Augustinermuseum Freiburg i. Br., 1009/11
Das Museum: eine Anleitung zum Genuß der Werke bildender Kunst
Berlin, 11. Band.[1911]
Seite: 31
(PDF, 164 MB)
Startseite des Bandes
Zugehörige Bände
Varia

  (z. B.: IV, 145, xii)



Lizenz: Public Domain Mark 1.0
Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_11/0285
befriedigt von den technischen Mitteln ihrer Kunst,
beständig danach ringen, sich eine eigene Technik
zu bilden, obwohl er auch vermöge seiner feinen
Bildung und seiner litterarischen Beziehungen mit
allen Neuerungen von heute bekannt ist, obwohl er
allen Versuchen, die die Erscheinungsform der
Kunst der Zukunft vorbereiten oder wenigstens
vorzubereiten wähnen, wohlwollend gegenübersteht,
kurz obwohl er körperlich und noch viel mehr
geistig noch jugendfrisch und kräftig ist, so hat
Francesco Paolo Michetti doch auch nicht einen
Funken Präraffaelismus, auch nicht die geringste
Neigung zum Komplementarismus in seiner Kunst.

Sicher nimmt unter seinen künstlerischen Fähigkeiten
das Farbenempfinden den ersten Platz ein;
weil ihm aber diese Beobachtung bis zum Ueber-
druss wiederholt wurde, warf er für einige Zeit die
Palette bei Seite und begann eine Reihe grosser
Köpfe nur in Helldunkel auszuführen. Nach der

blitzartigen Erscheinung des „Gelübdes" hielt man
ihn der Feinmalerei nicht für fähig, und sogleich
suchte er durch kleine, fein ausgeführte Bilder,
deren Prototyp das schon erwähnte Idyll ist, diese
Ansicht zu widerlegen. Endlich hat man von
seinem letzten grossen Gemälde „Die Tochter des
Jorio" behauptet, dass es neben den wesentlich
malerischen Talenten der Farbe und der Zeichnung
und dem künstlerisch höheren des Ausdruckes
eine besondere Schwäche in der Komposition zeige.
Es ist deshalb nicht unwahrscheinlich, dass in
seinem neuen Werke die Komposition bedeutungsvoll
hervortreten werde. Doch daran liegt wenig.
Das Wesentliche ist dagegen, dass er energisch die
Erschlaffung der letzten Jahre überwinde und wieder
hervortrete, wie er bisher immer gewesen, als grosser,
aufrichtiger und persönlicher Künstler, unabhängig
sowohl von den veralteten Vorurteilen der Akademie
wie von den kurzlebigen Maskenscherzen der Mode.

Ugo Fleres.

Giovanni Segantini.

AM modernen Kunstleben beteiligt sich Italien
>. nur mit Wenigem. Unter Vortritt der französischen
waren in den letzten Jahrzehnten die kunstübenden
Nationen Europas bei der Arbeit eine neue
Kunst sich zu schaffen. Italien stand in dieser umwälzenden
Bewegung abseits. Das hielt die Italiener
vom neuen nicht fern, dass sie ihre Bilder in der
erdrückenden Nachbarschaft der grossen Werke der
Vergangenheit malen mussten. Denn andere Völker
wurden durch verjährten Ruhm nicht im emsigsten
Umschaffen gehemmt. Im Schatten der ernsten
gotischen Dome Frankreichs entstand der zierlich
tändelnde Rokokostil. Nein, anderes hielt die Italiener
zurück. Sie geben sich als Künstler heute wie in ihrem
öffentlichen Leben überhaupt: glättend und vertuschend
. Im besten Fall sind sie geschickte Virtuosen.
Ihre Kunst ist in Vedute und Volksbild Fremdensouvenir
. Die Produktion Italiens an Kunstwerken ist
keineswegs gering. Aber es ist gefällige Dutzendware,
die, mal vereinigt, von einem ernsthaften Museum
sich unterscheiden würde, wie eine Leihbibliothek
schlechter Schmöker von der vatikanischen Bücher-
sammlung. Wo Italiener ausstellen, ist immer nur
ganz wenig bemerkenswert und von den vielen, die in
Italien von der Kunst leben, gehören nur ein paar in
die Kunstgeschichte, einige Volksmaler, Landschafter
und vielleicht ein Porträtist. Selbständig und ganz
ernsthaft sind in der heutigen italienischen Kunstwelt
wenige, aber gewiss einer: Giovanni Segantini.
Ein ganz Einsamer, der sich immer abseits stellte,

der nie im italienischen Leben stand, der eigenwillig,
aber mit starken Händen sich selbst formte, was er
brauchte, seine Technik, seine Kunst, sein Leben.
Dass er jenseits der politischen Grenzen Italiens
geboren wurde (in Arco am 15. Januar 1858), da
wo im Volke südliche mit nordischen Eigenschaften
sich mischen, machte ihm die Absonderung und die
Wahrung der Selbständigkeit leicht. Wie eine
Lügengeschichte des alten Vasari liest sich die
verbürgte Erzählung von Segantinis Jugend. Der
arme elternlose Jüngling wurde Schweinehirt, auf
rauher öder Berghalde hütete er das Vieh. Hier
fand man ihn einmal, als er eins der ihm anvertrauten
Tiere auf eine Felswand gezeichnet
hatte. Das entzündete die Bewohner des Dorfes zu
hellem und geräuschvollem Enthusiasmus (es waren
Italiener) und von da an war Segantini der Weg
zur Kunst gewiesen. Nicht dass er im harten Kampf
gegen äusserliche Bedrängnisse Sieger blieb (wer
Schweinehirt war, überwindet Hunger und Entbehrungen
leicht), ist des Rühmens wert, sondern
dass er die Erkenntnis fand, in die gewohnte Umgebung
der Jugend zurückkehren zu müssen, um
zu erreichen, was er wollte. Im entlegenen Alpendorf
liess er sich nieder, Gebirgsbauern waren sein
Umgang, die starre harte Natur der Berge die Umgebung
, die er vor Augen hatte. Segantini blieb
immer Aelplcr.

Er malt, was er täglich sieht. Das Hochalpenthal
mit den Menschen, die das wilde dürftige Land


Zur ersten Seite Eine Seite zurück Eine Seite vor Zur letzten Seite   Seitenansicht vergrößern   Gegen den Uhrzeigersinn drehen Im Uhrzeigersinn drehen   Aktuelle Seite drucken   Schrift verkleinern Schrift vergrößern   Linke Spalte schmaler; 4× -> ausblenden   Linke Spalte breiter/einblenden   Anzeige im DFG-Viewer
http://dl.ub.uni-freiburg.de/diglit/das_museum_11/0285