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wusst ist, formt die Hand eines Künstlers das ganze
Gemälde, die Figur mit dem Hintergrund, in ein bestimmtes
Rechteck hinein nach der Vorstellung, die
sein Kopf geschaffen, bevor er ans Malen ging,
selbst wenn der Mensch, der porträtiert werden soll,
noch vor ihm sitzt. Dadurch erhält das Bildnis
immer eine subjektive Färbung. Bildliche Darstellung
wird erst durch diesen Prozess zum Kunstwerk.
Holbein war nun allerdings in erster Linie
scharfblickender Verstandesmensch. Aber auch solche
Menschen haben oft einen sehr ausgeprägten künstlerischen
Geschmack. Neben den Bildnissen Dürers
erscheinen die von Holbein. nicht nur kühler und
genauer, sondern auch feiner. Sie zeichnen sich aus
durch eine ruhige Klarheit und schlichte Vornehmheit
, und der Umstand,
dass die dargestellten Persönlichkeiten
im ganzen
genommen höher gestellt
waren, ist durchaus
nicht der ausschlaggebende
Grund für diese Thatsache.
Holbein kehrt nicht be-
wusst das Vornehme am
Menschen heraus, aber
sein Stil kommt trotzdem
auch solchen zu Gute, die
im Leben nicht sehr hoch
gestanden haben.
Eine vornehmere Wirkung
begünstigt schon die
zwanglose Haltung seiner
Gestalten — ein van Eyck
war nicht im stände, einen
eleganten Stutzer darzustellen
—, dann, dass er
mehr wie sein älterer
Zeitgenosse auf die Gesamterscheinung sah und schon
durch die Anordnung des Lichtes die Hauptformen
betonte und die kleineren Furchen, die die Mühen
des Lebens in die Gesichter eingraben, zurücktreten
Hess. Bei Dürer ging ferner Hand in Hand mit der
Neigung zu markiger Gharakterzeichnung auch die
Vorliebe für gekräuselte knorrige Linien; er sieht
an einer Wange, an einer Lippe so viel Biegungen,
wie kaum ein zweiter, und er giebt seine markigen
durchfurchten Köpfe fast überlebensgross auf einer
sehr kleinen Bildtafel. Holbein vereinfacht auch die
Linien, in glatte Falten legen sich seine Gewänder.
Bei kleineren Aufträgen hatte er keine Scheu vor
halber Lebensgrösse; er hat je länger je mehr die
Neigung, möglichst viel von der Figur sehen zu
lassen, und giebt seinen Gestalten mehr Raum. Eine
besondere Schönheit aber seiner Schöpfungen ist das
Kolorit. Ungetrübt, durch keine Schatten unter-
Holbein. Bildnis des Erasmus von Rotterdam. (i53o)
Ausschnitt aus einem Gemälde. Parma, Kgl. Galerie.
brochen, leuchten die Farben der festlichen Gewänder
, der klare Ton des Fleisches, und sie vereinigen
sich mit einem stets klug gewählten Hintergrund
von kräftiger Farbe zu einer bald zarteren,
bald volleren, stets feinen und kühlen Farbenharmonie
.
Mit einer Geschicklichkeit, die immer zunimmt,
weiss Holbein es so einzurichten, dass die verwandten
Farben sich zu grösseren Gruppen vereinigen. Die
Einfachheit und Klarheit der Anordnung giebt schon
für den ersten Anblick ein deutliches, ruhiges und
dadurch wohlthuendes Bild. Hie und da wählt der
Künstler schon bewusst eine elegante Haltung, und
die Gewandung ist immer mit vollem Verständnis
für das, was vornehm ziert, durchgeführt.
Der Ueberblick über
Holbeins Gesamtwerk erlaubt
dann noch einige
weitere Blicke in sein
Wesen. Auf der Höhe
seines Schaffens, dem letzten
Jahrzehnt seines Lebens
, im vierzigsten Altersjahr
und später bevorzugt
er die sonst seltene
Aufnahme direkt von
vorne. In fast einem
Drittel seiner späteren
Bildnisse und dabei gerade
in Hauptwerken ist sowohl
die Brust wie auch der
Kopf von vorne dargestellt
. Holbein erzielt damit
den Eindruck der
Offenheit, unerbittlicher
Geradheit, auch den brutaler
Energie. Offenbar
sind ihm diese Charakterzüge besonders sympathisch
gewesen. Liebenswürdig, selbst gutmütig erscheinen
einige seiner Personen, sentimental, etwa mit seitwärts
geneigtem Kopf, nie.
Die überraschendsten künstlerischen Erfolge hat
Holbein aber mit besonders feinen und gross angelegten
Naturen erreicht. Am Anfange seiner Laufbahn
steht als eine alles frühere und gleichzeitige
überragende Leistung das Porträt des Bonifazius
Amerbach, in ähnlicher Weise ragt aus den Meisterwerken
der letzten Zeit das Bildnis einer feinen und
kalten Herrschernatur, das des Herzogs von Norfolk,
hervor (Tf. 113 u. 114). Bei den Zeitgenossen machte
Holbein sein Glück namentlich durch die Bildnisse des
Erasmus, und zwar bei solchen, die den Gelehrten
kannten. Amerbach war eine schöne und sympathische
Erscheinung, die beiden anderen nicht, und doch
schimmert aus einem Bildnisse wie dem des Herzogs
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