http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_11/0258
tuose Kunststück hervor; der Künstler ging auf in
seinem Gegenstande und eben dadurch leistete er
ein geschlossenes, harmonisches Kunstwerk. Diese
nur durch äusserste Selbstzucht erreichbare Fähigkeit
ist allein im stände, ein Genre- oder Historienbild
den Kunstfreunden, denen der sachliche Inhalt
des Werkes gleichgiltig oder gar störend ist, auf
die Dauer wert zu machen, und auch nur dann
gelingt ihr das, wenn die Persönlichkeit des den
Stoff gestaltenden und ihm sich doch unterordnenden
Künstlers originell und mächtig genug ist, um
dem wechselnden Geschmack durch ihre absolute
Grösse zu imponieren.
Den erwähnten Hauptbildern Hess Menzel bald
andere auf Friedrich bezügliche folgen, z. B. „Der
König auf Reisen", „Friedrich bei der Barberina",
„Friedrich im nächtlichen Kampf bei Hochkirch",
von denen das letztgenannte durch seine tragische
Wucht und Dramatik eine sich seltener aussprechende
Stimmung des Meisters bezeugt. Man kann nicht
sagen, dass es diesen Arbeiten an Erfolg gefehlt
hätte, dass der Künstler, verkannt und verfolgt wie
so viele andere Aussergewöhnliche, sich mühsam mit
ihnen habe durchkämpfen, durchsetzen müssen. Im
Gegenteil: sie bedeuten den Anfang der glänzendsten,
an Ehren aller Art sehr reichen Schaffenszeit des
Meisters. Nach der Krönung König Wilhelms in
Königsberg wurde ihm eine getreue Darstellung
dieses Aktes übertragen, die er mit peinlicher Beobachtung
aller Einzelheiten des Zeremoniells doch
nicht ohne malerische Wirkung und einen Zug ins
Grosse zu lösen wusste, und seitdem er bei dieser
Gelegenheit an das Studium der Gegenwart und
ihres Hoflebens geraten war, hat er nicht aufgehört,
die aristokratische Gesellschaft und die höchsten
Kreise bei ihren Bällen, ihren Soupers, ihren Cercles
und Gauserien zu beobachten und zu illustrieren.
Was ihn dazu bewog, war vermutlich der eigentümliche
Reiz, den die altmodische Pracht der
preussischen Schlösser mit ihrem goldigen Rokoko,
ihren Spiegeln, ihren schimmernden Kerzen und
Krystallkronleuchtern ausübt, dazu das bizarre,
capriciöse Frou-Frou elegantester Damentoiletten,
die charmante, studierte Bewegung und Begegnung
auf den Parquets und über alledem der Hauch der
anekdotischen Zeitgeschichte. Aber nicht diese Atmosphäre
allein, sondern überhaupt das genrehaft Pikante
im modernen Weltleben zog Menzel an. Das bewies
er durch zahlreiche Bilder aus dem Strassengetriebe,
die er dem Gewühl in den öffentlichen Gärten von
Paris oder den Promenaden der Badestädte, die er
besuchte, oder den Märkten Italiens oder den Dörfern
Oberbayerns entnahm: alles Charaktervolle, sofern
es nicht pathetisch ist, alles psychologisch Feine,
sofern es nicht empfindsam wirkt, alles Merkwürdige,
Komische und Problematische am modernen, an sich
vielleicht unbedeutenden Menschen reizte ihn zur Aufnahme
und zur Wiedergabe im Bilde. In einem gewissen
Zusammenhange mit der ausgesprochenen Vorliebe
für dieses ganze Wesen steht wohl auch die für ba-
rockeKircheninterieurs und Rokoko-Dekorationen, der
er in zahllosen entzückenden Studien nachgeht; ebenso
seine Neigung, Tiere zu beobachten und darzustellen
(wie z. B. im „Kinderalbum", einer Sammlung der
feinsten Aquarell- nnd Gouache - Miniaturen), und
selbst die Lust, allerlei scheinbar spröden Motiven,
wie etwa einem Drahtkäfig, oder einer Wand voll
aufgehängter Rüstungsteile, oder einer Halle mit den
Treibriemen, Rädern, Ofenthüren u. s. w. von Walzwerkmaschinen
, oder dem dürren Astwerk eines
kahlen Baumes, die malerische Seite und die organische
Struktur abzugewinnen, hängt unzweifelhaft
mit seinem scharfen Sinn für das Eigentümliche am
Gewöhnlichen zusammen.
Wie seine Beherrschung des fridericianischen
Zeitalters auf Spezialkenntnissen und auf verstandes-
mässiger Intuition beruht, so hat er sich der
Gegenwart bemächtigt durch Beobachtung dessen,
was seinen analysierenden Geist und seinen witzigen,
oft spöttischen Pinsel an ihr fesselte, d. h. ihres
Charakters, sofern er sich in genrehaften Zügen
offenbart.
Damit ist denn auch bezeichnet, was ausserhalb
der künstlersichen Natur unseres Altmeisters liegt.
Wie seine im kleinen Massstab so erstaunlich präzis
erscheinenden Formen desto mehr verflachen, jegrösser
er sie anlegt, so wird der psychische Gehalt seiner
Darstellungen desto weniger überzeugend, ja desto unschöner
, jemehr ihr Gegenstand Erhabenheit, Schwung
und Leidenschaft beansprucht. Mit einem Worte: an
Menzels Kunst wird die Tiefe und Wärme der Empfindung
und das Verständnis für die pathetischen
Bewegungen der Seele, endlich auch der Sinn für
poetische Zartheit und Lieblichkeit im Grunde ver-
misst. Ihre Kühle bringt seiner Stellung Gefahren.
Er entzückt das gebildete Auge des Kenners, aber er
reisst nicht die Herzen hin. Man wird ihn deshalb
weniger gut verstehen in Zeiten, wo der Geschmack
nach den besonderen Reizen stimmungsvoller Farbe,
empfindsamer Erfindung und mystischen Zaubers
verlangt; aber immer und immer wieder wird man,
sobald eine männliche Geschmacksperiode die weibliche
ablöst, von seiner Zeichenkunst, seiner Originalität
und seiner virtuosen Beherrschung des ihm
eigenen Gebietes bezwungen, voll Dankbarkeit und
Bewunderung zu ihm zurückkehren.
Wolfgang von Oettingen.
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_11/0258