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sehen von den drei Hauptwerken nicht sehr viele Schöpfungen
bekannt.
141. Boltraffio: Madonna mit dem Christkinde. Der Maler
des kleinen sorgsam ausgeführten Madonnenbildes, von dem wir
eine Reproduktion bringen, ist nicht eigentlich als Einer zu
betrachten, der die Kunst zu seinem Lebensberuf und Lebensunterhalt
erwählt habe. Boltraffio war der Spross einer angesehenen
und begüterten Mailänder Familie, der die Malerei
aus Neigung und Begabung mit Erfolg betrieb, wenngleich für
ihn eine andere Thätigkeit — vielleicht eine solche im öffentlichen
Leben — in den Augen der Welt wichtiger gewesen sein mag.
So klingt es aus der Grabschrift heraus, die seine Freunde dem
im besten Mannesalter Verstorbenen setzten. Gewiss hat Boltraffio
die Anfangsgründe der Kunst bei einem der Meister seiner
Vaterstadt erlernt, ehe Leonardo nach Mailand kam. Die vollendeten
Gemälde seiner Hand lassen indessen von den heidnischen
Schul-Traditionen kaum irgend etwas, umsomehr aber von
Leonardos Einfluss erkennen. Dabei wusste sich Boltraffio allerdings
eine gewisse Selbständigkeit zu wahren. Wenn er auch
den Schönheitstypus seiner Frauen und Jünglinge von Leonardo
entlehnte, so bemühte er sich doch, eigene Kompositionen zu
schaffen, und erreichte, so lange er sich in 'den Grenzen des
Halbfigurenbildes hielt, bisweilen den Eindruck einer ernsten
hoheitsvollen Würde, die ihm ganz allein gehörte. Sein bedeutendstes
Madonnenbild, an das wir hierbei denken, besitzt
die Londoner Nationalgalerie (vergl. Tafel 61). Unter seinen
übrigen Schöpfungen ist die Madonna der Sammlung Poldi gewiss
eine der vorzüglichsten — in ihrer sorgsamen Zeichnung, dem
emailleartig glatten Farbenauftrag und dem kühlen Kolorit ein
sehr charakteristisches Werk des Meisters.
142. Thorwaldsen: Selbstbildnis (1839). Thorwaldsens Biograph
Thiele hat jeder Anwandlung, dieser Statue eine tiefsinnige Erklärung
unterzulegen, ein Ziel gesetzt, indem er die eigene
Aeusserung des Künstlers anführt über den Grund, weshalb dieser
gerade „Die Hoffnung" wählte, als er sich selbst, mit der Ausführung
einer seiner Arbeiten beschäftigt, darstellte. Er wählte
„Die Hoffnung', weil der streng äginetische Stil dieser Statue
einen guten Gegensatz zu seiner eigenen Statue bildete, die ja
einen Lebenden darstellen sollte. Ein Abguss der Skizze zu
diesem Werk ward Thorwaldsen mit ins Grab gegeben.
143. Thorwaldsen: Merkur als Argustöter. Um seine Geliebte,
Jo, der Eifersucht der Juno zu entziehen, verwandelte Jupiter sie
in eine weisse Kuh. Aber Juno erkannte sie auch in dieser
Gestalt und bat Jupiter, ihr d'e Kuh zu schenken, die sie dann
von Argus mit den hundert Augen bewachen liess. Da entsandte
Jupiter den Merkur, damit dieser Argus töten und also
Jo befreien sollte. Merkur that das, nachdem er erst mit den
Tönen seiner Syrinx die hundert Augen in Schlaf gelullt hatte.
Thorwaldsen hat ihn in dem Augenblick dargestellt, wo er mit
seinem Spiel innehält und sein Schwert hervorholt.
Das Modell zu diesem Werke wurde im Jahre 1818 vollendet.
Es existiert in mehreren Exemplaren in Marmor. (Vgl. auch S. j3).
144. Thorwaldsen: Der Hirtenknabe. Auf einem Widderfell,
das über einem Felsblock ausgebreitet ist, sitzt der Hirtenknabe,
in Träumen versunken, während der Hund zu seinen Füssen
Wache hält. Ebenso wie der Merkur existiert diese Statue mit
einigen Variationen in mehreren Exemplaren in Marmor. Das
Modell ist im Jahre 1817 entstanden. Vgl. auch S. j3.
145. Van Eyck: Bildnis des Kardinals Santa Croce (?). Das
hier abgebildete Porträt eines älteren Mannes in rotem, pelzverbrämtem
Rock ist nicht bezeichnet und nicht datiert, aber
selbst die überstrenge neueste Kritik hat mit ihren Zweifeln vor
diesem Meisterwerke Halt gemacht. Die Tafel wird allgemein
anerkannt als ein Werk des Jan van Eyck und etwa in die Zeit
von 1435 gesetzt. Nach einer Inventarnotiz von i65o, befand sich
in der Sammlung des Erzherzogs Leopold Wilhelm, die in die
kaiserlich österreichischen Sammlungen überging, ein Bildnis des
Kardinals Santa Croce von der Hand des van Eyck. Auf dieser
— schwachen — Grundlage ruht die landläufige Benennung des
Dargestellten. Das Dresdener Kupferstichkabinett besitzt eine sehr
feine Silberstiftzeichnung, die genau mit unserem Gemälde übereinstimmt
. Von vielen wird dieses Blatt als die Originalzeichnung
des Meisters, von manchen als eine sorgsame Kopie nach dem
Gemälde betrachtet.
146. Luini: Die Vermählung der heiligen Catharina. Die
erlesene Kunstsammlung, die der Cavaliere Poldi in den prächtigen
Räumen seiner Mailänder Wohnung vereinigt hatte, um sie der
Nachwelt als Museum zu hinterlassen, birgt auch das schöne
Gemälde Luinis, das unsere Tafel darstellt. Luini ist von allen
Mailänder Künstlern derjenige, dem Zeitgenossen und Nachwelt
die meisten Kränze gewunden haben. Keiner war und ist so
populär wie er — nicht weil er in Wahrheit der bedeutendste
jener Schule gewesen ist, sondern weil keiner so wie er es verstanden
hat, dem Schönheitssinn des trivial empfindenden grossen
Haufens zu schmeicheln. Keine Leidenschaften stören die
Harmonie der Züge in den Gesichtern seiner Männer und Frauen.
Keine Gedanken graben Furchen in ihre glatten Stirnen. Sie
sind schön und zufrieden. Und so gefielen sie von jeher dem
Publikum ganz ausnehmend. An Aufträgen hatte es Luini nie
gemangelt. Leider verlangte man von ihm auch grosse Fresko
maiereien, für die seine Begabung schlechterdings nicht ausreichte
. Am reinsten kann man seine Vorzüge in Schöpfungen
mässigenUmfanges, wie diesemTafelbild derPoldischenSammlung,
gemessen. — Es ist der legendarische Vorgang der Verlobung
der heiligen Catharina mit dem Christkinde dargestellt. Der
kleine Bursche — mit dem etwas morosen Gesichtsausdruck,
wie er für Luinis Kinderfiguren charakteristisch ist — steckt
gerade der königlichen Jungfrau den Ring an den Finger. Die
Farben des trefflich erhaltenen Bildes sind von leuchtender Pracht,
ohne dass der Gesamteindruck bunt wirkte. Den vorherrschenden
Ton giebt ein ins Bräunliche spielendes Gelb ab in dem Gold-
brokatkleid der Catharina.
147. Luini: Die thronende Maria mit dem Christkind. Das
aus der Kirche S. Maria di Brera stammende Freskogemälde der
thronenden Gottesmutter, neben der die Heiligen Antonius Abbas
und Barbara erscheinen, wird von vielen als ein Hauptwerk des
Luini gefeiert. Ob mit Recht, möchten wir dahingestellt sein
lassen. Die Wallfahrtskirche zu Saronno in der Nähe von Mailand
umschliesst einige Fresken von Luini, mit denen unser Gemälde
den Vergleich nicht aushalten kann. Trotz der Einfachheit der
knapp umgrenzten, aus wenigen Figuren aufgebauten Komposition
empfinden wir angesichts unseres Bildes wieder jene Leere, die
aus Mangel an Temperament und eigenen Einfällen so vielen
Schöpfungen Luinis innewohnt. Bemerkenswert ist das auf
venezianische Anregungen zurückgehende Motiv des Laute spielenden
Engelchens zu Füssen des Thrones. Aber selbst dies kleine
Geschöpf, das die Bestimmung hat, in die Feierlichkeit des
himmlischen Hofstaates ein wenig unbefangene Kinderlust hineinzubringen
, ist von der umgebenden Langenweile klassischer
Schönheit angesteckt.
148. Rubens: Landschaft mit heimziehenden Landleuten.
Ein fruchtbares Gefilde, von hohem Standpunkt aus gesehen,
von der Abendsonne überstrahlt, mit vielen Spuren menschlicher
Kultur, mit Heuschobern, weidendem Vieh und Baulichkeiten im
Hintergrunde: ein echt vlämisches Landschaftsbild. Unter den
Landschaften, die Rubens geschaffen hat, gehört diese Darstellung
zu den ruhigen und einfachen. Nur der Zug der Landleute im
Vordergrunde lässt erkennen, wie sehr der Meister die starken
Bewegungen liebte. Aehnlich disponierte Landschaften haben
auch L. van Uden und der ältere Jan Breughel gemalt, die
vlämischen Zeitgenossen des Rubens, nur, dass diese Maler nicht
entfernt die Grosszügigkeit und die Breite des Malwerks erreichten,
Eigenschaften, die selbst so schlichten Ansichten den Charakter
der Monumentalität geben.
149. Aktaeon-Metope vom Heratempel in Selinus. Der
Heratempel ist unter den sieben in Ruinen erhaltenen altdorischen
Heiligtümern der Stadt Selinus, die als griechische Kolonie im
J-ahre 628 vor Chr. an der Südwestküste Siciliens gegründet
wurde und 409 vor Chr. von den Karthagern zerstört worden ist,
der jüngste und vollendeteste, im Stil seiner Architekturformen
und seines plastischen Schmuckes den um die Zeit der Perserkriege
bis zur Mitte des V. Jahrhunderts entstandenen Werken
verwandt, deren Reihe mit dem Zeustempel von Olympia ab-
schliesst. Ueber den Säulen der Vor- und Hinterhalle des Tempels
waren rechts die Metopenplatten zwischen den Triglyphen mit
Reliefs verziert. Die drei am besten erhaltenen dieser Reliefs,
von der Vorhalle, schildern die hochzeitliche Vereinigung des
Zeus und der Hera, den Kampf des Herakles mit der Amazone
und die Sage vom Jäger Aktaeon, der durch Artemis in einen
Hirsch verwandelt und von seinen Hunden zerrissen wird. Sie
sind, wie das ganze Bauwerk des Tempels aus Kalkstein gearbeitet
und waren bemalt, aber die nackten Teile der weiblichen Figuren
sind in Marmor ausgeführt und besonders angesetzt. Die Aktaeon-
metope lässt die Eigenart und Stärke der Kunst, aus der die
Reliefs hervorgegangen sind, besonders gut erkennen. Die beiden
Figuren des Aktaeon und der Artemis sind auf dem engen Räume
dicht gegeneinander gerückt, dadurch ist der Kontrast der Darstellung
gesteigert, die den Frevel an der Gottheit und den ohnmächtigen
Widerstand gegen den göttlichen Willen schildert. In
dämonischer Ruhe steht Artemis starr und fest da und hetzt mit
vorgestreckten Armen die Hunde, deren Andringen sich der
Jäger — das übergehängte Hirschfell deutet die Verwandlung
an — mit aller Kraft und doch vergeblich erwehrt. Der altertümliche
Stil klingt in Einzelheiten, wie namentlich in der Behandlung
des Gewandes der Göttin und der Ausführung des
Haares noch nach, aber die frische, auf sicherer Beobachtung
der Wirklichkeit beruhendeWiedergabe der Formen und Bewegungen
zeigt hier, wie ähnlich in den Olympia-Skulpturen, dass diese
Kunst die Schranken des Archaismus durchbrochen hatte.
150. Aphrodite. An die berühmte knidische Aphrodite des
Praxiteles hat sich im Altertum eine lange Reihe ähnlicher Darstellungen
angeschlossen; unter diesen ist die mediceische Venus
in Florenz die bekannteste, sie steht aber in der Ausführung, die
sie als Kopistenarbeit erkennen lässt, weit zurück hinter der
kapitolinischen Statue. Die Formengebung und der Stil dieses
ausgezeichneten Werkes, in dem ein mit grösster Naturtreue und
äusserster Feinheit der Marmorbehandlung durchgeführtes Bild
voll gereifter weiblicher Schönheit hingestellt ist, scheint auf die
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