der Uberti
und erklärte: „Solange ich noch Leben in meinem Körper fühle,
werde ich diese Stadt mit dem Schwerte in der Hand verteidigen."
So ward Florenz gerettet. Dante hat Farinata zu den Ketzern
seiner Hölle gebannt. In einem glühenden Sarge liegt er, und
als der Dichter ihn anruft, reckt er sich empor
. . . . col petto e colla fronte
Come l'avesse l'Inferno in gran dispitto.....
(Und jener hob den Busen und die Stirne,
Als ob der Hölle trotzig Hohn er spräche.)
Unwillküilich denkt man vor Castagnos blondem Riesen an jene
Zeilen, und dass Andreas Werk neben Dantes Terzinen in Ehren
besteht, ist Lob genug für seinen Schöpfer.
Die Königin Tomyris. Der geistige Inhalt der Figur erhellt
aus der Unterschrift: TOMIRIS VINDIGAVIT SE DE FILIO
ET LIBERAVIT PATRIAM SVAM (Tomyris rächte sich am Sohne
und befreite ihr Vaterland). Ein hohes, schlankes Weib mit
blondem Haar, das, zum Zopf geflochten, quer über die rechte
Schulter fällt, tritt, gepanzert und auf die Lanze gestützt, aus
einem dunklen Grund, den helle Rosen schmücken, hervor.
Eine antike Gemme, an die Andrea beim Schaffen dieser Figur
sich möglicherweise erinnerte, sei hier (siehe Textabbildung
S. 24) — zum erstenmale in Verbindung mit Castagno — wiedergegeben
. Die Gemme wird im Museo archeologico zu Florenz
bewahrt und stellt, laut Katalog, „Antonius Pius mit seinem Genius
vor einer militärischen Expedition der Hoffnung opfernd" dar.
42. Castagno: Grabfigur des Niccolö da Tolentino. Am
28. August 1434 geriet der altbewährte Feldhauptmann, der
Florentiner Niccolö da Tolentino in die Gewalt des herzoglich-
mailändischen Feldherrn Piccinino, und bereits am 1. April
1435 meldete die Signorie von Florenz ihrem venezianischen
Gesandten: ,,Heute ist als Neuigkeit der Tod des Niccolö da
Tolentino zu berichten. Als er aus Val di Taro nach einem
anderen Orte ritt, kam er — wie Niccolö Piccinino den Kindern
mitteilt — unter sein Pferd zu liegen und dadurch starb er. So
schreibt man. Die Wahrheit wissen wir nicht." . . . Inoffiziell
wusste man allerdings sehr genau, dass Gift den unbequemen
Gefangenen beseitigt hatte. Die Florentiner bereiteten ihrem
unglücklichen Generalissimus ein prunkendes Begräbnis, und man
beschloss, ihm ein Marmorgrab im Dom zu errichten. Der Trauereifer
erkaltete jedoch bald, und erst im Jahre 1455 erhielt
Castagno den Auftrag, ein Reiterbildnis des Toten, alr- Imitation
von Plastik zu malen. Wieder ein Jahr später wurden ihm dafür
24 Goldgulden ausgezahlt. Castagno musste, laut Vorschrift, zum
Reiterporträt des Giovanni Acuto von Paolo Uccello ein Gegenstück
schaffen. Aber dem Bildnis Castagnos, das sich grau von
dunklem Grunde abhebt, ist ein pathetisch heroischer Zug eigen,
der Giovanni Acuto fehlt. Das ist ein sinnender Schlachtenlenker,
Castagnos Tolentino gleicht einem frohgemuten Ritter, der auf
Abenteuer auszieht. In der Ornamentik des Sarkophages begegnet
man, wie stets bei Castagno, antikisierenden Motiven. Lorenzo
di Credi hat 1524 dies Fresko restauriert; 1841 übertrug man es
auf Leinwand.
43. Castagno : San Gerolamo und die Trinität. Die Familie
Corboli hatte im Jahre 1451 das Protektorat über die Kapelle
S. Gerolamo der Annunziaten-Kirche an sich gebracht. In ihrem
Auftrage malte Castagno auf die Nischenwand der Kapelle den
Schutzpatron und zwei weibliche Heilige, die andächtig in die
blaue Luft emporschauen, wo die Trinität erscheint, „so gut
verkürzt, dass sie hohes Lob verdient". Als genau hundert
Jahre später die Kapelle ihre Besitzer wechselte, wurde Castagnos
Fresko durch ein Altarbild AI. Alloris verstellt und erst im
Sommer igoo wieder freigelegt. Bereits Masaccio hatte in der
Kirche S. Maria Novella eine Trinität in perspektivischer Verkürzung
gemalt. Castagno ging über seinen Vorgänger insofern
hinaus, als er die Handlung mit einem landschaftlichen Hintergrund
verband. Das Fresko ist leidlich gut erhalten, aber die
allzu stark betonte Absicht der Bravourleistung lässt eine eigentliche
Freude daran nicht aufkommen.
44. Jan van Eyck: Bildnis eines Ritters des goldenen
Vliesses. Aus völligem Dunkel, angeblich aus italienischem
Privatbesitz kam das hier abgebildete Porträt vor nicht ganz zwei
Jahren in den Londoner Kunsthandel. Der nicht langen Reihe
durch Inschrift beglaubigter und sonst zweifellos echter Eyck-
Bildnisse fügt sich die neue Erscheinung leicht und vollkommen
ein. Die feine und scharfe Zeichnung des Kopfes und der Hände,
der edle, vergeistigte Ausdruck, die Charakteristik des Stofflichen
im Gewände, die harmonische Tiefe der Färbung erscheinen des
grossen Meisters würdig. Gegen Ende des Jahres 1431 ward die
Kette des Vliessordens gestiftet, die der Dargestellte trägt. Ein
terminus post quem für die Entstehung des köstlichen Werkes
ist damit gegeben. Ein Kammerherr des burgundischen Hofes
scheint der alte Herr mit dem klugen Kopfe zu sein. Der weisse
Stab mit abgebrochener Spitze ist das Abzeichen seiner Würde.
Vermutet wird, es sei Jean von Roubaix und Herzelles.
45. Engel an der Kathedrale zu Reims. In der langen Reihe
von Figuren, welche sich an den Portalwandungen über die Westfassade
der Reimser Kathedrale hinziehen, nimmt der Engel die
Stelle neben dem heiligen Dionysius ein am nördlichen Ncbenportal.
Er ist also kein Engel der Verkündigung an Maria, wie man nach
Geberde und Ausdruck leicht denken könnte, sondern befindet
sich gleichsam in Unterhaltung mit dem Heiligen, der auch auf
seiner anderen Seite von einem Engel begleitet wird. Die Reimser
Fassade zeigt Figuren verschiedenen Stiles; in denen, die mit
diesem Engel zusammengehören, hat die Entwickelung der Gotik
ihren Zenith erreicht. Möglichst grosser Reichtum an Bewegung
wird durch die verschiedenen Richtungen von Kopf, Ober- und
Unterkörper zur Geltung gebracht, ohne die festen architektonischen
Linien, die dennoch fast wie zwei Pfeilerkanten den Abschluss
bilden, zu zerstören. Die etwas herausgebogene Hüfte, der
grosse durchgehende Faltenzug, der von der Gürtung hinunterläuft
zum Fusse des Spielbeines, geben die bei den gotischen
Statuen bekannte Kurve, Der kleine runde Kopf mit spitzigen
Einzelformen und zusammengekniffenen Augen ist der Typus
der Hochgotik, das fast übertriebene Lächeln ein Mittel zum
Ausdruck der Anmut.
46. Antonio Rossellino: Porträtbüste. Die aus Florentiner
Privatbesitz stammende Büste eines Unbekannten zeigt mit
einigen verwandten Arbeiten (in Florenz und London), bis zu
welcher Höhe die Florentiner Plastik in der Wiedergabe individueller
Züge gelangte. Die Konzentration der Persönlichkeit
auf einen Augenblick giebt dem Kopf das wunderbar Fesselnde;
die gespannt schauenden Augen und der weiche Mund mit der
leis sich vorschiebenden Oberlippe beseelen den Marmor und
machen das spröde Material vergessen. Was ein solcher Künstler
mit Accent betont und worüber er nachlässig hinweggeht (besonders
wenn man die Behandlung von Kopf und von Gewand
vergleicht), mag als mustergiltig gelten. Ist wirklich Rossellino
der Meister, der diese und ein paar andere Büsten geschaffen hat
— und ein besser passender Name ward noch nicht in Vorschlag
gebracht —, so gebührt ihm unter den Florentiner Marmorbildnern
in der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts eine hohe
Stellung, eine höhere, als selbst die besten seiner grösseren
Arbeiten (etwa das Grabmal des Kardinals von Portugal) ihm
einräumen.
47. Schwind: Jüngling auf der Wanderschaft. Wenn man
die Gesamtheit von Schwinds Gemälden als eine Folge von
Bekenntnissen ansehen kann, so ständen die Wander- und
Reisebilder darin wie Abbildungen in einer Selbstbiographie.
Für den Maler selbst möchte man den Jüngling halten, der hier
auf den Wurzeln der Eiche rastet. Er lässt uns über seine
Schulter schauen und seinem Blick folgen: der haftet nicht an
dem Schloss bei der Brücke und dem Wald dahinter, auch nicht
an dem weithin glänzenden Kloster und der Burg auf den
schroffen Felsen; selbst die blauen Berge in der Ferne, ja, nicht
einmal die Wolken setzen ihm Grenzen. All das dürfen auch
wir sehen, aber unvermerkt geht es uns wie dem einsamen
Wanderer, dessen Sinn sich über Berge und Thäler hin in
unsichtbare Weiten verliert.
48. Thoma: Taunuslandschaft. Durch die Rückenfigur eines
Wanderers hat schon Schwind auf dem Bildchen der Schack-
galerie (Taf. 47) den Beschauer in seine Landschaft hineingezogen.
Mag Thoma nun davon angeregt sein oder begegneten sich beide
in verwandten Empfindungen — diese Gestalt giebt hier erst
dem Blick in die Weite einen Inhalt: ohne sie wäre es ein
immer noch meisterlich gemaltes Panorama, mit ihr leben Höhen
und Thäler, die Wolken ziehen durch das Blau und ihre Schatten
über die Erde, das Grösste erscheint begrenzt, klein und verloren
von der Reihe riesiger Pappeln bis zum Rücken des Berges,
und das Gefühl des Unendlichen überschleicht den Beschauer.
Durch den stillen Genossen im Bilde wird ihm das Bild zum
Erlebnis.
49. Tizian: Männliches Bildnis. Die ältere Tradition einer
unkritischen Zeit hat den vollbärtigen stolzen Mann, dem Tizian
die seltene Ehre des Bildnisses in ganzer Figur zuteil werden
Hess, als d'Avalos, Marchese del Vasto, bezeichnet. In neuerer
Zeit hat Justi, der das Gemälde bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts
zurückverfolgte, den Namen des neapolitanischen Giovan
Francesco Acquaviva, Duca d'Atri, in Vorschlag gebracht. Im
prunkvollen Kostüm, ganz in tiefes Rot gekleidet, das ein feines
goldenes Muster unterbricht, hat sich der vornehme Herr darstellen
lassen. Der leichteren Form des Krieges, der Jagd, hat
er sein Interesse zugewandt; dass sie aber nur die Müsse auszufüllen
bestimmt ist, die das ernsthafte Waffenspiel ihm gönnt,
daran erinnert der Kriegshelm mit dem dräuend zufahrenden
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