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Velazquez.
(Seine Bedeutung und sein Entwicklungsgang.)
VELAZQUEZ steht trotz aller Annäherungsversuche
, die die zweite Hälfte des neunzehnten
Jahrhunderts an ihn gemacht hat, immer
noch auf einsamer Höhe als der unerreichte Meister
malerischer Pinselführung da, als „der Maler aller
Maler" (Ie peintre le plus peintre), wie W. Bürger
Jhn zuerst genannt hat; und je sorgfältiger in den
letzten Jahrzehnten auch seine Werke gesichtet
Worden sind, um so höher wächst der Meister empor,
um so leerer und einsamer wird es um ihn herum.
Hatte schon Justi in seinem 1888 erschienenen kunstgeschichtlichen
Meisterwerke gründlich unter den
Gemälden, die Velazquez zugeschrieben wurden,
aufgeräumt, so sind seine Nachfolger, wie Em. Michel
in Frankreich, Walter Armstrong in England und vor
allen Dingen Aurel, de Beruete in Spanien in dieser
Richtung noch viel weiter gegangen. Beruetes 1898
erschienenes Werk wird von einem französischen
Kenner als das endgültige Buch über den grossen
spanischen Meister bezeichnet. Das letzte Wort
wird freilich auch in der Velazquez-Kritik noch nicht
gesprochen sein. An dieser Stelle aber müssen wir
uns begnügen, uns stillschweigend nur an diejenigen
Bilder des Meisters zu halten, deren Echtheit auch
von der jüngsten Forschung hochgehalten wird.
Velazquez gehört nicht zu jenen Meistern, die,
wie z. B. sein etwas älterer holländischer Zeit- und
Gesinnungsgenosse Frans Hals, erst von der Nachwelt
entdeckt oder wiederentdeckt worden sind. Er
hatte das Glück, von Anfang an nicht nur von
den Jungen, sondern auch von den Alten gepriesen
zu werden. Sein eigener Meister, zugleich sein
Schwiegervater, Francisco Pacheco, dessen 1649 in
Sevilla erschienenes Buch „Arte de la pintura"
der Katechismus einer in jeder Hinsicht rechtgläubigen
Malerei ist, hat es sich nicht nehmen
lassen, Velazquez in Prosa und Versen zu feiern
und daher auch der „naturalistischen" Richtung, die
sein Schwiegersohn nun einmal vertrat, Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen. Im achtzehnten Jahrhundert
verblasste der Ruhm des Meisters keineswegs
. Luca Giordano und Raphael Mengs prägten
VII. IG
Worte über seine Kunst, die von dem tiefsten und
begeistertsten Verständnis seiner Eigenart zeugen.
Ihren Siedepunkt aber erreichte die Begeisterung
für den Meister, von Frankreich ausgehend, in der
zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts. Schon
Leon Bonnat, dessen Lehrzeit in die fünfziger Jahre
fällt, bekennt: „Velazquez etait notre dieu"; Regnault,
der 1871 gefallene französische Meister, sagte: „Je
voudrais avaler Velazquez tout entier." Manets und
Whistlers Richtung wurzelt ausgesprochenermassen
in der Kunst des grossen Sevillaners
Die Kunstgelehrten blieben in der Verehrung
des Meisters nicht zurück; und alle stimmen darin
überein, dass sie Velazquez bei der üblichen grossen
Zweiteilung aller Künstler in Realisten oder Naturalisten
auf der einen, Idealisten oder Stilisten auf der
anderen Seite, zu den Realisten stellen, ja den
Welt-Hauptmeister der realistischen Richtung in
ihm feiern. In scheinbarem künstlerischen Realismus
aber steckt oft ein grosser Idealismus. Schon die
Technik, durch die die materiellen Farben mit dem
Pinsel auf die Fläche gebracht werden, lässt keine
einfache Abschrift eines zufällig begrenzten Stückes
der Wirklichkeit zu. Ein geistiger Vorgang ist
immer dabei; und die Abweichungen von den Hauptlinien
und Einzelformen, von den Farben und
Lichtwirkungen der Natur sind oft künstlerisch um
so feiner empfunden, je weniger weit sie sich von
der Wirklichkeit, der Mutter der Wahrheit, entfernen
. Wenn Velazquez Realist war, so war er
doch gleichzeitig ein Künstler vom feinsten und
vornehmsten Geschmack; und gerade darin zeigt
sich seine einsame Grösse, dass er es, wie kein
zweiter Maler, verstanden, den Anschein schlichtester
Naturwahrheit mit dem feinsten künstlerischen Reize
auszustatten. Im vollsten Masse gilt dies freilich
nur von den reifsten Werken seiner späteren Zeit,
in denen Auffassung und Technik das Wunder zu
gleichen Teilen bewirken. Aber seine künstlerische
Entwicklung arbeitet von Anfang an auf dieses
Wunder hin; und es ist ebenso lehrreich wie anziehend
, den künstlerischen Entwicklungsgang des
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