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http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_09/0097
heimnisse des Daseins und alle Wonnen der Erlösung geschaut
hat, die wunderbaren Hände gehören allein dem unbekannten
Künstler an, der natürlich ein Werk seiner freiesten Phantasie
geschaffen hat. Von indischem Einfluss jedenfalls ist in diesen
beiden überlebensgrossen, aus kostbarem Holz (Cercidi phyllum
Japonicum, Hände aus Tuya obtusa) gefertigten und über Kreidegrund
bemalten Statuen kaum noch etwas zu spüren: beide
zeigen unverfälschten japanischen Typus, ja etwas Porträthaftes,
das an einem buddhistischen Werke der Fudjiwara oder gar
der Narazeit (8./12. Jahrh.) ganz unerhört wäre. Sie werden
daher wohl der Kamakurazeit (i3. Jahrh,), deren furchtbare
Gräuel die Kraft des japanischen Buddhismus nur vermehrt
haben, oder der Zeit der ersten kraftvollen und prachtliebenden
Aschikagaschogune (Ende des 14. Jahrh.) zuzuweisen sein; auch
Einzelheiten der Technik und Tracht sprechen für diese Datierung
. Jedenfalls spürt man in der glänzenden Porträtplastik
der Aschikagazeit auf Schritt und Tritt die Einwirkung dieser
beiden allezeit hochberühmten Meisterwerke.

113. Tosa Nagataka (13. Jahrh.) zugeschrieben: Einfangen
eines Pferdes. Von den Zeiten des grossen Tangmeisteis
Hankan (8. Jahrh.) werden die Maler Chinas und Japans nicht
müde, die Formen und die Bewegung des Pferdes zu studieren
und festzuhalten — oft freilich in kalligraphischen Paraphrasen,
die sich des Beifalls unserer Pferdekenner kaum erfreuen würden,
so seltsam lebendig und künstlerisch reizvoll sie auch sind. Dass
aber die ostasiatischen Künstler immerhin nicht aus Unfähigkeit
gesündigt haben, lehrt unser Fragment, nicht nur ein Meisterwerk
in Ausdruck und Bewegung, auch ein Musterstück korrekter
Anatomie und des grossen Namens sicherlich nicht unwürdig,
den es trägt. Nagataka (zweite Hälfte des 13. Jahrh.), der zweite
der aristokratischen Tosaschule, deren höfische Darstellungen
vor der strengen europäischen Kritik so schlecht bestanden
haben, ist der genialste Schilderer der gewaltigen Reiterkämpfe,
die Japans Heldenzeit, die Periode der Mongoleninvasion, bezeichnen
, und zugleich einer der grössten Blumen- und Tiermaler
Japans.

114. Kano Motonobu: Wasserfall. Die Kanoschule, deren
eigentlicher Begründer Motonobu, Kanu Masanobus Sohn ist,
beherrscht vom 16. Jahrhundert an die japanische Malerei fast
vollständig und umfasst die grosse Mehrzahl ihrer malerischen
Talente, bis sie endlich unter dem verderblichen Einflüsse Tan-
jus der geistlosesten Pinselspielerei verfällt und vor den naturalistischen
Schulen und selbst der Ukiojeschule zurücktritt. Im
wesentlichen ist sie eine Abwandlung der grossen chinesischen
Malerei der Sung- und Juenzeit, nimmt aber auch aus der nationaljapanischen
Tosaschule, zu der Motonobu selbst durch seine
Heirat mit der Tochter des Mitsunobu, des grössten Tosa-
meisters seiner Zeit, in enge Verbindung tritt, manche Elemente
auf. Motonobu ist denn auch der erste, der wieder wirklich
japanische Landschaften malt, und unser Bild, nach chinesischer
Art nur mit schwarzer Tusche ausgeführt, ein Werk der zweiten
Hälfte seines Lebens, weist Züge robusten Naturstudiums auf,
die man in den träumerischen Pinselphantasien der chinesischen
Schulen und Motonobus selbst meist vergeblich suchen würde.
Die Komposition ist von der grössten Einfachheit und Kraft,
ohne die Fülle des Details vieler chinesischen Landschaften, die
Gewalt der Pinselführung, ohne sich virtuosenhaft aufzudrängen,
des grössten Meisters würdig. Ein Vergleich mit der Abbildung
auf S. 5y, der so viel naturalistischeren und so viel langweiligeren
Landschaft Okios, wird begreiflich machen, warum die Japaner
in Motonobu eines ihrer grössten malerischen Genies, in Okio
nur ein bewundernswertes Talent sehen.

115. Kano Tanju: Die vier Schläfer. Ein Werk aus der
reifsten Zeit des jüngsten der drei grossen Kanomeister Masa-
nobu, Motonobu und Morinobu, genannt Tanju, das die ganze
kalligraphische Kraft, die meisterliche Komposition und die Gewalt
des Ausdrucks offenbart, wie sie der Kanoschule zu Gebote
standen, ohne jene virtuosen Pinselkünste spielen zu lassen,
welche die späteren Werke des Tanju bezeichnen und auf die
jüngere Kanoschule so verderblich gewirkt haben. — Die vier
Schläfer, der ehrwürdige Priester Bukan mit seinem Tiger und
seine beiden Schützlinge, die närrischen Buddhisten Kansan und
Djitoku werden in der chinesischen Malerei seit undenklichen
Zeiten zu einer Gruppe vereinigt.

116. Rubens: Bildnis eines Knaben. Aus der grossen Zahl
vortrefflicher Werke des Rubens, die der Fürst Liechtenstein
besitzt, haben wir dieses gewählt, weil die verhältnismässig
grosse Abbildung des kleinen, aber im grössten Stil gemalten
Bildes eine Vorstellung zu geben vermag von der Malweise des
Meisters. Ein Porträt, oder doch eine Porträtstudie ist, der Kopf
gewiss. Dem Individuellen ist viel Typisches beigemischt, wie
bei fast allen Porträts, die Rubens geschaffen hat. Vielleicht ist
ein Mädchen von 10 Jahren etwa, kein Knabe dargestellt. Das
Werk stammt offenbar aus der mittleren Zeit des Meisters. Die
Modellierung ist überaus klar und bestimmt, mit starken Gegensätzen
von Licht und Schatten. Die Farbe im Licht ist körnig,
im Schatten ein wenig glasig. Die gerade Haltung in strenger
Vorderansicht und die Stellung des Kopfes im Bildraum hat fast
etwas Altertümliches. Durch solche Naturstudien bewahrte der

Meister sich vor der Gefahr, Manierist zu werden, da er hundeit
und aberhundert grosse Gemälde mit kräftigen und heiteren
Engelkindern bevölkerte.

117. Kopf des Poseidon aus Porcigliano. Mühsal und Alter
haben auf das von Falten durchzogene Gesicht, das von dem
zerklüfteten durchnässten Haar und dem langen Bart umwallt
wird, ihre Spuren eingegraben, aber die Züge sind energisch
und fest. Wie nach dem Bilde eines in Stürmen ergrauten,
wettergestählten Seemannes scheint in diesem Kopfe das Ideal
des meerbeherrschenden Kroniden geschaffen zu sein. Es muss
ein sehr bedeutender Künstler hinter dem Werke stehen, in
dem der Ausdruck für die göttliche Form in so grossen,
wuchtigen Zügen aus der menschlichen Wirklichkeit herausgestaltet
ist. Die Auffassung und auch der Stil können vielleicht
an den Bildhauer Lysippos, der bis gegen Ende des IV. Jahrhunderts
vor Chr. thätig war, oder an seine Schule denken
lassen. Der Kopf ist auf eine moderne Büste aufgesetzt, er ist
bis auf einige Verletzungen am Haar und eine leichte Corrosion
der Oberfläche gut erhalten.

118. Athlet aus Ephesos. Diese prachtvolle Figur ist erst seit
kurzem wieder über der Erde. Ihre Auffindung wird den 1895
begonnenen und bis heute erfolgreich fortgeführten österreichischen
Ausgrabungen in Ephesos verdankt. Sie kam in
einem römischer Zeit angehörenden Hallenbau, der „Agora", zum
Vorschein in nicht weniger als 234 einzelnen Stücken, die in der
Werkstätte der Wiener Antikensammlungen durch die Kunst des

. Bildhauers W. Sturm zu dem bis auf geringe Lücken vollständigen
Bilde wieder zusammengefügt worden sind. So hergestellt
ist die Statue seit vorigem Jahre in dem sogen. Theseus-
tempel im Volksgarten in Wien zusammen mit anderen Funden
aus Ephesos aufgestellt. Sie stellt einen Jüngling dar, der sich
mit dem Schabeisen von dem Oel und vom Staub der Palaestra
reinigt; er scheint eben mit dieser unangenehmen Beschäftigung
fertig zu werden, indem er den letzten Rest von Schmutz von
den Fingern der linken Hand noch rasch wegstreicht. Das die
Handlung gerade so dargestellt ist, sehr verschieden von dem
Schaber des Lysippos (s. Museum I, 148), der die Glieder kräftig
dehnend und streckend in breitem Strich mit der Striegel über
die Fläche des ausgestreckten rechten Armes hinfährt, ist bezeichnend
für die feinere Auffassung der attischen Kunst, der
die Statue angehört. Dass sie ein berühmtes Stück war, wird
durch mehrere noch vorhandene Marmorrepliken bezeugt. Diese
sind viel geringer ausgeführt als die Bronze, die in ihrer vollendeten
Formenschönheit den Eindruck originaler Arbeit macht.
Wenn sie nicht das Original selbst sein sollte, so wird sie
gewiss ein diesem gleichkommender Nachguss sein.

119. Jacob van Ruisdael: Bewegte See. Unter den holländischen
Landschaftsmalern ist Jacob van Ruisdael gewiss der reichste
in Hinsicht auf die Motive der Bilder. Von einigen besonderen
Darstellungen abgesehen, lässt sich die grosse Menge seiner
Werke in mehrere Gruppen gliedern. Man kann etwa unterscheiden
: die Wasserfälle, die Flachlandschaften mit Dünen
vorn und dem Stadtprofil am Horizont, die Waldinterieurs, die
Strandbilder und die reinen Seebilder. Wie mannigfaltig den
gegenständlichen Motiven nach der Meister erscheint, so wenig
wechselt die Stimmung in seinen Gemälden. Land und Meer
sehen sonnenlos, schwer und melancholisch aus. Das Wasser
ist fast stets in starker Bewegung, unter bewölktem Himmel in
grauer Färbung dargestellt, wie auch in dem schönen Gemälde
der Brüsseler Galerie, das wir abbilden. Der Zug der Wolken
ist mit grösserer Meisterschaft als der Seegang ausgedrückt.
Die ruhende Meeresfläche, die Cuijp, v.d. Kapelle und W.v.d. Velde
liebten, hat Jacob Ruisdael niemals gemalt.

120. Maes: Die lesende alte Frau. Die Bilder des Nicolaas
Maes fallen in zwei Gruppen auseinander, zwischen denen es
kaum Beziehungen oder Uebergänge giebt. Man hat selbst daran
gezweifelt — mit Unrecht —, dass die lange Reihe höchst affektierter
Porträts, von denen mehrere deutlich signiert sind, von
derselben Hand wäre, wie die ebenfalls zum grossen Teil bezeichneten
Genredarstellungen, die, soweit sie datiert sind, aus
den 5oer Jahren des 17. Jahrhunderts stammen. Der Ruhm
des Meisters beruht ausschliesslich auf den Genrebildern, den
Werken seiner Frühzeit. Das Genie Rembrandts hat viel beigetragen
zu der gemütvollen Auffassung, der wirkungsvollen
Koloristik, dem leuchtenden Helldunkel dieser Gemälde. Die
beiden Stücke von Maes, die wir schon abgebildet haben
(Bd. VI, Tf. 62 u. Tf. 89), gehören ebensowohl dieser Gruppe
an, wie das Bild, das wir hier repruduzieren. Das Alltagsleben
im Innern der holländischen Häuser, beschränkte bürgerliche
Behaglichkeit, die alte Frau, das Kind, die junge Mutter: damit
ist der Kreis dieser ein wenig sentimentalen Darstellungen geschlossen
. Die Malweise strebt erfolgreich dem mittleren Stile
Rembrandts nach. Die Farbenwahl des Meisters ist leicht
kenntlich; ein starkes Rot, glänzendes Schwarz, Goldbraun und
Weiss stehen effektvoll neben einander.

121. Velazquez: König Philipp IV. als Jüngling. In seinem
Landsmann, dem allmächtigen Minister, hatte Velazquez, als er
im Jahre 1623 zum zweiten Male die Hauptstadt besuchte, einen
Gönner gefunden, der ihm den Weg zu ungeahnten Erfolgen

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