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indem er, vorbereitet durch den Beruf des Vaters,
lithographische Gelegenheitsarbeiten ausführte; von
dieser Thätigkeit schritt er fort zu höherem, freierem
Schaffen als Zeichner und Maler und zu den schönsten
Erfolgen, und hat Berlin nicht wieder verlassen.
Was Anderen zu Anfang leicht geschadet hätte,
nützte ihm nur: denn statt die banalen Aufgaben
des lithographischen Kunsthandwerks banal zu lösen,
benutzte er den Spielraum^ den sie seiner Phantasie
liessen, zu voller Entfaltung seines scharfen Geistes
und versäumte nicht, den kleinen Figuren, die er auf
Einladungskarten, Menüs, Weinetiquetten u. s. w.
zu entwerfen hatte, durch strenges Naturstudium
Halt zu geben. Seine
Einsicht und seine Gewissenhaftigkeit
machten
ihn dabei zu einem so
guten Lehrer seiner selbst,
dass er der Unterweisung
auf der königlichen Akademie
der Künste, die
er eine kurze Zeit lang
probierte, gänzlich ent-
raten konnte. Allmählich
schwang er sich dann zur
Herausgabe von zyklischen
Werken auf, die er mit
der Feder oder mit Kreide
auf den Stein zeichnete.
Diese Sachen, „Künstlers
Erdenwallen" (1834) und
die „Denkwürdigkeiten aus
der brandenburgischen Geschichte
" (1836), erregten
die Aufmerksamkeit
wenigstens einiger Künstler
durch ihre sinnreiche
Erfindung und ihre originelle
, der Konvention und Pose abholde und aut
zuverlässigen Beobachtungen fussende Darstellung.
Auch die Oelmalerei begann Menzel damals,
ebenfalls autodidaktisch, zu betreiben: er versuchte
sich in Genrebildern, deren Wesen er jedoch
nicht eigentlich in der redseligen Anekdote, sondern
mehr in schlagender Charakteristik und in Natürlichkeit
des Ausdrucks fand. Diese Richtung unterschied
ihn von den allermeisten deutschen Malern
jener Periode, die mit wenigen Ausnahmen in den
Phrasen epigonenhafter Unselbständigkeit verkamen.
Wie tief das Streben nach Richtigkeit seine ganze
Künstlernatur beeinflusste und bestimmte, zeigte sich
aber erst ganz in einer neuen Reihe von eigentümlichen
und grundlegenden Arbeiten, an denen Menzel seine
Entwicklung vollendete. Der Auftrag der Weber-
schen Buchhandlung, die „Geschichte Friedrichs des
Adolph Menzel, Aus
Tuschzeichnung (verkleinert).
Grossen" von Franz Kugler zu illustrieren, bot ihm
die langersehnte Gelegenheit, einen bedeutenden
Stoff von Grund aus zu studieren, sich ihn völlig
anzueignen und ihn so wiederzugeben, wie er sich
noch nie in jemandes Phantasie gespiegelt hat. Nicht
nur in das Buch drang Menzel ein, sondern mit
einer beispiellosen Kraft der Intuition fand er sich
auch in die Zeit und in die Kreise, die es behandelt.
Wie viel Missbrauch treiben wir anderen mit dem
„Geist der Zeiten"! Wie oft glauben wir, uns in
diese oder jene Periode versetzen zu können, und wie
selten besitzen wir Kenntnisse und Anschauungen
genug, um dabei von unserem eigenen Geiste und von
angewöhnten Urteilen loszukommen
! Menzel erwarb
sich die Kenntnisse,
deren es bedurfte, durch
eisernen Fleiss. Er wusste
an den Gemälden Watteaus
und seiner Schule den
echt französischen Chic
des Rokoko zu lernen, die
Grazie der erzogenen und
doch so persönlichen Bewegung
, den Geschmack
des Kostüms, den intimen
Reiz einer geistreich kecken
Gesellschaft, den malerischen
Zauber aller jener
idyllischen Anordnungen
und Vergnügungen. Als
Ergänzung dazu boten
ihm dagegen Chodowieckis
Radierungen und ähnliche
Blätter getreue Abbilder
des realen Lebens jener
Zeit, die Uebersetzung der
französischen Moden und
Idyllen in brandenburgische Bürgerlichkeit. Sie zeigten,
wie sich die französische Anmut der jungen Mädchen
und Frauen wohl auch_ in den Berliner Bürgerstuben
bei nützlicher Hausarbeit erhält, aber statt der Figaros
und der lebenslustigen Theatergreise des Watteau
treten bei Chodowiecki die ungelenken, wie Klopstock
und wie Hagedorn empfindenden Jünglinge und die
trockenen, tüchtigen Hausväter leibhaftig auf. Aus den
Bildnissen Friedrichs des Grossen, der königlichen
Familie und ihrer Umgebung von Pesne und
anderen, aus den fridericianischen Bauten in Potsdam
, aus den königlichen Gärten, aus den Strassen
Alt-Berlins entnahm Menzel weitere unzählige Einzelheiten
von der Treue archivalischer Notizen und
verwendete sie mit nie versagendem Geschick.
Aber all dieser Sammeleifer hätte ihm nichts
genützt ohne seine Unbefangenheit im Beurteilen
dem Kinderalbum.
Berlin, Kgl. Nationalgalerie
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