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Van Dyck. Hl. Familie mit dem Engelreigen. Petersburg, Ermitage.
Anton van Dyck.
VAN DYCK nimmt in der Geschichte der
Malerei einen viel höheren Rang ein, als man
gewöhnlich annimmt; Jahrhunderte haben in keiner
Weise die Bedeutung der Werke verringert, die
einst seinen Ruhm begründet haben. Als der
Spiegel einer exklusiven Gesellschaft bieten seine
Porträts, mögen sie auch zum grossen Teil ihren
Reiz der Phantasie des Künstlers verdanken, nichtsdestoweniger
ein Gesamtbild von eigenem Zauber und
Wert für die Zeit, in der er lebte, und für das Milieu,
in dem sich seine kurze und glänzende Laufbahn
abspielte. War doch van Dyck vor allem Porträtmaler
und man kann sagen, dass seine Kunst einen
Höhepunkt der Bildnismalerei bedeutet. Die Menschen,
die sein Pinsel wiedergegeben hat, erscheinen vielleicht
anders, wie sie andere Augen schärfer und
naturgetreuer gesehen haben — aber ein Ersatz für
uns ist es, dass wir die Ueberzeugung gewinnen, sie
ständen so uns vor Augen, wie sie selbst zu erscheinen
wünschten. Bei dem blossen Namen „van
Dyck" sieht jeder vor seinem geistigen Auge
Gemälde von heroischem Pathos und andere von
anmutigem Liebreiz auftauchen, die sich seinem
Gedächtnis mit unauslöschlicher Lebhaftigkeit eingeprägt
haben.
Van Dyck interpretiert; seine künstlerischen
Vorstellungen sind zum grossen Teil auf das Ideale
gerichtet, und äussere Umstände veranlassen ihn
in höherem Masse, als man glaubt, ein System
zu befolgen, das viel galt in der Schule des
Rubens — und Rubens war ja sicherlich van Dyck's
Inspirator, wenn nicht geradezu sein Lehrer. Aber
wenn man auch die Richtung bei Seite lässt, die
van Dyck's Kunst genommen, auch ohne Rubens
würde er zu den Künstlern ersten Ranges zählen.
Ja, ein Autor des XVIII. Jahrhunderts, der bekannte
Marquis d'Argens, nennt ihn in seiner „Reflexions
critiques sur les differentes ecoles de peinture" den
ersten aller Künstler.
Sein Talent offenbart sich in hervorragenden
Werken, noch bevor er bei Rubens gearbeitet hat,
als er mit 18 Jahren das Atelier Hendrick van Baiens
verlassen hat. Zwei Porträts der Dresdener Galerie
(1022 und 1023) stammen aus dem Jahre seiner
Aufnahme als Meister in die Antwerpener Lukasgilde
(1618). Ein Männerbildnis im Brüsseler Museum
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