Augustinermuseum Freiburg i. Br., 1009/11
Das Museum: eine Anleitung zum Genuß der Werke bildender Kunst
Berlin, 11. Band.[1911]
Seite: 65
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Griechische Porträts des vierten Jahrhunderts.

EIN bekanntes Wort des Malers Ingres bezeichnet
das Porträt als den „Prüfstein des Künstlers".
Aussprüche dieser Art, wie sie von Künstlern der
verschiedensten Zeiten überliefert sind, pflegen für
die Epoche, nicht nur für den Einzelnen, dem sie
entstammen, charakteristisch zu sein. Ingres lebte in
einer Zeit, die das Bildnis in hervorragender Weise
begünstigte, und die Kunst der Vergangenheit hatte
durch drei Jahrhunderte im Porträt das Grösste
hervorgebracht. Vor dem fünfzehnten Jahrhundert
dagegen, vor Donatello hätte ein solches Wort kaum
gesprochen werden können.

Wohl aber Hesse es sich von einem griechischen
Künstler denken, dass er das Gleiche gesagt
haben könnte. Denn in der griechischen Kunst
spielt das Porträt eine nicht geringere Rolle als in.
der modernen. Es ist bezeichnend für die Schätzung,
die es zur Zeit seiner höchsten Entwicklung, gegen
Ende des vierten Jahrhunderts v. Chr., erfuhr, was
von dem Künstler Apelles überliefert wird: dasjenige
Bild dieses berühmtesten aller griechischen
Maler, das in den Augen der Kenner als sein bestes,
bedeutendstes Werk galt und auch der vielbewunderten
Aphrodite Anadyomene noch vorgezogen
wurde, war ein Porträt, ein Reiterbildnis des Feld-
herrn Antigonos. Und von diesem Bilde wird ein
Zug berichtet, der die ganze Grösse der Porträtkunst
des Apelles offenbar macht. Antigonos war
auf dem einen Auge blind. Nicht jeder Künstler
hätte diesen Fehler* der Gesichtsbildung ungenützt
gelassen, so wie Raffael das Porträt des Kardinals
Inghirami (vgl. Bd. II Taf. 90) in Dreiviertelansicht
malte, um das eine schielende Auge des Mannes mit
auf das Bild zu bringen. Aber gerade das vermied
Apelles. Es gab für ihn eine höhere Aehnlichkeit
als die der äusseren Form mit ihren Zufälligkeiten.
Er stellte den Antigonos im Profil dar, so dass
nur die gesunde Seite des Gesichtes sichtbar war.
Wie Apelles das Bildnis auffasste, als Darstellung
des ganzen Menschen in seinem wahren innersten
Wesen, Hesse sich allein aus dieser Geschichte abnehmen
. Dasselbe hohe Ziel verfolgte zu gleicher
Zeit der Bildhauer Lysipp, und beide erreichten
dieses Ziel am vollkommensten in dem Porträt
Alexanders des Grossen (vgl. Bd. I, S. 22). Ihre
Kunst hat das Charakterporträt geschaffen.

Bevor die griechische Bildniskunst auf dieser
Höhe anlangte, hatte sie eine lange Entwicklung
hinter sich, in der die Aufgaben der Porträtdarstellung
auf die verschiedenste Weise angegriffen
worden waren.

Am Eingange steht das individuelle Porträt.
Die Künstler der archaischen Zeit, des siebenten
und sechsten Jahrhunderts v. Chr., haben die Form
ganz rein wiedergegeben, wie sie sie sahen, ohne
von sich selbst etwas hinzuzuthun, ohne zu verallgemeinern
oder zu idealisieren. Sie hatten eine
naive, offene Freude an der Natur in allen ihren
Erscheinungen. Mit frischem, unbefangenem Sinn
und klugem Blick beobachteten sie das Besondere,
Unterscheidende, Wesentliche und gaben dies mit
lebhaftester, mitunter übertriebener Deutlichkeit
wieder. Die Bildnisse dieser ältesten Zeit wirken überraschend
, fast verblüffend durch das Persönliche,
das aus ihnen spricht, und sie sind sich alle gleich
darin, dass dieses Persönliche nur in den äusseren,
animalischen Formen liegt. Der Mensch hatte für
die Kunst dieser Zeit nur eine äussere Erscheinung,
gerade so wie das Tier oder die Pflanze.

Auf das Aeussere der Erscheinung hat sich auch
die Kunst, nachdem sie mit dem fünften Jahrhundert
aus dem Kindesalter herausgewachsen war, in der
Porträtdarstellung noch beschränkt. Aber das Verhältnis
der Künstler zur Natur war ein anderes
geworden. Die Theorie der Schönheit hatte angefangen
, die Künstler zu beschäftigen und trieb sie,
nach mustergiltigen Formen zu suchen, den Ausdruck
einer allgemein giltigen, von den Zufälligkeiten
der natürlichen Erscheinungen befreiten Schönheitsform
zu finden.

Das führte im Porträt zur Unterdrückung des
Besonderen, Individuellen und zur Ausbildung des
Typischen. Aus dieser Zeit stammt das erste berühmte
Bildnis der griechischen Kunst, das Porträt
des Perikles, von der Hand des Bildhauers Kresilas
(vgl. Taf. 53). Der Künstler suchte in diesem Werk
das Musterbild des vollkommenen, edlen, schönen
Mannes zu geben, als welcher Perikles seiner Zeit
erschien. Es ist ihm das in vollem Masse gelungen.
Diese bildliche Darstellung ist so abgeklärt, über
das Persönliche hinausgehoben und grade so objektiv
, wie die litterarische Schilderung, die Thu-
kydides von dem grossen Staatsmanne in seinem
Geschichtswerke hinterlassen hat.

Perikles selbst hat noch den Beginn einer neuen
Zeit gesehen. Um die Mitte des fünften Jahrhunderts
hebt die Bewegung an, die das griechische Leben
rasch und von Grund aus umgestaltete und mit der


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