Augustinermuseum Freiburg i. Br., 1009/11
Das Museum: eine Anleitung zum Genuß der Werke bildender Kunst
Berlin, 11. Band.[1911]
Seite: 14
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muss ein Kirchenmaler ganz nach dem Sinne
der italienischen Geistlichkeit jener Zeit gewesen
sein, die ja in kluger Absichtlichkeit vor allem
durch starke sinnliche Eindrücke überwältigend
auf das Gemüt und die Phantasie der naiven
Gläubigen wirken wollte. Wie eine überirdische
Vision, aber in der überzeugenden Form des Sinnlichen
, sollte die Darstellung der Göttlichkeit in Erscheinung
treten. In jener Zeit der Blüte hoher
geistiger Bildung auf klassicistischen Grundlagen, in
der Crivelli lebte und schuf, verlangte das gebildete
Publikum, das in den grossen Centren den Ton
angab, auch für die Befriedigung ihrer kirchlichen
Gewohnheiten — so muss man hier wohl statt
„Bedürfnissen" sagen — doch feinere und mehr
geistige Ausdrucksmittel als die, über die Crivellis
Kunst verfügte. War doch auch der Erfolg des
Predigers in jener Zeit wesentlich von der künstlerischen
Vollendung einer aus klassicistischer und
philosophischer Bildung geschöpften Rhetorik abhängig
. Später, in der Zeit der Gegenreformation,
haben besonders die Jesuiten wieder auf jene
kräftigen Mittel der älteren kirchlichen Kunst zurückgegriffen
und ihre Kirchen mit einer die Sinne fast
betäubenden Pracht ausgestattet. In der Renaissance
war Crivellis Kunst wesentlich mehr für die Kirchen
kleiner, ländlicher Orte geeignet, als für die von
den Gebildeten besuchten vornehmen Gotteshäuser
der Grossstadt.

In der That hat Crivelli seine zahlreichen Altargemälde
fast alle für Kirchen kleinerer Orte in der
Romagna und in der Mark Ancona, besonders von
Ascoli, wo er sich ansässig gemacht hatte, ausgeführt.
Dorthin war er durch den grossen Kreis seiner
Verehrer und Auftraggeber aus seiner venetianischen
Heimat geführt worden. Fast nie versäumt er,
seinem in fein gezirkelten Buchstaben aufgemalten
Namen stolz die Heimatsbezeichnung „Venetus"
hinzuzufügen. Sein Stil Hesse aber auch ohnedies
keinen Zweifel an seinem Schulzusammenhange mit
den alten Meistern von Murano, der sich allerdings
deutlicher in der Auffassung des Gegenstandes und
in der Gefühlsweise, in Komposition und in der
Ornamentation zeigt, als in der Formenbildung im
einzelnen.

Ohne Frage hat Crivelli dann seine Studien in
Padua unter dem Einflüsse Donatellos und der
Künstler um 'ihn, des alten Jacopo Bellini und vor
allem des jungen Mantegna, vollendet und hier sich
jene Schärfe und Präcision in der Zeichnung der Umrisse
und jene metallisch harte Plastik der Modellierung
angeeignet, die ebenso wie der Reichtum der
Renaissanceformen in der Dekoration offenbar nur
auf den überwältigenden Eindruck der Skulpturen,
die Donatello damals in Padua geschaffen hatte,

zurückgeführt werden können. Crivelli ist in
diesem Streben nach Plastik der Form in seinen
statuenhaften Gestalten weiter gegangen, als irgend
ein anderer der paduaner oder in Padua thätigen
Maler, die den grossen Florentiner nachzuahmen
suchten. Er übertreibt hierin, wie er auch oft in
der Ornamentik des Guten zu viel thut und die
architektonischen Teile mit schweren, allerdings
mit äusserster Sorgfalt durchmodellierten Ornamenten
oder mit dicken Fruchtkränzen überladet. Einzelne
Teile, wie z. B. die Schlüssel Petri im Triptychon
der Brera, bildet er sogar plastisch, so dass sie
reliefartig aus der Fläche herausragen. Der Sinn
für architektonische Verhältnisse scheint ihm zu
fehlen, er hätte gewiss nicht, wie viele seiner
Berufsgenossen jener Zeit, auch als Baumeister mit
in die Schranken treten können.

Crivelli ist ausschliesslich Maler und ausschliesslich
Kirchenmaler. Keines unter den zahlreichen
erhaltenen Werken seiner Hand stellt einen
profanen Gegenstand dar. Er geht wie in der äusseren
Wirkung auch in der Charakter- und Gefühlsdarstellung
vor allem auf den Ausdruck spezifisch
religiöser Empfindungen aus. Während die grossen
Meister des Quattrocento von Masaccio, Donatello
und Mantegna an mit staunenswerter Kühnheit und
Geistestiefe über den religiösen Inhalt hinaus zur
naturwahren Schilderung der rein menschlichen, elementaren
Affekte durchzudringen streben, begnügt er
wie die meisten andern sich mit dem, was der Gegenstand
in seiner konventionellen Deutlichkeit von ihm
forderte. Hier weiss er aber eine Delikatesse und
Vergeistigung der Formen, eine Zartheit der
Empfindung, eine milde Sinnigkeit der religiösen
Hingebung auszudrücken, die seine Madonnen und
weiblichen Heiligen wirklich wie unkörperliche, überirdische
Wesen erscheinen lassen. Die ätherische Erscheinung
der heiligen Magdalena in dem in wunderbar
zarten und doch saftigen Farben abgetönten
Bilde der Berliner Galerie (Abb. S. 13) bringt
diese Empfindungsweise des Meisters besonders fein
zur Geltung. Er erreicht in manchen Frauenköpfen
seiner spätesten Werke eine Regelmässigkeit und edle
Schönheit der vollen Formen, deren man seinen sonst
so herben Stil kaum für fähig halten möchte. Botti-
celli ging offenbar von der gleichen Absicht aus, die
Göttlichkeit der Jungfrau und der Engel durch
äusserste Zartheit der Körperformen, durch etwas
Beatricehaftes der Erscheinung wiederzugeben. Auch
bei ihm wird die Empfindung zur Empfindsamkeit;
aber ihn bewahrt seine gute Florentiner Schulung,
die Schärfe seines Blickes für die Wirklichkeit der
Formen vor den Uebertreibungen, in die der weichlichere
Venezianer verfällt. Crivelli, der doch über
eine sehr gründliche Kenntnis des menschlichen


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