Augustinermuseum Freiburg i. Br., 1009/11
Das Museum: eine Anleitung zum Genuß der Werke bildender Kunst
Berlin, 11. Band.[1911]
Seite: 14
(PDF, 164 MB)
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eigene Faust. Wenn nicht alle Zeichen trügen, so ist
diese naturalistische Bewegung gegenwärtig zu einem
Stillstand gelangt, und andere Richtungen mit symbolischen
und mystischen Neigungen machen ihr den
Platz streitig. Sie locken die deutsche Kunst wieder
auf Gefilde, die sie zu entfernen drohen von ihren
eigentlichen Aufgaben, sie leisten einer Richtung Vorschub
, die leicht zu äusserlicher Allegorie und verschwommener
Romantik führt. Da scheint es doppelt
nötig, für den Naturalismus, für seine Ziele ein Wort
einzulegen und seine Bedeutung
zu rechtfertigen.

Ein starkes Naturgefühl
und realistischer Sinn
ist immer ein charakteristisches
Merkmal der deutschen
Kunst in den Zeiten
ihrer Blüte gewesen. Dürer,
Holbein und unsere grossen
Plastiker im XIII., im
XV. und XVI. Jahrhundert
danken ihrem ehrlichen
Naturstudium, ihrer herzhaften
Natürlichkeit ein gut
Teil ihrer künstlerischen
Wirkung. Im XIX. Jahrhundert
, das antikisierend
begann, ist dieser naturalistische
Sinn erst im letzten
Drittel des Jahrhunderts
wieder lebendig geworden.

Freilich hatteAdolf Menzel
schon in den Vierziger
Jahren den Boden realistischer
Kunst betreten, aber
er war ein vereinzelter Bahn brecher
, fand in jener Zeit
romantischer Geschichtsmalerei
und sentimentalen
Genres keine Nachfolge.
In den Siebziger Jahren
erst, nach der Entfaltung
der historischen Schule Pilotys und im Gegensatz
zu ihrer vorwiegend aus der Anschauung alter Kunst
hergeleiteten Manier, ist die deutsche Malerei wieder
naturalistisch geworden. Es galt im rückhaltlosen
Studium der Natur neue Ausdrucksmittel persönlicher
Auffassung zu finden, das malerische Sehen,
das so lange mit den Augen der alten Meister gesehen
hatte, zu befreien, zu verjüngen im Anschauen der
Natur. Der malerische Ausdruck, den die Gewöhnung
an den Colorismus und den Stil alter Malerei zu
einem Manierismus geführt hatte, der alle Persönlichkeit
, alle Selbstständigkeit zu vernichten drohte,

Dürer, Bildnis seiner Frau in jungen Jahren
Federzeichnung (verkleinert). Wien, Albertina.
Photographie von Braun, Clement & Cie., Dornach.

musste ein anderer werden. Und zugleich mit den
sozialen Wandlungen der letzten Jahrzehnte musste
auch der Inhalt der Kunst sich verändern. Die
monumentale Historienmalerei, nach der älteren
Anschauung die vornehmste Aufgabe der Kunst, trat
in den Hintergrund gegenüber der Schilderung der
Landschaft und unserer tagtäglichen Umgebung.

Dass es bei diesem Bestreben der neueren Malerei
nicht abging ohne gewisse Gewaltsamkeiten und Ueber-
treibungen, ist ebenso natürlich wie die Abhängigkeit

vieler Künstler vom Ausland
, besonders Frankreich.

Die Malerei „in freier
Luft", en plein air (Pleinairismus
) im Gegensatz zu
der Gewohnheit, im Atelier
das Bild zu komponieren,
diese Freilichtmalerei, die
eine so grosse Umwälzung
in den künstlerischen Anschauungen
zur Folge gehabt
hat, ist im wesentlichen
von französischen Künstlern
ausgebildet worden.
Versuche derart, wie sie von
deutschen Künstlern zum
Teil schon in der ersten
Hälfte des Jahrhunderts angestellt
worden sind, —
ich erinnere an Runge, an
Waldmüller, an Lenbach
— blieben vereinzelt. Im
Gefolge der Bemühungen
um die Freilichtmalerei, die
die Palette des modernen
Malers mit einem Male auflichtete
und das Auge des
Malers auf die künstlerische
Verwertung neuer Lichtreize
einstellte, hat dann der Impressionismus
eine malerische
Anschauung weiter entwickelt
, die es lediglich darauf abgesehen hat, den
momentanen farbigen Eindruck der Naturerscheinung
festzuhalten. Bei diesem Bestreben, die flüchtigen
Licht- und Farbenreize der Natur festzuhalten, ist der
Charakter der malerischen Ausdrucksform von Grund
aus verändert worden. In der französischen und
englischen Malerei unserer Zeit sind diese vorwiegend
technischen Wandlungen zuerst und am schärfsten zum
Ausdruck gekommen. Aber auch die fortschrittliche
deutsche Malerei ist, wie wir noch sehen werden, von
dieser naturalistischen Strömung ergriffen worden.

Richard Graul.

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