Augustinermuseum Freiburg i. Br., 1009/11
Das Museum: eine Anleitung zum Genuß der Werke bildender Kunst
Berlin, 11. Band.[1911]
Seite: 15
(PDF, 164 MB)
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Körpers und seiner Bewegungen verfügt, bildet z. B.
die Hände der Frauen so unnatürlich dürr und lang,
er stellt sie in so unmöglichen, überzierlichen
Bewegungen dar, dass die Absichtlichkeit dabei klar
zu Tage tritt. So zierlich und regelmässig sind
auch die reichen, etwas eckigen Falten der schweren
Brokat- und Goldstoffe, deren Massen der Künstler
trefflich zu beherrschen versteht, angeordnet, die
dünneren Stoffe gefältelt, die Haare fein geglättet
oder gekräuselt, eins neben das andere gelegt, und
überall hin Schmuck ausgebreitet.

Neben dem Throne der Madonna, die voll Andacht
das frische, dralle Kind auf ihrem Schosse
kaum zu berühren wagt, stehen die Heiligen, empfindungsvolle
, schüchterne Jünglinge in reicher höfischer
Tracht oder charaktervolle Männer und Greise, die
voll Ernst und tiefgefühlter Inbrunst zur Madonna
aufblicken. Die grossartige Kraft der Plastik der
Formen und der energischen Charakteristik solcher
Gestalten zeigt den Meister von seiner besten Seite.
Ja nur wenigen Künstlern ist es überhaupt gelungen,
diese Wahrheit des Ausdruckes, diese Frische und
Lebendigkeit des Gebarens zu erreichen. Freilich
muss man ihm manche Herbheit, ja manche
karikaturenhafte Uebertreibung in Form und Ausdruck
zu gute halten. Er geht eben auch hierin auf
starke, augenfälligeWirkung auf unbefangene Gemüter
aus, so dass der Ausdruck heftigen Schmerzes (besonders
in der Darstellung der Pietä) leicht zur Grimasse,
die lebhafte Bewegung oft zur Verrenkung wird.

Man sieht wohl, wenn man die Reihe seiner
Werke in ihrer chronologischen Folge betrachtet,
wie der Künstler sich ehrlich und verständnisvoll
gemüht hat, durch ein eindringendes Studium des
menschlichen Körpers, seiner Bewegungen und seines
geistigen Ausdruckes, dann des Stofflichen und der
Landschaft zu einer packend naturwahren Darstellung
der körperlichen Erscheinung und derjenigen Empfindungen
, die er ausdrücken wollte, durchzudringen,
wie er in seinen späteren Werken danach strebt,
den Formen grössere Weichheit und Fülle zu geben.
Manche seiner frühesten Bilder, wie z. B. eine kleine
Tafel mit der Pietä und zwei Heiligen in Halbfiguren
im Berliner Museum, sind so schwach, dass man sie
ohne die echte Namensbezeichnung ihm schwerlich
zuzuschreiben wagen würde; ein kleines Madonnenbildchen
im Museum in Verona zeigt ihn noch ganz in
den Bahnen des alten Vivarini wandelnd; ganz man-
tegnesk in der Empfindung mutet uns ein ebenfalls
ganz frühes Madonnenbildchen in der Galerie Lochis
in Bergamo an. Vier kleine Heiligengestalten in der
Akademie in Venedig lassen uns einen Einblick in
die Anfänge seiner selbständigen Charakterstudien
thun. In seinem frühesten \on 1468 datierten Gemälde
bewegt sich der Künstler noch unsicher und suchend,

die Werke der siebziger Jahre zeigen ihn schon auf
der Höhe seines Könnens, dessen weitere Entwicklung
wir an datierten Werken bis 1493 schrittweise
zu verfolgen im stände sind. Abgesehen von den
Jahreszahlen, die Crivelli häufig seiner Namensbezeichnung
auf seinen Bildern beifügt, bietet auch
noch die Standesbezeichnung als Ritter („miles"
oder „eques laureatus"), eine Würde, die ihm 1490
von Ferdinand von Capua nicht etwa für seine
Leistungen als Maler, sondern als Belohnung für
seine politische Thätigkeit in den Parteikämpfen in
Ascoli verliehen worden war, einen Anhaltspunkt
für die Datierung einiger späterer Werke, auf
denen das Jahr der Entstehung nicht angegeben
ist. Diese Auszeichnung, auf die er offenbar nicht
geringen Wert gelegt hat, ist die einzige Nachricht,
die wir über die Persönlichkeit und Schicksale unseres
Meisters besitzen. Nur eine lange Reihe von Werken,
die alle bis in die kleinsten Einzelheiten mit der
äussersten Sorgfalt und Liebe ausgeführt sind, geben
Zeugnis nicht nur von seinem bewunderungswürdig
geduldigen Fleisse und von seinem technischen Geschick
, sondern auch von seinem intimen und selbstständigen
Verhältnis zur Natur. Nur wer die Natur
wirklich liebt und für ihre tausendfältigen Gestaltungen
ein feines Formengefühl besitzt, kann mit so
peinlicher Treue das Stoffliche jedes auch noch so
nebensächlichen und gleichgiltigen Gegenstandes, jede
Ader und jedes Fleckchen am Körper, jedes Hainichen
und jeden Tautropfen, jede Faser der Baumrinde
und jeden Faden der Gewänder so täuschend
nachahmen, ohne kleinlich zu wirken, ohne das Verhältnis
des Einzelnen zum ganzen Räume ausser
acht zu lassen. Die Figuren und Gegenstände stehen
trefflich im Raum, das Einzelne drängt sich nicht
vor und stört nirgends den prächtigen, harmonischen
Gesamteindruck.

Selten nur kann in Crivellis Gemälden die Landschaft
zur Geltung kommen; mit welcher Feinheit
er sie ganz im Sinne seines Meisters Jacopo Bellini
zu behandeln verstand, zeigt uns das reizvoll idyllische
Bildchen der Geburt Christi in der Galerie in Strass-
burg, eines der vorzüglichsten Werke aus der Frühzeit
des Meisters. Hier tritt auch eine andere Seite
seines Kunstcharakters bedeutungsvoll in den Vordergrund
, die Beobachtung und Schilderung des gewöhnlichen
Lebens. Der Sinn für das Genrehafte
hat sich immer besonders da entwickelt, wo durch
eine dynastische Regierung das Interesse des Volkes
vom öffentlichen politischen Leben abgelenkt und
von der unbefangenen Betrachtung und Erörterung
der grossen menschlichen Probleme abgeschreckt
wurde. Die venetianische Kunst hatte diese Lust
an der Darstellung ihrer täglichen Umgebung von
der trecentistischen Malerei in Venetien, die in den


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