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tischer Schöpfungen entgegen, die uns durch ihre
formale Schönheit wie durch ihre technische Gewandtheit
, durch die Tiefe der Auffassung wie
durch ihre frische Natürlichkeit gleichermassen
in staunende Verwunderung setzen. Von den Denkmälern
am Rheine sind hier in erster Linie die
Skulpturen des Strassburger Münsters zu nennen
und unter diesen wieder die beiden Gestalten der
Kirche und der Synagoge am Südportal, die wir auf
Tafel 102 in Abbildung bringen, von denen in den
sächsischen Landen die Skulpturen am und im Dome
zu Bamberg, die Stifterbildnisse und der Lettner
im Dome zu Naumburg, die Kreuzgruppe zu
Wechselburg, die Grabsteine Heinrichs des Löwen
und seiner Gemahlin Mechthildis im Dome zu
Braunschweig, — in zweiter Linie die sogenannte
goldene Pforte zu Freiberg, die neuerdings aufgefundene
Statue des hl. Dominicus zu Leipzig und eine
Reihe von Bildwerken zu Magdeburg, Hildesheim,
Halberstadt und an anderen Orten. Verglichen mit den
vorhergehenden bildnerischen Arbeiten jener Lande
erscheinen uns diese Werke wie plötzliche Offenbarungen
des künstlerischen Genius, wir sehen nur
hochragende Wipfel, vermögen aber nicht zu erkennen
, aus welchem Boden die Wurzeln dieser gewaltigen
Bäume ihre Lebenskraft ziehen. Es ist möglich,
dass in der Gegend nördlich des Harzes, wo sich
noch vom Schlüsse des ersten Jahrtausends her aus
den Zeiten des kunstsinnigen Bischofs Bernward von
Hildesheim eine gute künstlerische Tradition erhalten
hatte, sich in der Technik der Stuckplastik allmählich
eine Entwickelung vollzogen hatte, welche die künstlerische
Kraft zu jenem ungeahnten Aufschwünge
Im XIII. Jahrhundert befähigte, — die Denkmäler
dieser Technik in Gernrode", an den Chorschranken
■der Liebfrauenkirche zu Halberstadt, der Michaelskirche
zu Hildesheim und an anderen Orten lassen eine solche
Vermutung gerechtfertigt erscheinen, wie auch der
Umstand, dass die Figuren der Kreuzgruppe zu
Wechselburg (vgl. Abbildung S. 49) nicht aus Stein
gehauen, sondern aus Thon gebrannt sind —, anderseits
offenbaren sowohl jene zuerst genannten Denkmäler
wie namentlich auch die Wechselburger Gruppe
eine solche Beherrschung der künstlerischen Ausdrucksmittel
, der Faltenwurf ist von so antiker Grossartigkeit
, der Körper Christi verrät — wenn nicht
direkt ein anatomisches Studium, das im allgemeinen
bei mittelalterlichen Künstlern als unwahrscheinlich
gilt, — so doch jedenfalls eine so hervorragend
gute Schulung nach den besten Vorbildern, dass die
Ausbildung der Schöpfer dieser Werke schwerlich
auf sächsischem Boden allein anzunehmen ist.
Treten wir vor die Grabfiguren Heinrichs des
Löwen und seiner Gattin Mechthildis im Dome zu
Braunschweig, so fragen wir uns wiederum mit
Staunen, wo der Künstler diese Feinheit der Auffassung
, diese Geschicklichkeit, ja Virtuosität in der
Ausführung sich angeeignet haben kann (vgl. Abbildung
S. 52). Die Figur Heinrichs geht zwar nicht
allzuweit über das Mass guter Grabdenkmäler in
Mitteldeutschland - in dieser Zeit — Mitte des
XIII. Jahrhunderts — hinaus. Der Künstler war
augenscheinlich unlustig bei dieser Arbeit, vielleicht
auch bei seinem künstlerischen Schaffen gehemmt
durch erzwungenen Anschluss an vorliegende Porträtdarstellungen
des schon ein halbes Jahrhundert früher
verstorbenen Herzogs, in der Gestalt der Frau aber hat
er uns die ganze Grösse seines künstlerischen Genius
geoffenbart. Das war augenscheinlich ein Thema, das
ihm „lag". Wie die schlanke und doch kräftige
Gestalt leicht hingelagert ist, wie das Gewand in
mächtigen, wohlgeordneten und doch zwanglos sich
ergiessenden Falten darüber hingebreitet ist, wie die
Formen des Körpers deutlich und doch dezent hindurchschimmern
, davon vermögen weder die Abbildungen
noch die Gipsabgüsse eine hinreichende
Vorstellung zu geben, schon weil die wohlberechnete
Wirkung von Licht und Schatten hier nicht entfernt
den Eindruck erreicht, wie auf den feingeglätteten
Steinflächen des Originals mit ihren zahllosen
spielenden Glanzlichtern. Wie fein ist das Motiv
des durch die gefalteten Hände gezogenen Gewandsaumes
empfunden! Und welch' holdseliger Reiz
umspielt die zierlichen ebenmässigen Züge des
jugendlichen Gesichtes! Das ist nicht die längst
verstorbene Gattin des Löwen, — sicher beabsichtigte
der Künstler gar nicht ein Porträtbild
derselben zu geben —, das ist das Idealbild der
minniglichen Frau, wie sie den Künstlern und Dichtern
des XIII. Jahrhunderts vorschwebte, wie sie uns
aus den Liedern Walther's von der Vogelweide entgegentritt
, wie sie der ganze Minnedienst jenes ritterlichen
Zeitalters sich dachte.
Aehnliches empfinden wir vor den mächtigen
Gestalten der Stifter und ihrer Gattinnen, welche an
den Pfeilern des Westchores im Naumburger Dome
thronen, obgleich diese in Feinheit der Auffassung
und Delikatesse der Ausführung die Grabfigur der
Mechthildis zu Braunschweig nicht erreichen (vgl.
Abb. S. 51). Es sind reckenhafte trotzige Krieger und
holdselige Frauen, ganz wie wir uns die ritterliche
Gesellschaft der Hohenstaufenzeit zu denken haben.
Trotz des streng durchgeführten Zeitkostüms erinnert
der Faltenwurf der Gewänder, die Richtigkeit der
Proportionen, die sichere Leichtigkeit der Bewegungen
so lebhaft an die Antike, dass wir ein unmittelbares
oder mittelbares Studium derselben von Seiten der
Künstler unbedingt voraussetzen müssen.
War aber ein solches Studium damals in den
sächsischen Landen, ja überhaupt innerhalb Deutsch-
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