http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_11/0255
Adolph Menzel, Skizze für ein Service.
Tuschzeichnung (verkleinert). Berlin, Kgl. Nationalgalerie.
Adolph Menzel.
DEM Künstler und dem Kunstfreunde ist es eine
tröstliche, manchem berufsmässigen Kritiker
und Kunstförderer eine unbequeme Thatsache, dass
die Entwicklung der Künste ohne Rücksicht auf
offizielle Urteile, Verurteilungen und Vorurteile ihren
naturnotwendigen Gang vollendet. Die Kunst, als
ein freies, in seinen Ausdrucksformen mannigfaltiges,
an vollberechtigten Einzelwesen überreiches Element,
lässt sich schlechterdings nicht meistern. Während
in der Presse die mehr oder minder gebildeten und
denkfähigen Schriftsteller bald diese, bald jene Kunstrichtung
bekämpfen oder unterstützen, während die
Vorstände von Sammlungen und andere Gewaltige
ihre diplomatische Strategie treiben, um die keimfähigen
Gedanken kühner Minoritäten aus dem Chaos
der nach Geltung ringenden Kunstanschauungen
herauszuheben und die flachen Geschmacksmajoritäten
sachte ad absurdum zu führen (oder auch umgekehrt
) — während also diese Geschäftigen sich
mühen, ergiebt sich die endgiltige Entscheidung über
Echt und Unecht in der Kunst am Ende doch nur
aus der Summe unzähliger naiver Laienurteile, und
trotz allen Geredes triumphieren schliesslich nur die
im wahrsten Sinne selbständigen und charaktervollen
Künstler, nämlich solche, denen es gelingt, sich zu
wirklichen Thaten zu erziehen und die giltigen Zeugnisse
ihres Schaffens an die Öffentlichkeit zu bringen.
Was wir im Eifern des Parteigeschmackes für unmöglich
hielten, sehen wir dann vor uns: die verschiedensten
Auffassungen der Natur und der Kunst
stehen friedlich und harmonisch bei einander. Eine
jede von ihnen giebt uns den Teil des Wahrheit,
den sie erschaute: die ganze Wahrheit der Schöpfung
von innen heraus zu begreifen und auszusprechen,
ist Menschen überhaupt nicht verliehen.
Pas also bleibt das Wichtigste und darauf
kommt es an: dass der Künstler der Welt etwas
Eigenartiges mitzuteilen hat, und zwar etwas, das
zu empfangen sich auch lohnt, und dass seine Mitteilung
in lebenskräftige Formen gekleidet ist. Sind
diese Bedingungen erfüllt, so strebt er nicht umsonst
: er setzt sich durch und bereichert die Welt
um seine Persönlichkeit.
Adolph Menzel zu Ehren ist diese ausholende
und doch wohl nicht ganz überflüssige Erörterung
hier angestellt worden. Der hochbetagte Meister
ragt aus einer anderen Zeit in die unsrige hinein und
schon suchen die Wellen veränderterKunstströmungen
über ihn hinwegzufluten. Aber es gelingt ihnen
nicht. Sie branden an seinem Werk und umgehen
es widerwillig, denn durch felsenfeste Eigenart gesichert
, besteht seine Bedeutung. Gefestigt hat er
sich jedoch in einsamer, aufs höchste gesteigerter
Arbeit, für die er sich abseits von dem Gewohnten
einen Boden schuf.
Mit wenigen Worten ist gesagt, was von dem
äusseren Leben des Mannes zu erzählen wäre. Am
5. Dezember 1815 zu Breslau geboren, mit 15 Jahren
nach Berlin verpflanzt und bald darauf durch den
Tod des Vaters verwaist, sah der junge Menzel sich
darauf angewiesen, in der ihm noch fast fremden
Stadt sein Brot zu erkämpfen. Das gelang ihm,
1 -
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_11/0255