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Augen, sowie durch die sprechende Bildung der Lippen glücklich
gesteigert. Die Züge Cosimos, die aus zahlreichen Bildnissen,
z. B. von der Hand des Angelo Bronzino, als etwas kühl, zurückhaltend
und verdrossen bekannt sind, erscheinen hier durchgeistigt
und heroisiert. i55j, also etwa 10 Jahre nach ihrer
Vollendung, wurde die Büste nach Elba geschickt, um dort das
Thor der Festung Porto Ferrajo, einer Residenz des Herzogs,
zu schmücken; 1781 kam sie nach Florenz zurück und zeigt
jetzt, im Museo Nazionale, in der Nähe von Bandinellis Bronzebüste
Cosimos, die Ueberlegenheit Benvenutos über den ihm
verhassten Nebenbuhler.
58. Cellini: Christus am Kreuz. Nach der Vollendung des
Perseus, seines Hauptwerkes unter den Monumentalskulpturen
in Bronze, fehlte es dem Cellini an grösseren Aufträgen; gleichzeitig
aber verzehrte ihn der Ehrgeiz, mit den Bildhauern zu
wetteifern, die Florenz gerade damals mit kolossalen Marmorstatuen
bevölkerten. So ging er 1556 auf eigene Rechnung an
eine der schwierigsten Aufgaben dieser Art: aus dem härtesten,
weissesten Marmor einen bis auf das Letzte durchgearbeiteten
Kruzifixus zu meisseln. Das Werk gelang ihm so gut, als es
einem begabten Manieristen seinesgleichen gelingen konnte: der
überschlanke, zarte Körper interessiert durch die geistreiche
Behandlung, die technisch von höchster Feinheit ist, aber der
geistige Inhalt der Aufgabe kommt dabei zu kurz; besonders
das etwas zu grosse Haupt, dessen herbe Formen auffallen, lässt
die Majestät des toten Christus vermissen. — Benvenuto bestimmte
die Statue, die an einem schwarzen Marmorkreuz befestigt
werden sollte, für sein eigenes Grab in der Kirche S. Annunziata,
schenkte sie aber doch, um gewisse Vorteile zu erlangen, dem
Herzog, der sie annahm, kärglich bezahlte und im Palazzo Pitti
unterbrachte. Sein Nachfolger, der Grossherzog Francesco I.
von Toscana, verehrte das Kruzifix i576 dem König Philipp II.
von Spanien; es wurde zu Schiff bis Barcelona befördert und
von dort auf den Schultern von Männern nach dem Escorial
getragen. Der König stellte es im Chor der Klosterkirche San
Lorenzo hinter dem Sitz des Priors auf, hielt jedoch für nötig
die Blosse der Figur mit seinem Taschentuche (das später
durch eine Schärpe von Goldstoff ersetzt wurde) zu bedecken.
Das Werk trägt die Bezeichnung: Benvenutus. Zelinus. Civis!
Florent. faciebat. i5Ö2.
59. Dürer: Christus als Knabe unter den Schriftgelehrten.
Die mit Ausdruck und Charakteristik überlastete Tafel ist auf
italienischem Boden entstanden, wo sie bis zum heutigen Tage
geblieben ist. Datiert i5o6, als aus dem Jahre, das Dürer vom
Anfang bis zum Ende in Venedig verlebt zu haben scheint, und
mit dem Monogramm des Meisters versehen, zeigt sie den überraschenden
Zusatz: „Opus quinque dierum." Nur an die Malausführung
, nicht aber an die sorgfältigen Vorbereitungen, die
mit dem Pinsel auf Papier ausgeführten Naturstudien der Hände
und der Köpfe, kann Dürer gedacht haben, da er seiner Hurtigkeit
sich also rühmte. Die Beziehungen zur italienischen Kunst
sind deutlich. Die nicht gerade glückliche Komposition geht
auf oberitalienische Muster zurück, und die übermässig stark
hervortretende Bemühung, den Inhalt der Darstellung durch die
südländisch beredten Hände auszudrücken, scheint fast ein
Wetteifern mit Lionardo zu verraten,
60. Solario: Bildnis eines venezianischen Senators. Die
künstlerische Provenienz Solarios, die engen Beziehungen, die
seine Kunst mit der venezianischen verbinden, treten in keinem
seiner Werke so greifbar klar zu Tage, wie in dem einen der
beiden bedeutenden Bilder des Meisters, welche die Londoner
Galerie bewahrt. Das Verhältnis, in das Figur und Landschaft
zu einander gebracht sind, wie die scharfe Zeichnung, die für
ein Werk der Malerei fast allzu plastisch ist, zeigen einen unter
Antonello da Messinas Einfluss geschulten Künstler. Wenn das
Bild in früherer Zeit, als es der genuesischen Familie der Marchese
Gavotti gehörte, den Namen des Giovanni Bellini trug, so war
auch diese irrige Bezeichung durch den venezianischen Charakter
des Werkes veranlasst. Aber nicht nur das doch sehr lombardische
Sfumato, vor allem die Handform verrät unzweifelhaft
Andrea Solario als den wirklichen Urheber. Der Dargestellte
trägt schwarze Kappe und roten Talar, unter dem ein Stückchen
des blauen Gewandes hervorkommt; über die rechte Schulter
hängt der schwarze, dem Magistraten zukommende Streifen.
Wer er ist, der so klaren Blicks in die Welt schaut, dessen
Lippe von Hochmut und Geringschätzung zuckt, blieb bis zur
Gegenwart unbekannt.
61. Boltraffio: Die Madonna mit dem Kind. Dies Muttergottesbild
ist unstreitig das Hauptwerk seines Meisters. Die
Jungfrau, in rotem Kleid mit blauem Mantel, sitzt vor einem
grünen, golddurchwirkten Vorhang, neben dem sich ein Ausblick
in ein gebirgiges Gelände aufthut. Boltraffio war ein Mailänder
von vornehmer Familie, der in der Malerei dilettiert hatte, als
er durch Leonardos Auftreten in seiner Vaterstadt veranlasst
wurde, sich ernstlich der Kunst zuzuwenden. Wie alle seine
Mailänder Kunstgenossen, geriet er unter dem bezaubernden
Einfluss Leonardos in neue Bahnen. Auch seine Madonnen
spiegeln den unvergleichlichen Frauentypus Leonardos wieder.
Dabei aber bewahrte sich Boltraffio vielleicht noch am meisten
Selbständigkeit. In der Technik überaus sorgsam, in seiner
ganzen Auffassung ernst und gediegen, erscheint er in seinen
meisten Werken als etwas schwerfällig, zuweilen (z. B. in einem
grossen Madonnenbilde des Louvre) geradezu unbeholfen. Einfachheit
und monumentale Würde hat er nie wieder so wie hier
erreicht. Das Bild gehört einer Gruppe von Madonnenbildern
Boltraffios an, zu der ausserdem noch ein kleines Bild der
Sammlung Poldi-Pezzoli in Mailand, eine Madonna in der Nationalgalerie
zu Budapest und die häufig Leonardo zugeschriebene
Madonna Litta in Petersburg zu zählen sind. Alle diese Bilder,
welche den Höhepunkt in der Entwickelung ihres Meisters
bezeichnen, dürften um i5io entstanden sein.
62. 63. Geertgen v. St. Jans: Die Kreuzabnahme. Julianus
Apostata lässt die Gebeine Johannes des Täufers verbrennen
. Die beiden hier abgebildeten Tafeln, die ehemals Vorder-
und Rückseite eines Altarflügels bildeten, sind der allein erhalten
gebliebene Rest des stattlichen Altares, den Geertgen, der in jugendlichem
Alter gestorbene Nachfolger des Albert Ouwater, für die
Kirche der Johanniter zu Haarlem malte. Schon zu Zeiten Carel
van Manders, dem wir diese Kunde verdanken, war nicht mehr von
dem Werke erhalten, und der bereits auseinandergesägte Flügel
wurde im grossen Saal des neuen Gebäudes beim Ordensgeneral
der Johanniter aufbewahrt. Das war um 1600. Bald
darauf kamen die Bilder in den königlich englischen Besitz; in
Cromwells Zeit verkauft, gelangten sie dann nach Brüssel, in die
Galerie des Erzherzogs Leopold Wihlelm und mit dessen Sammlung
1657 nach Wien. — Als die einzige beglaubigte Schöpfung eines
der führenden holländischen Meister des i5. Jahrhunderts sind
diese Tafeln um so wichtiger, als wir von der holländischen Malerei
dieser Periode im ganzen sehr wenig wissen. In der reichen
Landschaft, den höchst individuell gestalteten Porträtköpfen, in
der scharfen Charakteristik und der kühnen Kompositionsweise
treten Eigenschatten hervor, die der altholländischen Kunst im
besonderen im Gegensatz zur vlämischen Kunst zuerkannt werden
dürfen. — In der Darstellung der Beweinung Christi ist die
dreist realistische Scene im Hintergrund auffällig. Während vorn
der Leib Christi von den Getreuen betrauert wird, stossen
Kriegsknechte auf dem Hügel in der Ferne den Körper des
einen Schachers in die Grube. — Die Darstellung, die ehemals
bei geschlossenen Altarflügeln zu sehen war, ist ungewöhnlich.
Auf Befehl und in Gegenwart des Kaisers Julianus werden vorn
die Gebeine Johannis des Täufers verbrannt. Hinter dem
geöffneten Sarge steht eine Gruppe von Johannitern, Bildnisse,
gewiss die Herrn, die den Altar bestellt haben. Die Johanniter
bergen Knochen vom Leibe des Täufers und führen diese Reliquien
ihrem Kloster zu. Im Hintergrund links wird der Täufer
in Gegenwart Christi bestattet.
64. Ludwig Richter: Der Brautzug. Mit seinen Landschaften
ist es Ludwig Richter eigen gegangen. Aus den Albanerbergen
und der Campagna werden unter seiner Hand unversehens die
Höhen um Dresden. Dafür kommt nach seiner Rückkehr der
heimischen Natur alles zu gut, was er in Italien gelernt hat:
der Blick für die Plastik des Bodens, das Gefühl des weiten
Raumes. Heut, wo man ganz andere Landschaften gewöhnt ist,
wirkt dieser Waldrand unsagbar harmlos mit allem Verzicht auf
„Ton". Aber noch hat niemand mit modernen Mitteln es so gut
verstanden, dem Beschauer die Freude an Bäumen und Büschen,
Bach und Brückchen und der duftigen Ferne so ans Herz zu
legen. Zu dem hellen Jubel und stillen Glück klingt das Geläut
der verborgenen Waldkapelle und die Hirtenflöte, und zwischen
Lämmern und Täubchen schreitet der anmutige Brautzug seinem
Ziele zu.
65. 66. Hals: Bildnis eines Mannes. Bildnis einer Frau.
Von Haarlem und Berlin abgesehen, ist Frans Hals nirgends so
gut vertreten wie in Kassel, als Porträtist und als Darsteller
genrehafter Gestalten. Ein so stattliches Paar lebensgrosser Kniestücke
eines holländischen Patriziers und seiner Gattin, wie das
hier abgebildete, besitzt selbst die Berliner Galerie nicht von
seiner Hand. Die Porträts gehören zu seinen früheren Werken;
sie sind um 1620 entstanden. Freilich war Frans Hals damals
bereits etwa 40 Jahre alt und im sicheren Besitze seiner Kunstmittel
. Jugendwerke im eigentlichen Sinne von ihm kennen wir
nicht, da ja seine älteste datierte Arbeit aus dem Jahre 1613
stammt. Einzelheiten im Kostüme der Dargestellten (wie der
auffällig hohe Hut des Herrn) weisen auf frühe Entstehungszeit,
ebenso wie Eigenschaften des Malwerks und des Kolorits. Die
Lokalfarben sind dem kühlen Gesamtton noch nicht so entschieden
untergeordnet wie in den Schöpfungen aus späterer Zeit, die
Haltung der Dargestellten ist noch ein wenig steif und befangen,
die Ausführung verhältnismässig sorgfältig und eingehend. Die
Art, wie die Wappen im Hintergrunde angebracht sind, erscheint
altertümlich. An und für sich freilich, oder verglichen mit den
Bildnissen anderer holländischer Maler aus derselben Zeit, besitzen
diese Porträts Frische, Freiheit und Leichtigkeit in hohem Grade.
67. Avercamp: Die Belustigung auf dem Eise. Avercamp,
der stumm gewesen sein soll und den Beinamen „de Stomme
van Kampen" führte, gehört mit Esaias van de Velde zu den
ersten Vertretern der national holländischen Landschaftsdarstellung
. Sein eng umgrenztes Gebiet ist das Winterbild. Die
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