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Künstlerisches Zinngerät im XVI. Jahrhundert.
WIR hatten uns seit etwa dreissig Jahren ge- so durfte man sicher sein, unter den Geschenken
wöhnt, Kunst und Kunstgewerbe wie zwei ein wenn nicht zwei bis drei Exemplare einer
getrennte Gebiete zu behandeln. Wir wissen jetzt, Schüssel zu finden, entweder als Tischchen oder als
dass wir uns dies wieder abgewöhnen müssen, aber Wandschmuck hergerichtet, Nachgüsse in Eisen oder
ehe wir über alle einschlagenden Punkte ganz im
Klaren sind, wird jeder zugeben, dass es viele Werke
der sogenannten Kleinkunst giebt, die auf einem
neutralen Boden liegen. Man suchte sie bisher
beim Edelmetall, allenfalls
beim Elfenbein
und der Bronze. Dass
die Figur, die einen
Pokal trägt, das Relief
auf einem Humpen als
künstlerische Leistung
einer frei gearbeiteten
Steinfigur gleich oder
überlegen sein können,
ist klar.
Bei einem so minderwertigen
Material
wie dem Zinn hat man
aber derartige Stücke
zumeist nicht gesucht,
und doch besitzen wir
gerade in diesem Material
aus dem XVI.
Jahrhundert Stücke
allerersten Ranges, die
sich allerdings aus der
grossen Masse sonstigen
Zinngeräts so
Zinngeräts
stark abheben, dass
die Franzosen diese
Waren als orfevrerie
en etain bezeichnen.
Eines dieserStücke
muss geradezu als eines derjenigen bezeichnet werden,
die - am allermeisten dazu beigetragen haben, in
unserer Zeit die Liebe für die Kunst der Renaissance
wieder zu erwecken, ein Werk, das populärer ist als
die prächtigsten und berühmtesten Silberarbeiten und
dabei durch keinerlei historische Darstellungen und
Nebenumstände gehalten wird.
Wenn man vor 15 oder 20 Jahren, als die
moderne Renaissance - Bewegung am kräftigsten
flutete, einem grösseren Hochzeitsfeste beiwohnte,
Zinnhumpen, Arbeit vom Ende des XVI. Jahrhunderts
Berlin, Kg). Kunstgewtrbe-Museum. Höhe 0.18.
Messing, in feinem Relief ganz mit Figurenwerk bedeckt
, darunter in der Mitte eine allegorische Gestalt,
durch Beischrift als Temperantia bezeichnet, so dass
man diese Schüssel ohne Rücksicht auf die zwölf
übrigen Figuren einfach
Temperantia-
schüssel nannte.
Das Merkwürdigste
aber war, dass man
dieselbe Schüssel nicht
nur auf dem Prunkbüffet
, sondern auch
in den Taufkapellen
unserer Kirchen fand
und findet und dass
diese doppelartige Benutzung
auch schon
zur Zeit der Entstehung
um 1600 nachweisbar
ist.
Gerade diese allzuhäufige
Nachbildung
mag es verhindert haben
, dass sich die
Kunsthistoriker eingehend
damit beschäftigten
, man hat das
Stück immer nur erwähnt
und es als hinreichend
bekannt vorausgesetzt
.
UnsereAbbildung
(Tafel 135) wird auch
den meisten unserer Leser bekannte Formen geben.
Und doch ist es nötig, erläuternd bei ihnen zu
verweilen.
Schüssel und Kanne sind in Zinn gegossen und
sind uns in einer Reihe von alten Exemplaren erhalten
, das hier abgebildete befindet sich im Kgl.
Kunstgewerbe-Museum zu Berlin.
Mit einem der vielen modernen Nachgüsse
kann dieses Stück nicht verwechselt werden. Diese
Nachgüsse sind in Sand über einem Original ge-
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