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Kunst der Epoche des grossen pergamenischen Altars und der
nächstfolgenden Zeit hinzuweisen. Die Statue ist wahrscheinlich
unter Clemens X. (167O—1676) gegenüber der Kirche S. Vitale
in Rom gefunden, sie ist fast ganz unverletzt erhalten, nur die
Nasenspitze und einige Finger und ein Stück am Gelenk der
rechten Hand sind ergänzt,
151. Stevens: Leidenschaftlicher Gesang. Der Höhepunkt
von Stevens reicher Thätigkeit fällt in die sechziger Jahre.
Damals war er in Paris neben Meissonier der gefeiertste Interieur-
und Sittenmaler. Und in der That ist er diesem in der Feinheit
der Pinselführung und Lichtbehandlung, und vor allem in der
frappierenden Wiedergabe alles Stofflichen ebenbürtig. Aber er
steckte seine Figuren nicht in das Kostüm vergangener Jahrhunderte
, sondern gab treue Bilder aus dem Leben seiner Zeit.
Die Boudoirs und Wohnzimmer der Pariserinnen des zweiten
Kaiserreichs, ihre Seidenkleider und Kaschmirshawls, ihre Gewohnheiten
und Liebhabereien haben in ihm den klassischen Schilderer
gefunden. Als im Februar 1900 fast zweihundert seiner Werke
in der Ecole des Beaux-Arts ausgestellt waren, erregten sie einen
wahren Rausch des Entzückens. Was man eben noch als altmodisch
empfunden hatte, erschien hier durch die Kunst verklärt
und kulturhistorisch höchst merkwürdig.
152. Kühl: Eine schwierige Frage. Kühl hatte eine Zeitlang
der koloristischen Richtung Fortunys gehuldigt, als er sich der
von Liebermann und Uhde in Deutschland begründeten Freilichtmalerei
zuwandte, zu deren unbestrittenen Meistern er heute
gehört. Er holt sich seine Stoffe mit Vorliebe aus den Kirchen,
Armen- und Waisenhäusern seiner norddeutschen Heimat, ist
aber Liebermann zuweilen auch nach Holland gefolgt. Die jungen
Bäuerinnen, die auf unserem Bilde eifrige Zwiesprache halten,
sind, der malerischen Tracht mit dem goldenen Zierat an den
Hauben nach zu urteilen, Seeländerinnen, der Raum, in dem sie
sitzen, zeigt echt holländische Sauberkeit. Die Kunst unseres
Malers offenbart sich vor allem in der Behandlung des Lichtes,
das von dem freundlichen Hofe her durch die offene Thür
hereinnutet und über die beiden Gestalten gleitet. Mit grosser
Virtuosität ist insbesondere auch das Fenster mit den Blumen
gegen den hellen Hintergrund gemalt.
153—160. Raffael. „Weide meine Lämmer". — Die Blendung
des Elymas. — Paulus in Lystra. — Paulus predigt
auf dem Areopag in Athen. Raffaels „Tapeten" waren dazu
bestimmt, den biblischen Bildschmuck der Sixtinischen Kapelle
abzuschliessen. An der Decke Michelangelos Schöpfungsgeschichte
, in der Uebergangs-Wölbung zur Wand seine Propheten,
Sibyllen und die sogen. Vorfahren Christi, an der Wand selbst
unter den Fenstern die Fresken der Maler Sixtus IV., der die von
ihm erbaute Kapelle zuerst mit Parallelscenen aus der Geschichte
Mosis und Christi von den Meistern des Quattrocento, wie
Perugino, Botticelli schmücken Hess.
Auf die Vorgeschichte des Erlösungswerkes war die Rettung
des Volks Israel und die Erlösung selbst gefolgt. Jetzt sollte die
Apostelgeschichte den Cyklus inhaltlich vollenden. Papst Leo X.
wünschte auf diese prächtigste Art, durch eine Reihe von gewirkten
Teppichen den untersten Wandstreifen der Kapelle zu
bedecken; ungeschmückt war er freilich nie gewesen: Teppiche,
die aus Jerusalem stammen sollten, waren hier aufgehängt und
auch ohne sie zeigte die Wand hier eine schöne Dekoration —
noch heute sieht man prachtvolle al fresco ausgeführte Brokatmuster
mit dem Roverewappen, die sehr getreu ornamentale
Teppiche imitieren.
Auf der Höhe seines Schaffens, wahrscheinlich 1514, wird
Raffael der Auftrag, die Vorlagen für eine neue Folge von
Teppichen zu entwerfen; i516 erhält er die letzten Zahlungen
dafür; damals musste seine Arbeit, die Kartons, also fertig gewesen
sein.
Danach sind dann in Brüssel die Teppiche selbst gewebt,
in der Werkstatt des Peter van Aelst, unter Aufsicht des Barend
van Orley, jenes Vlamen, der durch Raffaels Werkstatt gegangen
war.
Am Stephanstag 1519 wurden die Teppiche in der Kapelle
zum erstenmal bewundert; ein Zeitgenosse schrieb darüber, sie
seien in ihrer Art das herrlichste bis auf jene Tage, und Kenner
schätzten sie höher als die berühmtesten Stücke der Zeit, selbst
Mantegnas Teppiche für den Herzog von Mantua nicht ausgenommen
. Man staunte auch ihren materiellen Wert an:
Seide und Gold für die Lichter waren verschwenderisch darin
verwendet. Der Papst selbst sagte, das Stück koste 1600 Dukaten
(1 Dukat oder Florin etwa 40 Mark), aber man erzählte sich,
dass sie 2000 Dukaten kosteten. Raffael hatte für die Kartons
1000 Dukaten erhalten, also etwa 40000 Mk. —
Heut stellt man zweifellos die Kartons höher als ihre noch
so prächtige Ausführung.
Aber die Zeit war weniger sentimental, und Leo X. liess das
eigentlich künstlerische Dokument, die Kartons, nach den Niederlanden
gehen, ohne sie zurückzufordern und war vollauf zufrieden
mit ihren pompösen Reproduktionen. Uns geben diese
Gobelins durchaus nicht den ungetrübten Genuss von Originalarbeiten
. Sie geben die Kompositionen im Gegensinn, alle
Linien durch die Uebersetzung in eine handwerkliche Technik,
durch nordische Hände vergröbert, die Farben vereinfacht und
ehemals gesteigert, heute zum Teil verblichen und, wo die
Uebergänge fehlen, hart. Dazu kommt die schlechte Erhaltung
der vatikanischen Originale. Sie tragen die Spuren ihrer mannigfaltigen
Schicksale und Wanderungen, die gleich nach Leo X.
Tode begannen; bei der Plünderung Roms wurden sie in die
Welt verstreut und haben sich nur mühsam und unter Einbusse
mancher Schönheit wieder zum Vatikan zurückgefunden. So
kommt es, dass man sie in den alten Repliken in Madrid und
den eben gereinigten in Berlin fast besser geniessen kann. Da
musste es ein Trost sein, dass wir die Kartons besitzen, aber
auch an ihnen ist die Freude nicht ganz ungetrübt. Sie haben,
auf Papier in Leimfarben gemalt, der Vernachlässigung wenig
Widerstandskraft entgegenzusetzen gehabt, nachdem sie ihrer
Zeit als Vorlagen gedient hatten.
Rubens soll sie gefunden und vor dem Untergang bewahrt
haben. Durch ihn kamen sie in den Besitz Karls I. von England;
lange Zeit waren sie in Hampton Court aufgestellt, wie Mantegnas
Triumphzug, jetzt füllen sie einen Saal im Kensington Museum.
Von den 11 ursprünglichen Kompositionen haben sich nur
7 in diesen Kartons erhalten. Als Raffael sie schuf, war er
schon genötigt, wie bei den Fresken der Stanzen, seinen Schülern
die Ausführung zu überlassen.
Man kann wohl sagen, dass die Kartons von Anfang bis zu
Ende deren Hand zeigen, besonders Penni, aber auch Giulio
Romano arbeiteten daran. Da die Vorlage doch verloren gegeben
war, brauchte der Meister selbst nicht Hand anzulegen. Er war
damals von anderen Dingen vollauf in Anspruch genommen.
Einzig die Gestalt Christi in „Weide meine Lämmer" ist vollendet
genug, ja vielleicht ein so vollendeter Ausdruck des göttlichen
Gedankens, dass man ihn nur Raffael selbst zutrauen darf.
Aber, wenn die Farben hart, bunt und schillernd sind, die Typen
der Köpfe oft kleinlich oder vulgär, alles das, was später wirken
sollte, Komposition, Gebärden, eben das, was so eindringlich
und überzeugend spricht, muss unmittelbar seine Erfindung sein.
Darum sind uns die Kartons so wertvoll, weil sie doch unter
seinen Augen entstanden sind und weil man in ihnen die Wärme
seiner Empfindung näher zu spüren glaubt. Die „Parthenonskulpturen
der neuen Kunst" hat man sie nennen dürfen, weil
sie, ähnlich wie jene, alles vorhergegangene Streben zu erfüllen
scheinen. Nur in Leonardos Abendmahl und in den Fresken
des Heliodor oder der Messe von Bolsena ist der Gedanke in
solcher Konzentration und Klarheit zum Ausdruck gebracht, wie
hier. Kein Beiwerk, kein genrehafter Zug zerstreut; ein heroisches
Geschlecht tritt auf diese einfache Bühne und alles äussert sich
rückhaltslos, einfach und klar, nie beengt und darum immer schön.
Die Bestimmung für die Webetechnik legte gewisse Schranken
auf in der Zahl der Figuren; energischer Wechsel von Licht
und Schatten auf Figuren und Hintergrund kommt der Deutlichkeit
entgegen; architektonische Linien, der grosse Fall der Gewänder
erhöhen die dekorative Wirkung.
Im genauesten Anschluss an die heilige Schrift sind diese
Bilder entstanden; aus ihr hat Raffael seine besten Anregungen;
die Bilder lassen sich nicht anders kommentieren, als durch die
Bibeltexte selbst:
Dem „Weide meine Lämmer" liegt das Evangelium
Johannis 21, 1 — 20 zu Grunde. Petrus und die Söhne Zebedäi
haben wieder ihr altes Gewerbe aufgenommen und fischen am
See Genezareth. Da erscheint ihnen Jesus, das dritte Mal, dass
er offenbaret ward seinen Jüngern, nachdem er von den Toten
auferstanden war. Da sie nun das Mahl gehalten, spricht Jesus
zu Simon Petrus: Simon Jona, hast du mich lieber denn mich
diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, Du weisst, dass ich
Dich lieb habe. Spricht er zu ihm: Weide meine Lämmer.
Spricht er wieder zum andern Mal zu ihm: Simon Jona,
hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, Du weisst, dass
ich Dich lieb habe. Spricht er zu ihm: Weide meine Schafe!
Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon Jona, hast du
mich lieb? Petrus ward traurig, dass er zum dritten Mal zu ihm
sagte: Hast Du mich lieb? Und sprach zu ihm: Herr Du weisst
alle Dinge, Du weisst, dass ich Dich lieb habe. Spricht Jesus
zu ihm: Weide meine Schafe! — — — — — — — — — —
„Die Blendung des Elymas" oder die Bekehrung des Prätors
Sergius Paulus, Apostelgeschichte i3, 6—12: Da widerstund
ihnen (Paulus und Barnabas) der Zauberer Elymas und trachtete,
dass er den Landvogt vom Glauben wendete. Saulus aber, der
auch Paulus heisset, voll heiligen Geistes, sah ihn an und sprach:
O, du Kind des Teufels, voll aller List und aller Schalkheit,
und Feind aller Gerechtigkeit, du hörest nicht auf, abzuwenden
die rechten Wege des Herrn; und nun siehe, die Hand des
Herrn kommt über dich und sollst blind sein, und die Sonne
eine Zeitlang nicht sehen. Und von Stund an fiel auf ihn
Dunkelheit und Finsternis, und ging umher und suchte Handleiter
. Als der Landvogt die Geschichte sah, glaubte er, und
verwunderte sich, die Lehre des Herrn. — — — — — — —
„Paulus in Lystra" Apostelgeschichte 14, 8—18. Paulus hat
einen Lahmen geheilt, der rechts auf dem Bilde seine Krücken
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